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Afghanistan: Die Afghanen sollen endlich selbst entscheiden dürfen

Meldung vom 16.11.2011

Nach 10 Jahren Krieg in Afghanistan ziehen nicht nur die militärischen und politischen Strategen sondern auch die Hilfsorganisationen eine Bilanz. Nach allen Anstrengungen für den zivilen Aufbau gehört Afghanistan immer noch zu den ärmsten Ländern der Welt. Der Sprecher vom Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO), Robert Lindner, bemängelt in einem Interview, dass der Schwerpunkt zu lange auf die militärischen Operationen gelegt und der Aufbau des Landes zu spät anvisiert wurde.

Obwohl die internationale Gemeinschaft Milliarden Euro in Schulen, Krankenhäuser und Wirtschaftsstruktur investiert hat, kommt das Land nicht richtig in auf die Beine. Weniger als 15 Prozent der Frauen beherrschen das Lesen und Schreiben, Gewalt gegen Frauen ist immer noch an der Tagesordnung.

Andererseits wurden aber auch einige Ziele erreicht und das ist unter anderem auch dem Einsatz von unabhängigen Hilfsorganisationen zu verdanken, so Lindner. So gehen heute rund 2,7 Millionen Mädchen zur Schule, verglichen mit wenigen Tausend zu Taliban-Zeiten. 72 Prozent aller Mädchen im Schulalter wagen sich jedoch immer noch nicht regelmäßig zur Schule, da sie Angst vor Verfolgung und Gewalt haben müssen. Überhaupt sei es auffällig, dass in den letzten Jahren immer mehr Zivilpersonen Opfer von Kampfhandlungen werden, stellt Lindner fest. Alleine im ersten Halbjahr 2011 sind 1.500 Zivilisten umgebracht worden – ein Drittel mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Wirklich weitreichende Fortschritte konnten bei der Gesundheitsfürsorge erzielt werden. Dennoch rangiert die Müttersterblichkeitsrate noch immer unter den höchsten weltweit. Besonders in abgelegenen ländlichen Gebieten bringen bis zu neun von zehn Frauen ohne Versorgung durch Hebammen oder Ärzten ihre Kinder zur Welt. Viel zu viele Menschen in Afghanistan haben keinerlei Zugang zu den fortschrittlichen Einrichtungen, kritisiert Lindner.

Der bevorstehende Abzug der ISAF-Truppen bewegt auch die Hilfsorganisationen vor Ort. Viele Projektpartner im Land bemängeln, dass die afghanischen Sicherheitskräfte noch längst nicht in der Lage sind, ihre Bürger zu schützen. In der Tat ist die Ausbildung von Militär und Polizei, woran auch deutsche Soldaten und Polizeiexperten stark beteiligt sind, nach wie vor nicht ausreichend. „Wie sollen Polizisten auch in acht Wochen neben bloßem Schießtraining ausreichend in rechtsstaatlicher Polizeiarbeit ausgebildet werden?“, fragt Lindner. Um da eine Grundlage zu schaffen, müssten sich die internationalen ISAF-Truppen in den verbleibenden Jahren konsequent auf den Schutz der Zivilbevölkerung und menschenrechtsorientierte Militär- und Polizeiausbildung konzentrieren.

Lindner, der gerade in Afghanistan war, hat die dringendsten Bedürfnisse der Menschen dort wahrgenommen: „Viele Menschen misstrauen den laufenden Friedensbemühungen. Besonders Frauen fürchten um ihre verfassungsmäßigen Rechte, sollten Extremisten an der Macht beteiligt werden. Manche Rechte stehen heute allzu oft nur auf dem Papier, doch immerhin gibt es in Afghanistan mehr Frauen im Parlament und in anderen politisch einflussreichen Funktionen als in vielen anderen Ländern der Region“, berichtet der VENRO-Sprecher.

Zu den Errungenschaften gehört, dass mutige Anwältinnen gegen Zwangsverheiratung und familiäre Gewalt kämpfen. Auch haben sich in Afghanistan in den letzten Jahren eine kritische Zivilgesellschaft und eine Medienlandschaft herausgebildet, die eine wichtige Rolle bei der Verbreitung demokratischer Werte spielen. In traditionell geprägten Gemeinschaften wird mehr und mehr der Gedanke integriert, dass zum Beispiel die Berufstätigkeit von Frauen nicht gegen religiöse Grundsätze verstößt und dass ausreichende Bildung und Gesundheitsfürsorge die Basis für ein besseres Leben sind.

Viele Afghanen haben eine ambivalente Einstellung zu der Präsenz der ausländischen Truppen, besonders dort, wo aggressive Kampftaktiken den Konflikt eher verschärft und viele zivile Opfer gefordert haben. Dennoch haben auch viele Furcht vor einem Erstarken der Taliban, da damit mühsam errungene Rechte und Freiheiten wieder gefährdet seien. Dennoch geht Lindner davon aus, dass den meisten Menschen bewusst ist, dass die Ursachen der Gewalt in Afghanistan selbst gelöst werden müssen. „Dazu ist jedoch die weitere Solidarität von außen nötig, ein stabiler politischer Rahmen für eine tragfähige Friedenslösung, der durch die bisherige Militärintervention eher behindert worden ist“, meint Lindner.

Der VENRO-Verband appelliert an alle beteiligten Regierungen der kommenden Afghanistan-Konferenz in Bonn, dass die afghanische Zivilgesellschaft, besonders Frauen, in die laufenden Friedensbemühungen stärker involviert werden müssen. „Kriegsverbrechen müssen aufgearbeitet, Opfer entschädigt und Täter ausnahmslos zur Rechenschaft gezogen werden“, fordert Lindner. Auch dürfe die Not- und Entwicklungshilfe nicht mehr wie bisher die zweite Rolle spielen. Die afghanische Regierung wird aufgefordert, „stärkere Anstrengungen zu unternehmen, demokratische Strukturen auf allen Ebenen einschließlich der Provinzen und Distrikte zu etablieren“.

Lindners persönliche Vision für Afghanistan klingt hoffnungsvoll: „Ich wünsche mir, dass die Afghaninnen und Afghanen endlich selbst über den Aufbau und die Zukunft ihres Landes entscheiden können und nicht fremde Mächte und zweifelhafte inländische Machthaber über die Köpfe der Bevölkerung entscheiden.“ Und einen weiteren Schlüssel zu einer besseren Zukunft sieht Lindner in der Jugend Afghanistans: „Über die Hälfte der afghanischen Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre – deshalb muss die Jugend mittels verbesserter Bildung und Ausbildung eine Perspektive und bessere Voraussetzungen zu sozialer, wirtschaftlicher und politischer Teilhabe erhalten. Besonders den Frauen fällt dabei eine Schlüsselrolle zu.“




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V. (VENRO)“, venro.org

Schlagwörter: Afghanistan, VENRO, Robert Lindner, Abzug, Afghanistan-Konferenz, Rechte, Freiheit, Medien, Demokratie, Frauen, Frauenrechte, Jugend, Nichtregierungsorganisation, Müttersterblichkeitsrate, ISAF, Sicherheitslage, Taliban, Schule, Mädchen