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Indien: Das Land der vermissten Kinder

Meldung vom 19.06.2013

Guriya war elf Jahre alt, als sie auf dem Weg zur Toilette in Indiens Hauptstadt abhanden kam. Ihre Mutter hat sie nie wiedergesehen – und geht von dem Schlimmsten aus. Zigtausende Kinder werden in Indien verschleppt von Entführern, Menschenhändlern, Organhändlern. Die Polizei bleibt untätig. Außer, sie wird bestochen.

Wenn im Fernsehen wieder eine Sendung über sexuell misshandelte Kinder läuft, kann die Inderin Shabra Khatun die ganze Nacht kein Auge zu tun. Sie fragt sich dann, was aus ihrer elf Jahre alten Tochter Guriya geworden ist, die vor Jahren die Slum-Hütte in der indischen Hauptstadt Neu Delhi verließ, zur öffentlichen Toilette gehen wollte – und für immer verschwand. „Sie wäre jetzt 16“, erinnert sich Khatun. Es sind Schicksale wie das Guriyas, an die der Internationale Tag der vermissten Kinder (25. Mai) erinnert.

Guriya gehört zu den unzähligen Kindern, die in Indien verschwunden sind. Allein im Jahr 2011 wurden laut offiziellen Statistiken fast 100.000 Jungen und Mädchen als vermisst gemeldet – mehr als 34.000 von ihnen sind bis heute nicht wieder gefunden worden. Kinderrechtaktivisten sind der Ansicht, die Dunkelziffer liege noch um Einiges höher.

„Diese Kinder sind entführt worden oder weggelaufen, sie wurden von ihren Eltern verlassen oder gingen verloren – am Ende landen die meisten bei Kinderhändlern“, erklärt Rakesh Senger von der Organisation Bachpan Bachao Andolan (Kampagne zur Rettung der Kinder). Diese Gruppen seien überall aktiv und lauerten nur darauf, alleingelassene Kinder auszumachen und mit Süßigkeiten in die Falle zu locken.

Die Jungen und Mädchen würden dann verkauft und als Haussklaven gehalten. Ihre Arbeitskraft ist in Straßenimbissen, auf Farmen oder in Fabriken gefragt, wo sie sticken oder Schmuck herstellen, erklärt Senger. „Andere werden in die Prostitution gezwungen, den illegalen Organhandel oder in Bettlerbanden – weit weg von ihrem Zuhause, wo es schwierig ist, sie aufzuspüren.“

Meist sind es die Kinder aus armen Verhältnissen, die verschleppt werden. So wie 2005/2006, als in den Slums von Delhis Gegend Nithari mehr als zwei Dutzend Kinder und junge Frauen vermisst wurden. Die Polizei geht den Fällen kaum nach – und nur durch Zufall werden schließlich Knochen und andere Überreste entdeckt.

Die Polizei müsste sich zwar an eine festgelegte Vorgehensweise halten, doch diese Regeln für Vermisstenanzeigen würden meist nicht berücksichtigt, sagen Aktivisten. Azhar Abir, der Vater der verschwundenen Guriya, berichtet, gerade die Anzeigen von mittellosen Menschen würden oft nicht ernst genommen. Er selbst habe den Polizisten schmieren müssen. „Sie schikanieren die Armen, diejenigen, die weder Geld noch Einfluss haben“, meint Abir. Vor allem den Eltern von Mädchen wird nahegelegt, ihre Tochter sei sicher mit einem Nachbarjungen durchgebrannt.

Delhis Polizeisprecher Rajan Bhagat kommentiert dazu, es müssten immer alle Perspektiven betrachtet werden, schließlich leiden viele Kinder unter harten Lebensumständen im Elternhaus. „Manche Mädchen reißen aus, um zu heiraten. Jungen laufen weg für einen Job, ohne zu wissen, worauf sie sich dabei einlassen. Manche von ihnen wollen vielleicht gar nicht mehr nach Hause zurück.“ Außerdem verfügten die Slum-Bewohner oft über gar keine Fotos ihrer Kinder, da sei es praktisch unmöglich, die Kinder zu finden.

Leelavati, die wie viele Menschen in den unteren Kasten in Indien nur einen Namen hat, hat ein Foto ihres Sohnes Sonu. Es ist ausgebleicht und abgegriffen, denn schon viel zu oft hat sie es aus der Brusttasche ihrer Bluse genommen und wieder eingesteckt. Drei Jahre lang. „Ich habe neulich geträumt, wir finden Sonu – und verlieren ihn dann wieder“, erzählt sie.

Gebende Hände unterstützt in Indien zwei Waisenhäuser, in denen Kinder Sicherheit, liebevolle Fürsorge und eine Ausbildung erhalten.


Weiterführende Informationen

 Indien: Wie hilft Gebende Hände?




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Focus Online“, focus.de

Schlagwörter: Indien, Kinder, Vermisste, vermisst, entführt, Kinderhändler, Menschenhändler, Organhändler, Internationaler Tag der vermissten Kinder, Haussklaven, Prostitution, Organhandel, Bettlerbanden, Kinderarbeit