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Afghanistan: Wo Sportler Überlebenskämpfer sind

 
Meldung vom 13.08.2012

Nesar Ahmad Bahawi hinkt durch die Katakomben, der Schweiß rinnt über sein Trikot. Bitte nicht, wendet er sich an die Presseleute, er kann jetzt kein Interview geben, er muss sich dringend setzen. Dann humpelt er in den Athletenbereich, ein letzter Blick auf ihn offenbart, wie er seinen Kopf an die Brust eines Trainers lehnt. Bahawi weint vor Schmerzen.

Vor Schmerzen, und vermutlich ein wenig auch vor Stolz. In der zweiten Runde seines Achtelfinalduells mit dem Marokkaner Issam Chernoubi hat der afghanische Taekwondokämpfer einen Schlag gegen sein Bein einstecken müssen. Fast eine Minute lag er danach auf der Matte, bis er sich allmählich wieder aufrichtete. Taekwondo ist ein Sport, der gesittet verläuft. Die Gegner verbeugen sich vor jeder Runde in alle Richtungen und reichen sich über dem ausgestreckten Arm des Schiedsrichters die Hand. Aber Taekwondo kann auch starke Verletzungen hervorbringen.

Mohammad Zahir Aghbar sieht genau darin den Grund, warum seine Mitbürger in dieser Kampfsportart so erfolgreich sind. „Bei der Situation in unserem Land lernst du zu kämpfen“, erklärt der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Afghanistans, „du lernst, einzustecken und dich zu verteidigen.“ Dann folgt er dem tapferen Bahawi, um ihn zu trösten. Denn der hat vorhin trotz seiner Verletzung nicht nur den Kampf fortgeführt, es ist ihm sogar gelungen, einen 2:3-Rückstand gegen den marokkanischen Weltranglistenzweiten noch in ein 4:3 zu verwandeln.

Am Abend aber unterliegt er im Viertelfinale in der Kategorie bis 80 Kilogramm mit 1:8. Die Verletzung behindert ihn einfach zu stark. Er kann die Halle noch nicht einmal alleine verlassen, zwei Helfer stützten ihn. Selbst ein Afghane muss sich irgendwann geschlagen geben. Erhobenen Hauptes hinkt er von der Kampfmatte, während sein Bezwinger noch einmal hinter ihm her kommt. Der Italiener Sarmiento nimmt ihn in den Arm, dann bittet er ihn nochmals in die Mitte, deutet auf ihn und fordert das Publikum zum Applaus auf. Eine liebevolle Geste, Bahawi umarmt den Italiener. Dann humpelt er zum letzten Mal davon.

Bahawi (28) stammt aus der Provinz Kapisa nordöstlich von Kabul. Erst im Juni wurden dort beim Bombenanschlag fünf Menschen in den Tod gerissen. Bei den Spielen in London ist er einer von sechs afghanischen Athleten. Angetreten sind ein Boxer, eine Judoka, ein Sprinter und eine Sprinterin, Tahmina Kohistani.

Die junge Frau hält sich zum Zuschauen in der Halle auf, sie hat ein blaues Kopftuch an und lehnt an einer Wand. Sie hat ihren Einsatz hinter sich. Er dauerte 14,42 Sekunden, es war die mit Abstand langsamste Zeit im 100-Meter-Vorlauf, aber dennoch hat Tahmina Kohistani damit ihre persönliche Bestleistung erzielt. In der Heimat schauten die Menschen stolz zu. „Mein Gold wäre, wenn mehr Frauen bei uns mit dem Sport anfangen“, meint sie.

Beim Taekwondo sieht die Sache anders aus. Da sind die Afghanen mehr als Anfänger oder mutige Einzelgänger. In der Nacht vor Bahawis Wettkampf hat sein Landsmann Rohullah Nikpah die Bronzemedaille in der Kategorie bis 68 Kilogramm geholt, bereits zum zweiten Mal nach 2008.

Es war eine so eindrucksvolle wie symbolische Leistung, denn Nikpahs Biografie reflektiert die tragische Geschichte seines Landes. Der 25-Jährige gehört der schiitischen Minderheit der Hazara an. Als er zehn Jahre alt war, musste seine Familie vor den Taliban die Flucht in den Iran ergreifen, wo er in einem Flüchtlingslager groß wurde und für die afghanische Exilmannschaft antrat. Erst 2004 zog er nach Kabul zurück.

Vier Jahre später versetzte er Afghanistan mit dessen erster Olympiamedaille in einen Siegestaumel. Bei seiner Rückkehr aus Peking wurde er von tausenden Landsleuten bejubelt, Präsident Karzai machte ihm Haus und Auto auf Regierungskosten zum Geschenk, aber Nikpah hegte vor allem nur einen Wunsch: „Ich hoffe, dieser Erfolg sendet eine Friedensbotschaft für mein Land nach 30 Jahren Krieg.“

Bis zum Frieden warten auch 2012 noch viele Herausforderungen auf die Afghanen. Aber Mut und Hoffnung hat er auch diesmal wieder nach Hause geschickt. Berichten aus Afghanistan zufolge hielt das Land während seiner Kämpfe die Zeit an, im Fernsehen dominierten Bilder von begeisterten Menschen. „Ich bin sehr glücklich“, sagte Nikpah: „Natürlich sind Medaillen für alle Länder wichtig. Aber für Afghanistan ganz besonders.“

Auch Abdul Hamidi ist sich dessen bewusst. Der junge Mann hat sich mit ein paar Dutzend Landsleuten zu einer kleinen, aber stimmgewaltigen Fangruppe der afghanischen Taekwondokämpfer zusammengeschlossen. Hamidi ist vor zehn Jahren aus Kundus nach London emigriert, er ist als Ingenieur für Peugeot tätig. „Wir sind sehr stolz. Es gibt sonst so viele schlechte Nachrichten über unser Land“, gibt er zu, „jetzt haben wir hier sechs Athleten. Nur sechs. Aber für uns sind sie sechs Champions.“






Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Welt Online“, welt.de

Schlagwörter: Afghanistan, Olympia, Olympiade, Olympische Spiele, London, Taekwondo, Nesar Ahmad Bahawi, Kampfsport, Verletzung, Tahmina Kohistani, Rohullah Nikpah, Bronze, Bronzemedaille, Kapisa, Hazara, Minderheit, Flucht, Taliban