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Flüchtlinge: Lampedusa – Insel der zerbrochenen Träume

 
Meldung vom 06.04.2011

Wieder ist es zu einem tragischen Schiffbruch vor der italienischen Insel Lampedusa gekommen: Mehr als 200 Flüchtlinge gingen in der stürmischen See über Bord. Viele konnten nicht schwimmen. Erst 47 von ihnen konnten bislang geborgen werden. Für die anderen besteht kaum mehr eine Überlebenschance. Die Flüchtlinge haben sich in Libyen eingeschifft. Lampedusa ist derzeit völlig überlastet mit der Flüchtlingssituation. Es gibt keinen Platz mehr für neue Flüchtlinge. Italien hat angefangen, Flüchtlinge auf das Festland zu verteilen.

Das „Tor zu Europa“ ist ein schmaler Engpass in einer hohen, sanitärgelben Betonwand. Zerbrochene Schüsseln liegen davor, zerfetzte Schuhe und abgetrennte Gliedmaßen. Das „Tor zu Europa“ erhebt sich auf dem zugigen Südkap von Lampedusa; es ist ein Mahnmal, das die Inselgemeinde für alle im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge errichtet hat. „Hügel der Schande“ haben sie den Ort nun betitelt, weil um das Denkmal herum hunderte jener Tunesier lagern, für die im Aufnahmezentrum kein Raum mehr ist.

2.000 von ihnen wurden Betten oder zumindest Decken zugeteilt, 4.200 hingegen schlafen unter freiem Himmel, in den Höhlen verfallender Weltkriegsbunker, ohne Sanitäranlagen, mitten im Müll. Das offiziell ausgegebene Essen genügt längst nicht mehr. Die anderen laufen auf dieser winzigen Insel umher und betteln. Doch die inselbewohner haben aus eigener Produktion gar nichts: Schon die 5.000 regulären Lampedusaner müssen buchstäblich alles vom Festland einführen, bis hin zum Trinkwasser. Und die gut 1.500 Eritreer und Somalier aus Libyen – die ersten Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet –, die haben die Behörden lieber gleich auf die noch kleinere Nachbarinsel Linosa abgeschoben.

Denn auf Lampedusa braut sich Unmut zusammen. Fischer haben die ausgedienten tunesischen Flüchtlingskähne zusammengebunden und mit ihnen die Hafeneinfahrt blockiert: „Wir sind voll“, las man auf den Transparenten an der Mole. Die versammelten Frauen von Lampedusa haben mitdemonstriert – und sind dann doch zur Sanitätsstation der Insel geeilt, um Windeln, Strampler und Milch für jenes Flüchtlingsbaby abzuliefern, das an Deck des Kahns, auf offener See geboren worden ist.

Vor wenigen Tagen macht Silvio Berlusconi eine Stippvisite zur Insel. „In 48 bis 60 Stunden“, tönte der Ministerpräsident, „wird Lampedusa nur mehr von Lampedusanern bewohnt sein.“ In Tunesien will er Fischkutter kaufen, „damit sie nicht mehr von Flüchtlingen verwendet werden können“ – und es besteht Unsicherheit darüber, ob er das im Ernst meint oder ob es ein Scherz ist. „Im Internet“ hat sich Berlusconi auch noch eine Villa auf der Insel gekauft, um „Lampedusaner zu werden und meine persönlichen Interessen zu verfolgen“. Und dann will die Regierung die Inselbewohner auch für den Friedensnobelpreis vorschlagen, schmeichelt Berlusconi.

Aber wohin will die Regierung die mittlerweile 22.000 nach Italien gelangten Tunesier verteilen, die für Berlusconi „arme Teufel“ sind, für Innenminister Roberto Maroni aber nicht einmal Flüchtlinge, sondern illegale Einwanderer? Die Lager auf dem Festland sind bis auf den letzten Platz besetzt, und gegen die 13 Zeltstädte, die Maroni nun übers Land verteilt aufschlagen will, empören sich Lokalpolitiker und Bevölkerung.

Denn Frankreich schickt alle Flüchtlinge nach Italien zurück. Am Donnerstag brachten die italienischen Behörden mehr als 2.500 Tunesier von der kleinen Insel in andere Aufnahmelager unter. Die meisten wurden mit zwei Schiffen Richtung Taranto in Süditalien transportiert, wie italienische Medien meldeten. Trotzdem versuchen jeden Tag neue Flüchtlinge Lampedusa zu erreichen. Allein in der nächsten Nacht strandeten weitere 500 Flüchtlinge auf Insel.

Die EU-Innenminister wollen in wenigen Tagen darüber beraten, ob sie eine EU-Richtlinie zum Massenzustrom von Flüchtlingen erlassen. Damit würden die Mitgliedsstaaten sich darauf verständigen, zumindest für eine gewisse Zeit Flüchtlinge aus Libyen aufzunehmen. Daran hat Italien großes Interesse, das schon lange dahingehend Druck ausübt, dass die übrigen EU-Staaten einen Teil der in Süditalien landenden Flüchtlinge aus nordafrikanischen Staaten auffangen. Bislang hat Deutschland das negiert, mit dem Argument, in Italien handele es sich nur um wenige Tausend Flüchtlinge, während Deutschland während der Balkankriege in den 90er Jahren zeitweise 350.000 bedrohten Menschen Zuflucht geboten hatte.

Allerdings darf nach der EU-Richtlinie jeder Staat selbst darüber entscheiden, wie groß das Aufnahmekontingent sein soll. Bislang weist die Bundesregierung eine Aufnahme von Flüchtlingen von sich. Eine Einladung nach Deutschland werde als Signal zur Flucht interpretiert, lautet es aus der Koalition. „Die humanitäre Hilfe vor Ort für die Menschen steht im Moment im Vordergrund“, erklärt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Nachhaltige Entwicklungshilfe vor Ort ist ein wichtiger Beitrag, Flüchtlingszuströme zu verhindern.






Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Der Tagesspiegel“, tagesspiegel.de

Schlagwörter: Globale Projekte, Flüchtlinge, Lampedusa, Zustrom, Silvio Berlusconi, Lager, Auffanglager, Schiffbruch, Ertrunkene, Italien, Frankreich, Deutschland, EU, EU-Richtlinie, illegale Einwanderer, Migration