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Rumänien: In den Vororten von Bukarest

Meldung vom 04.12.2012

In Rumänien, dem zweitärmsten Land der EU, wird am 9. Dezember über ein neues Parlament abgestimmt. Doch viele können an Politik überhaupt keinen Gedanken verschwenden – sie müssen darum kämpfen, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Marian Canuta hat für seine achtköpfige Familie ein Häuschen gebaut und sich aus dem Teufelskreislauf der Armut befreit.

Fernfahrerkolonnen und Pferdegespanne fahren abwechselnd auf der Nationalstraße 3, die von Bukarest nach Osten führt. Rechts und links sieht man monotone Graslandschaften, Häuser in allen Zuständen des Bauens und Zerfallens, Autoschrott, Schafherden, funkelnagelneue Fabriken und Fabrikruinen, Rudel streunender Hunde. Das ist das Bild eines Landes im Umbruch. Fundulea, ein 6.000-Seelen-Ort rund 40 Kilometer östlich von Bukarest, durch den die Nationalstraße führt, befindet sich im Niemandsland zwischen Stadt und Land.

Die meisten Nebenstraßen bestehen aus Schlamm. Asphaltiert ist nur die Nationalstraße. Hinter neureich anmutenden Villen trifft man auf Behausungen, mit denen man in einem EU-Land nicht rechnet. So wie die Hütte aus Lehm und Karton, in der Marian und Tudorica Canuta mit ihren vier Töchtern und zwei Söhnen bis vor kurzem hausten: ein einziger Raum von zwölf Quadratmetern, es gibt weder Heizung, noch Strom und Wasser.

In der Schule werden die Kinder schon vor Computer gesetzt, Achtklässler Daniel Canuta ist Klassenbester. Doch im Dorf wird die Familie, obwohl alteingesessen, gemieden. Vater Marian schuftet als Tagelöhner. Doch ihm wurde eine Chance gegeben: Der kleine, schüchtern wirkende Mann, steht mit einem Bauhelm vor seinem neuen fast fertigen Haus, an dem er selbst mitgebaut hat. Ermöglicht wurde das einfache Haus mit drei Zimmern durch das Programm von einer Hilfsorganisation. Mit einem Mikrokredit zu sehr günstigen Bedingungen konnte das Bauprojekt angegangen werden. Das Leben der Canutas ist nur die Spitze des Eisbergs. In Rumänien leben mehr als 600.000 Familien in solchen Zuständen.

Rund ein Fünftel der 19 Millionen Rumänen fristet ein Dasein unter der Armutsgrenze, obwohl vielen von ihnen – so auch den Canutas – der Grund und Boden gehört, auf dem sie wohnen. Ein rumänisches Phänomen: 97 Prozent der 8,5 Millionen Wohnungen, von denen die meisten nach der Revolution als Wahlkampfgeschenk im Freiheitsrausch zu günstigen Preisen an die Bewohner verschleudert wurden, sind in Privatbesitz. Das wird spätestens dann zum Problem, wenn es notwendig wird, Wohnblocks der 1960er-Jahre zu sanieren, die Dutzenden von weitgehend mittellosen Eigentümern gehören. Noch ist in 40 Prozent aller Wohnungen kein eigenes Bad zu finden.

Die Wohlstandsschere klafft dabei immer weiter auseinander: Während sich im Norden Bukarests eingezäunte Nobelsiedlungen mit Namen wie „Oxford Gardens“ und englischsprachige Schulen tummeln, hausen im Süden an die 100.000 Roma unter Slumbedingungen. Eine tiefe Kluft trennt im Vorfeld der Parlamentswahlen auch die Politik von der Bevölkerung: Die Abgehobenheit der Politikerkaste war, so kritische Stimmen in Bukarest, einer der Gründe für die teils gewalttätigen Proteste in der Hauptstadt am Anfang dieses Jahres. Verglichen mit den existenziellen Problemen der Bevölkerung spielt sich das teils absurde Machtgerangel, in das sich Präsident Traian Basescu und Premierminister Victor Ponta dieses Jahr verwickelten, in einer entfernten Parallelwelt ab.

In Fundulea, wo Marian Canuta zusammen mit den freiwilligen Helfern gerade die Wärmedämmung für sein neues Heim einbaut, liegt die Bukarester Politik in weiter Ferne. Der Familienvater ist dankbar, dass ihn die Dorfbewohner zu respektieren beginnen und keine Steine mehr auf sein Haus schleudern.

Er hat als einer der wenigen neue Hoffnung, doch für Rumänien bedeutet sein Schicksal nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Über die greise Nachbarin der Canutas, die alleine in einer schwarzen, verrußten Ruine zwischen einem Berg Kleider und einem Berg Müll wohnt, bricht nach dem 9. Dezember ein kalter Winter ein.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Der Standard“, derStandard.at

Schlagwörter: Rumänien, Bukarest, Vororte, Wohnblocks, Sanierung, Bad, Toilette, Armut, Mikrokredit, EU-Land, Wahl, 9. Dezember, Traian Basescu, Victor Ponta, Heizung, Kälte, Armutsgrenze