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Kenia: Die Kinder sterben am Wegesrand

 
Meldung vom 19.07.2011

Die Dürre in Ostafrika hat etwa 15 Millionen Menschen in eine Hungersnot gestürzt. Wer noch genug Kraft hat, flieht nach Kenia. Aber längst nicht alle erreichen das Flüchtlingslager Dadaab. Minibusse sollen entkräftete und zurückgelassene Kinder vom Straßenrand retten. Ein neues Lager soll nicht eröffnet werden, damit sich die Flüchtlinge nicht in Kenia niederlassen, weil es im Flüchtlingslager bessere Lebensbedingungen als in Somalia gibt.

„Ich weiß es nicht. Wirklich nicht“, gibt Abdio Ali Elmoi zu. Sie kauert auf dem Boden, auf seltsame Weise verbunden mit dem staubtrockenen Sand des von Dürre geplagten Grenzgebietes zwischen Kenia und Somalia. „Ich kann mich nicht erinnern wie alt ich bin.“ Mit ihren knochigen Händen befreit die Somalierin ihr Gesicht von dem überall anwesenden Staub. „Ich habe alles vergessen.“

Elmoi gehört zu den Zigtausenden Flüchtlingen, die von Hunger geplagt über die somalische Grenze nach Kenia in das weltweit größte Flüchtlingslager Dadaab aufgebrochen sind. Ein langes schwarzes Gewand und ein Schleier verhüllen den ganzen Körper der Frau. Das unterstreicht ihr von tiefen Falten durchfurchtes Gesicht, ihre Augen sind erloschen.

Elmoi hat seit Monaten keine ordentliche Mahlzeit mehr gegessen. Hunger und Durst beherrschen ihr gesamtes Denken. Lange sei sie mit ihren Kindern gewandert, sagt sie. „Zuerst sind wir mit dem Bus gefahren. Bis zur kenianischen Grenze. Dann hatte ich kein Geld mehr und wir sind gelaufen.“ Barfuß hat sie sich durch die derzeit wohl menschenfeindlichste Landschaft im Osten Kenias geschlagen, wo zahlreiche Regenperioden hintereinander ausblieben und nichts mehr grünt. Hinzu kommt die Gefahr von bewaffneten Banditen, die verzweifelte Flüchtlinge wie Elmoi ausrauben.

Elmoi ist zwar völlig entkräftet, aber sie hat es geschafft, mit ihren beiden Töchtern und ihrem Sohn Mustafa aus der Hafenstadt Kismayo im Süden Somalias in das etwa 250 Kilometer entfernte Dadaab zu gelangen. Fünf weitere Kinder ließ sie bei ihrem Mann zurück. Mit 1.300 anderen Somaliern, die alle am gleichen Tag hier angekommen sind, steht sie in der Schlange, um sich offiziell registrieren zu lassen. Erst dann kann sie das begehrte Essen und Wasser von den Hilfsorganisationen bekommen.

„In Somalia kann man nicht mehr leben“, bezeugt Elmoi. „Unser Vieh ist tot. Drei meiner Kinder sind verhungert.“ Als vor einem Monat ihre zwei Jahre alte Tochter verhungerte, fassten Elmoi und ihr Mann den Entschluss, nach Dadaab aufzubrechen. Das Geld reichte nicht dafür, dass alle Familienmitglieder sich auf den Weg machen konnten. Also ging Elmoi vor. Sie soll nun die Reise der restlichen Familie bewerkstelligen. Aber dazu hat sie im Augenblick keine Kraft mehr.

Wenn Elmoi die Registrierung erfolgreich hinter sich gebracht hat, erhält sie das begehrte blaue Armband, das sie hier in Dadaab zu regelmäßigen Lebensmittelrationen berechtigt. Doch in dem großen weißen Zelt, in dem Angestellte der kenianischen Regierung mit blauem Mundschutz die Neuankömmlinge ohne Mitgefühl registrieren, waltet das Chaos. „So viele Flüchtlinge hatten wir hier noch nie“, klagt Mohammed Gagalo, Leiter des Registrationszentrums in Dadaab. „Wir kommen kaum noch klar. Unsere Kapazitäten sind erschöpft, aber wir müssen jeden Flüchtling erfassen und überprüfen.“

Auch die junge Frau, die auf dem Boden sitzt und sich das Knie reibt, hat eine Leidensgeschichte hinter sich. „Es ist geschwollen und tut unglaublich weh“, erklärt sie. Drei Wochen ist sie am Stück gelaufen, Tag und Nacht. Das kleine Baby lud sie sich auf den Rücken und ihre vierjährige Tochter zerrte sie an der Hand mit sich. „Mein Erstgeborener war zu schwach“, fügt sie hinzu. „Ich hatte kein Wasser und konnte ihn nicht tragen. Das Baby und ihn.“ Sie spricht nicht weiter. Ihr Gesicht verhärtet sich. Berichte über Kinder, die am Wegesrand nach Dadaab zurückgelassen wurden, versetzen auch die UN in Sorge. Das UNHCR plant nun, Minibusse zu organisieren, um geschwächte Flüchtlinge von der somalischen Grenze nach Dadaab zu transportieren. „Unsere Hauptsorge gilt den Babys, die es nicht schaffen in unser Krankenhaus zu kommen“, meint Edward Chege, Direktor des Krankenhauses von Dadaab. „Denn wir wissen, was wir hier in der Klinik sehen ist ein Spiegelbild dessen, was da draußen passiert.“

In dem von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Krankenhaus warten reihenweise bis auf die Knochen abgemagerte Kinder und Säuglinge auf ihre Behandlung. Das Wimmern und die Schreie der jungen Dürreopfer sind herzzerreißend. Isak Abdi Saney ist bei seinem sechs Monate alten Sohn und versucht, ihn zu beruhigen. Der Junge ist winzig, kleiner als ein Neugeborenes. Die Haut des Kindes hängt schlaff an den Knochen herab. Die Ärzte konnten keine Ader für den Tropf erreichen, deshalb musste die Kanüle am Kopf angesetzt werden. Als zwei kenianische Ärzte seinen Sohn untersuchen wimmert der Kleine nur. Sein kleiner ausgetrockneter Körper gibt wohl keine Tränen mehr her. „Wie kriegen ihn durch“, versichert der eine Arzt. Sein Kollege schweigt.

Die kenianische Regierung hat bisher die offizielle Eröffnung eines neuen Lagers mit guten Unterkünften untersagt. Es sei zu schön, hieß es bei der ersten Besichtigung. Man befürchte, die Flüchtlinge würden dann nicht mehr weggehen. Die Sorge ist begründet: Somalis fliehen seit 20 Jahren nach Dadaab. Drei Generationen somalischer Flüchtlinge haben sich schon hier niedergelassen. Sie dürfen das Lager nicht verlassen, verfügen über keine Arbeitserlaubnis und haben keine Perspektive. Für Abdio Ali Elmoi gibt es darüber aber keine Diskussion mehr: „Ich gehe nie wieder zurück. Ich erinnere mich nicht an Somalia. Ich will nur vergessen und neu anfangen.“






Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Welt Online“, welt.de

Schlagwörter: Kenia, Dürre, Flüchtlinge, Hunger, Flüchtlingslager, Dadaab, UN, Hungersnot, Flucht