Mexiko: Sprachlose Wut – 3 Tage Schweigemarsch gegen Drogenkrieg

 
Meldung vom 09.05.2011

Schrankenlose Gewalt erschüttert Mexiko seit vielen Jahren. Ungehindert üben die Drogenkartelle ihre Macht aus. Korruption und Unfähigkeit in den Behören und Sicherheitsinstitutionen tragen zu dem nicht enden wollenden Drogenkrieg bei. Der Kampf gegen die Drogen zermürbt Mexikos Gesellschaft. Die Bürger reagieren nun mit einem tagelangen Schweigemarsch.

Fünf Jahre nach Beginn des Drogenkriegs verlangen mehr als Hunderttausend Mexikaner ein Ende des Blutvergießens. In tiefes Schweigen gehüllt erreichte ein langer Protestmarsch den zentralen Zocalo-Platz in Mexiko-Stadt. Drei Tage lang währte der Marsch. Er startete im 90 Kilometer entfernten Cuernavaca und wurde vom Schriftsteller Javier Sicilia angeführt.

Dessen 24-jähriger Sohn
war vor Kurzem zusammen mit sechs weiteren Personen aus einer Bar entführt und exekutiert worden. Seither versinnbildlicht der graubärtige Poet mit dem hellen Hut und der Reporterweste den Schmerz und die Wut der Mexikaner über die meist folgenlos gebliebenen Gewaltorgien der Kartelle und die Inkompetenz der Behörden. In 30 anderen Städten schlossen sich Menschen weiteren Demonstrationen gegen die Gewalt an.

Bei der Abschlusskundgebung verlangte Sicilia den Rücktritt des Sicherheitsministers Genaro Garcia Luna, dem Verbindungen zum Sinaloa-Kartell unterstellt werden. „Die Drogenbosse haben den Staat gefesselt“, kritisiert Sicilia. Deshalb ermahnt er alle Parteien, eine interne Säuberung durchzuführen. „Sonst müssen wir uns bei der nächsten Wahl fragen, welchem Kartell wir unsere Stimme geben wollen“, meinte Sicilia ironisch und kündigte unter ohrenbetäubendem Applaus einen Boykott der Präsidentschaftswahlen 2012 an.

Mexikos Sicherheitskräfte, die Justiz und lokale und regionale Autoritäten stehen im Verruf, vom Drogenhandel infiltriert zu sein; 90 Prozent aller Gewalttaten bleiben unbestraft. „Wie ist es möglich, dass Gouverneure einfach so weiterregieren, obwohl allgemein bekannt ist, dass sie mit einem Kartell zusammenarbeiten?“, empört sich Sicilia. In einer Atmosphäre der Betroffenheit zitierten Angehörige von Opfern außerdem Namen von einer langen Liste von Toten; nach jedem Namen erwiderte die Menge „hätte nicht sterben dürfen“.

Präsident Felipe Calderón hat nach seinem Amtsantritt 2006 den Krieg gegen die Drogenkartelle eröffnet und die Armee dagegen antreten lassen. Seither wurden fast 40.000 Menschen dabei getötet, die Gewaltkriminalität hat sich besonders im Grenzgebiet zu den USA zugespitzt, inzwischen geraten auch viele Unschuldige zwischen die Fronten und sterben.

In der Bevölkerung gibt es daher immer weniger Rückhalt für den Drogenkrieg. „Die Strategie ist falsch“, meint Bischof Raul Vera aus Saltillo, der ebenfalls am Marsch teilnahm. „Ohne die Bekämpfung der Korruption gibt es keinen Ausweg.“ Vera wertet es als einen Fortschritt, dass sich die Mexikaner endlich mobilisierten, um eine andere Strategie im Drogenkrieg zu fordern.

Die Regierung wird aufgefordert, einige der besonders auffälligen Morde endlich juristisch zu klären. Bereits 2008 kam es zu großen Protestmärschen. Schon damals verlangten die Teilnehmer Justiz- und Polizeireformen, die aber aufgrund parteipolitischer Interessen und starker Gegenwehr der betroffenen Institutionen nur unzureichend umgesetzt wurden.


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 Schweigemarsch Zehntausender gegen Drogenkrieg


Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Die Zeit Online“, zeit.de