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Äthiopien: Land in fremder Hand

Meldung vom 08.06.2011

Äthiopische Bauern müssen dabei zusehen, wie ihnen Stück für Stück Land entzogen wird. Es ist ein aussichtsloser Kampf: Indische Agrarinvestoren stürzen sich auf Ackerland in einem der ärmsten Länder weltweit. Die Großfarmen bieten als Gegenleistung Millionengewinne. Angebaut werden Weizen, Soja und Biosprit-Ölpflanzen. Fast die gesamte Ernte ist für den Export bestimmt. Auf soziale Probleme nehmen die Investoren keine Rücksicht. Während die Bevölkerung unter Hunger leidet, verpachtet die Regierung riesige Flächen. Die Großfarmer lassen Kinder in den Feldern arbeiten, um ihre Kosten niedrig zu halten.

Nur Reds Kopf ragt aus dem Grün hervor. Seit dem frühen Morgen rutscht der Junge bei knapp 40 Grad inmitten eines Zuckerrohrfeldes auf den Knien herum und jätet Unkraut. Ein Inder mit großem Sonnenhut beäugt ihn und passt auf, dass er auch nichts übersieht. Red ist acht Jahre alt.

20 Birr, umgerechnet 83 Cent, beträgt der Tageslohn des Jungen für Feldarbeit im Westen Äthiopiens. Das ist preiswerter als Pflanzenschutzmittel. In drei Jahren will der indische Farmpächter Millionen Profit machen, indem er im Hungerland Äthiopien Lebensmittel herstellt. Nicht für die Bevölkerung des zwölftärmsten Landes der Welt – sondern für den Export und Kinderarbeit wird dabei mit einkalkuliert. Das sogenannte „Landgrabbing“ (Landklau), der Wettlauf um riesige landwirtschaftliche Produktionsflächen, hat hier gerade erst angefangen.

„Noch ist hier überall Wildnis, aber bald wird hier alles ordentlich aussehen und wir werden unter anderem Zuckerrohr und Ölpalmen anbauen“, protzt Karmjeet Singh Sekhon, als er in einem Pick-Up der Marke Toyota über seine Farm braust. Rechts und links neben der Piste steht das Buschland in Flammen, wo die gelegten Feuer zu erlöschen drohen, helfen Bulldozer nach. Aufgeschreckte Vögel heben sich in die Luft und fliehen vor dem Feuer gen Westen, gen Sudan. Der 68-jährige Inder arbeitet als Manager einer gigantischen Farm, die sich im Westen Äthiopiens auf einer Fläche von 100.000 Hektar ausbreitet, man rechnet bald schon mit einer Vergrößerung auf 300.000 Hektar – eine Fläche größer als Luxemburg.

Angekurbelt durch den Anstieg und die Schwankungen der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt und Hungerrevolten in 15 Ländern setzte sich 2008 ein beispielsloser „Run“ auf landwirtschaftliche Produktionsflächen in Afrika, Südamerika und Asien in Gang. Ein Weltbank-Report stellt fest, dass alleine im Jahr 2009 weltweit 45 Millionen Hektar Land verpachtet wurden. Zwischen 1998 und 2008 waren es noch rund vier Millionen Hektar pro Jahr gewesen. Und die Gier nach Land ist noch nicht befriedigt. Die Weltbank schätzt (vorsichtig), dass in den Entwicklungsländern bis zum Jahr 2030 jedes Jahr rund weitere sechs Millionen Hektar Farmland an Investoren verpachtet werden, zwei Drittel davon in Sub-Sahara-Afrika und Südamerika.

Vor allem Länder wie Indien und die Golfstaaten wollen sich so gegen den Hunger ihrer wachsenden Bevölkerungen absichern oder Ernten produzieren, um damit auf dem Weltmarkt zu handeln. Mais, Reis, Weizen, Soja, Sorghum, Sesam, Zuckerrohr und Ölpflanzen für die Biospritproduktion sind bei den Investoren derzeit sehr gefragt. Die Weltbank weiß um Vor- und Nachteile dieser Bewegung. „Die Landakquisitionen bergen ein großes Risiko. Der Schleier der Geheimhaltung, der auf diesen Land-Deals liegt, muss gelüftet werden, damit die armen Leuten nicht den ultimativen Preis zahlen und ihr Land verlieren“, warnt Weltbank-Direktorin Ngozi Okonjo-Iweala.

