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Rumänien: Kein Geld für die Auswanderung

Meldung vom 17.10.2013

Trotz EU-Reisefreiheit sind viele Rumänen zu arm, um auszureisen. Viele, die im Ausland auf Jobsuche gegangen sind, kehren zurück. Ist die große Furcht vor Armutsmigration aus Rumänien in die EU-Länder unbegründet?

Ana bezieht jeden Tag, im Sommer wie im Winter, Position vor dem Eingang der U-Bahn-Station Aviatorilor in einem bürgerlichen Wohnviertel von Bukarest. Der Joghurtbecher in ihrer Hand zittert. Die alte Frau mit dem weißen Haar steht tief gebückt und wirkt dabei so geschrumpft, dass man sie leicht übersieht. Es gäbe zwar einen idealeren Platz zum Betteln, „aber da schaffe ich es nicht hin“, meint Ana.

Sie bettelt, um eine Tomate oder eine Gurke erstehen zu können, damit sie nicht nur Billigbrot essen muss. Ihre 100 Euro Rente pro Monat decken gerade einmal die Kosten für Strom, Gas und Wasser. Der Rest wird aufgezehrt von der Sorte Armenbrot, die für 79 Bani zu kaufen ist, etwas weniger als 20 Cent. Die Supermärkte stellen davon täglich um die 50 Laibe zur Verfügung, obwohl sie nichts daran verdienen. Innerhalb von Minuten sind alle verkauft.

Die Wirtschaft wächst nach fünf Jahren Krise gerade wieder zaghaft. Aber nicht nur Leute wie Ana bekommen davon nichts mit. 2012 betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen pro Monat im Land 194 Euro. Im letzten Jahr vor der Krise, 2007, stieg es auf 265 Euro. Einer Studie des Wirtschaftsdienstes Econtext zufolge leben vier von zehn Rumänen (40%) von der Hand in den Mund. Sie haben keinerlei Ersparnisse angelegt. Der europäische Durchschnitt liegt deutlich niedriger. Er beläuft sich auf 24 Prozent.

In der Region Moldau im Osten, in Oltenien im Südwesten oder in der Dobrudscha im Südosten müssen zwischen 28 und 33 Prozent der Menschen mit weniger als hundert Euro im Monat auskommen, in der Region Bukarest sind es dagegen weniger als vier Prozent. Trotzdem zieht kaum jemand in die sich entwickelnde Hauptstadt um. Denn dort herrscht ein großer Mangel an Mietwohnungen, besonders an bezahlbaren.

Immerhin hat die Regierung die Mehrwertsteuer auf Brot von 24 auf neun Prozent vermindert – eine Maßnahme gegen den Hunger, der in Bukarest vor allem einsame, alte Menschen heimsucht. Bescheidene Armutshilfen wie das Programm „Brötchen und Milch“ decken mehr über die Lage auf, als dass sie ihr abhelfen würden: Weil immer mehr Kinder vor Hunger nicht lernen können, gibt die Regierung mittlerweile kostenlos allen Kindern ein Brötchen und einen Becher Milch pro Tag aus.

Die Armut wirkt sich auf die Schulabbrecherquote aus, sie beträgt fast 17 Prozent – die höchste Rate in der EU. Denn wenn die Familie ihre Existenz damit sichert, dass sie Schrott oder Flaschen sammelt, müssen die Kinder früh mit anpacken. „Das Recht auf Erziehung ist dadurch beeinträchtigt“, erklärt Sandie Blanchet vom UN-Kinderhilfswerk in Bukarest. Tabak- und Drogenkonsum und Alkoholismus sind im Vormarsch. Die Perspektivlosigkeit mündet bei vielen Mädchen in eine frühe Schwangerschaft: Im vorigen Jahr bekamen 17.000 Mütter unter 19 ein Kind.

Auch die Situation auf dem Land stellt sich schwierig dar. Noch immer beziehen 35 Prozent der Rumänen ihren Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft. Konkret bedeutet das: Ohne eine andere Verdienstquelle muss die Familie alles, was sie zum Essen und zur Instandhaltung des Häuschens braucht, selbst anbauen oder herstellen. Reiche verfügen über eine Kuh, die „Mittelschicht“ hält ein Schwein, die Armen nennen nur Hühner ihr Eigentum. Die Parzellen sind winzig.

Viele Dörfer sehen so aus, als ob hier seit Jahrhunderten auf ähnliche Weise gearbeitet wurde. Doch das Bild trügt: Die Eltern der heutigen Subsistenzbauern lebten zumeist als Arbeiter in der Stadt. Erst als Anfang der 90er-Jahre die Industrie einknickte und die Regierung gleichzeitig die Enteignungen in der Landwirtschaft rückgängig machte, ließen sie sich wieder im Häuschen der Großeltern nieder, um von dem Stück Acker zu leben, das nun wieder der Familie gehörte.

Im Westen herrscht derzeit das Bild, die Rumänen entfliehen der Armut in ihrer Heimat dadurch, dass sie massenhaft in die reichen EU-Länder abwanderten. Das stimmt, und zugleich stimmt es nicht. Tatsächlich sind innerhalb von zehn Jahren 2,6 Millionen Einwohner ausgewandert – fast zwölf Prozent der Bevölkerung. Dass aber gerade die Armen – und unter ihnen vor allem die Roma – massenhaft fliehen würden, ist ein Irrtum, wie seriöse Untersuchungen belegen. Landbewohner, Arbeits- und Mittellose haben kaum Geld zur Ausreise und sind unter den Migranten wenig vertreten.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Berliner Zeitung“, berliner-zeitung.de

Schlagwörter: Rumänien, Armut, Migration, Auswanderung, Rente, Einkommen, Wirtschaft, Bukarest, Roma, Krise, Armenbrot, Kinder, Schule, Schulabbrecher, Landwirtschaft, Subsistenz, Subsistenzwirtschaft