Derzeit sind in Äthiopien, dem Land, in dem bei einer furchtbaren Hungerskatastrophe vor 26 Jahren über eine Million Menschen ums Leben kamen, rund 3,2 Millionen Menschen von Lebensmittelhilfsliegerungen abhängig. Der Großteil der Notnahrung wird aus dem Ausland eingeführt. Kein Problem, argumentiert Farm-Manager Sekhon. „Ein Teil unserer Produktion bleibt in Äthiopien und mit dem Export kommen harte Devisen ins Land, mit dem Äthiopien auf dem Weltmarkt einkaufen kann“, versichert der Inder. Ein Gesetz, das besagt, dass ein gewisser Prozentsatz im Land bleiben muss, existiert aber nicht und Karuturi-Marketing- und Logistik-Chef Birinder Singh macht sich noch nicht einmal die Mühe, zu verbergen, dass seine Firma rein auf Profit ausgerichtet ist.

Die äthiopische Regierung spekuliert mit der Verpachtung riesiger Flächen an ausländische Investoren auf den so dringend benötigten Modernisierungsschub für die Landwirtschaft. Kritiker jedoch nennen den Vorgang Ausverkauf. Doch Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi setzt sich gegen diesen Vorwurf zur Wehr. Wer ausländische Konzerne des „Landgrabbings“ beschuldige, sei schlecht informiert oder hege böse Absichten, ärgert sich der Politiker. „Wir möchten nicht die jungfräuliche Schönheit unseres Landes bewundern, während wir verhungern“, beanstandete der Premierminister auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Indiens Premierminister Manmohan Singh in Addis Abeba.

Die äthiopischen Bauern haben in dem Prozess der Umstrukturierung kein Mandat. Bauer Ojwato ist wütend: „Als die Ausländer mit ihren großen Maschinen kamen, haben wir sie willkommen geheißen. Sie haben uns versprochen, dass sie uns Strom, Wasser und Krankenhäuser bringen. Davon ist bislang nichts passiert. Sie haben nur einigen von uns schlecht bezahlte Arbeit gegeben“, so der Bauer. „Wir zahlen immer den nationalen Mindestlohn“, erwidert Karuturi-Mann Birinder Singh stolz; Regierungsvertreter Kebede wischt das Argument vom Tisch und behauptet, dass niemand gezwungen werde, für den Lohn von rund einem Euro pro Tag bei den Indern zu arbeiten.

Dennoch mühen sich viele Kinder auf den Feldern ab. „Die spielen doch nur im Gras“, meint Kebede, als er Fotos der arbeitenden Kinder vor die Nase gehalten bekommt. Und dann gibt er dem Journalisten noch einen gönnerischen Rat: „Die ganze Welt wird über Sie lachen, wenn Sie schreiben, dass in Gambella die Kinder arbeiten. Denn die ganze Welt weiß, dass die Arbeitsmoral dort sehr schlecht ist.“

Eine weitere Tatsache ist, dass für die Riesenbetriebe viele Äthiopier in Westäthiopien umgesiedelt werden. Gegen das staatliche Umsiedlungsprogramm kann sich keiner wehren. Auch wenn kein expliziter Zusammenhang zwischen den Großfarmen und den Umsiedlungen nachweisbar ist und Experten an Recherchen diesbezüglich von der Regierung gehindert wurden, vermuten die Betroffenen genau das.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Welt Online“, welt.de

Schlagwörter: Äthiopien, Land, Fläche, Acker, Hektar, Landraub, Ausverkauf, Investoren, Regierung, Meles Zenawi, Dürre, Hunger, Kleinbauern, indische Investoren, Argrarpolitik, Großplantagen, Recht auf Nahrung, Kinderarbeit, Wettlauf, Hungersnot, Lebensmittelpreise, Hungerrevolte, Handel, Weltmarkt, Golfstaaten, Profit, Umsiedelung, Ernte, Zwangsumsiedelung, Biosprit, Ackerland, Mindestlohn