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Afghanistan: Arbeiten für die „Ungläubigen“

Meldung vom 17.03.2014

Der Abzug der NATO aus Afghanistan ist in vollem Gange. Bis Ende 2014 werden die letzten Bundeswehrsoldaten Afghanistan zurück in Deutschland sein. Die meisten ihrer afghanische Mitarbeiter, die in ihrer Heimat einem hohen Lebensrisiko ausgesetzt sind, werden sich selbst überlassen bleiben.

Vielleicht wird er irgendwann mit dem falschen Mann zusammenstoßen, irgendwo, zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht passiert das Unweigerliche, wenn er mit seiner Familie in den Gärten der Blauen Moschee unterwegs ist und jemand erkennt ihn, der ihn besser nicht sehen sollte. Vielleicht wurde er längst auf einer Todesliste erfasst, vielleicht gerät er in Vergessenheit. Youssuf Ahmads (der Name wurde geändert) Leben hängt an einem seidenen Faden. Ahmads Arbeitgebern genügen die Fakten nicht, um ihn als bedroht einzustufen. Sie werden Afghanistan bald den Rücken kehren, und womöglich wird er auf der Strecke bleiben.

Ahmad arbeitet als Dolmetscher bei der Bundeswehr in Afghanistan. Er ist neulich in einen Konflikt mit einem Soldaten der Regierungsarmee geraten, im Stützpunkt in Masar-i-Sharif, wo er tätig ist. Der Mann, berichtet er, habe ihn verunglimpft: „Du Hurensohn hältst zu den Ungläubigen.“ Als er Ahmad das nächste Mal begegnete, warf der Mann einen Stein nach ihm, er stellte ihm körperlich und verbal nach.

„Niemand sonst hat mich bisher bedroht,“ meint Ahmad, „trotzdem habe ich Angst um meine Familie. Wir werden hier nicht bleiben können.“ Jedenfalls nicht über 2014 hinaus. Für die Zukunft erwartet Ahmad nichts Gutes; nicht für seine Heimat und gewiss nicht für ihn.

Zunächst einmal könnte er arbeitslos werden, wie wohl die meisten der noch etwa 900 von einst 1.500 „Ortskräften“; so werden sie von der Bundeswehr bezeichnet. Manche sollen von der kleinen NATO-Nachfolgemission für Beratung und Ausbildung übernommen werden, falls sie denn genehmigt wird. Ahmad ist seit acht Jahren bei der NATO-Truppe ISAF angestellt. Die Mission eröffnete für viele westlich gesonnene Afghanen eine Hoffnung auf Frieden nach der Terrorherrschaft der Taliban. Doch der Frieden blieb aus. Ahmad hat den Soldaten bei Kampfeinsätzen gedient, als einziger Mann ohne Waffe. Er hat im Gefängnis von Masar-i-Sharif gedolmetscht. Er war kalten, feindseligen Blicken ausgesetzt: „Jeder, der dort saß, kennt mich“, bezeugt Ahmad, „Taliban, Kriminelle, Drogenhändler.“

Ende 2013 entdeckte man eine Leiche auf dem Rücksitz eines Autos in Kunduz, jenem Stützpunkt, den die Bundeswehr wenige Wochen zuvor an die Afghanen übergeben hat. Der Mann war Dolmetscher bei der NATO. Die Mörder wurden nie gefasst, niemand weiß, wer sie waren. Die Bundeswehr vermutet ein Verbrechen ohne politische Hintergründe; möglicherweise spielten persönliche Motive eine Rolle, so die Polizei in Kunduz.

Aber es könnte auch anders gewesen sein. Die Angaben der afghanischen Ermittler könnten gefälscht sein, ein politischer Mord käme der Regierung in Kabul nämlich ungelegen. Der Dolmetscher bewegte sich in der Kategorie „latent gefährdet“. Ende Oktober beschloss das Bundesinnenministerium innerhalb eines Tages, der Mann solle Asyl erhalten. Das geht aber erst, wenn die vielen bürokratischen Stellen in Deutschland darüber übereinstimmen, ein Bundesland und eine Wohnung gefunden sind, die Kosten übernommen wurden. Dieser Prozess, so lautete es später, sei im „konkreten Fall noch nicht abgeschlossen“ gewesen. Der Dolmetscher wurde ermordet, das sichere Ufer vor Augen.

„Der Mord war für uns alle ein Schock“, klagt Iqbal Bagir, ein Kollege. Der Mann war ihm persönlich bekannt: „In Kunduz geschah genau das, was wir alle fürchten“, berichtet er. Die meisten Dolmetscher gehen davon aus, dass die Taliban für den Mord verantwortlich sind. In den Taschen des Opfers habe man noch Geld gefunden, sagen sie, die Leiche sei in dem Auto regelrecht dargeboten worden als Warnung an all die anderen.

Iqbal Bagir ist vertraut mit dem Gefühl, dass eine unsichtbare und doch sehr reale Gefahr über einem schwebt. „Die Probleme begannen, als der Abzug der NATO beschlossen wurde“, meint er. Fünf Jahre lang übersetzte Bagir für sie und bemühte sich, seinen Job vor den Nachbarn zu verbergen. Dann, nicht weit von seiner Wohnung, blockierte ein Mann seinen Weg und händigte ihm einen Brief aus. Ein Motorradfahrer bremste, der Unbekannte stieg auf den Beifahrersitz, und sie fuhren fort. Im Brief stand: „Du arbeitest für die Ungläubigen, sei ein guter Moslem, denk an deine Familie.“

Dann erhielt er nächtliche Anrufe. Drohungen. Eines Tages, als er zur Arbeit unterwegs war, folgten ihm zwei Motorräder mit je zwei Männern. Er bog in Seitenstraßen ein, die Verfolger ließen sich nicht abschütteln. Bagir nahm Zuflucht zu einem Checkpoint der afghanischen Polizei, die Motorradfahrer fuhren weiter.

Der Dolmetscher ging zur Polizei. Die Polizei versicherte: Sie hören von uns. Doch die einzigen, von denen er hörte, waren die Verfolger. Sie meldeten sich wieder telefonisch. „Ich habe nie erfahren, wer sie waren“, meint Bagir. Der Polizei misstrauen die Ortskräfte. Bei ihr wird Korruption vermutet, viele ihrer Männer sind übergelaufene Taliban, mancher steht noch in deren Dienst.

Bagir ist mit seiner Familie seit einigen Wochen in Deutschland untergekommen. Alles ist fremd. Ein Wohnblock, wenig Raum, keine Arbeit. Er hat Heimweh und ihm wird langsam bewusst, dass es ein Weg ohne Wiederkehr gewesen sein könnte. Möglicherweise werden weder Iqbal noch seine Frau je ihre Familien wiedersehen. Deutsche Behörden schlagen sich mit der Schreibweise von Namen in den Pässen herum, endlose Amtsgänge stehen bevor, die Einschulung der Kinder gestaltet sich kompliziert, da sich für sie kein Deutschkurs finden lässt. Aber die Familie ist in außer Lebensgefahr, das ist die Hauptsache.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Süddeutsche Zeitung“, sueddeutsche.de

Schlagwörter: Afghanistan, Übersetzer, Dolmetscher, Ortskräfte, Mitarbeiter, Bundeswehr, Asyl, Lebensrisiko, Drohungen, Taliban, Moslem, Bundesinnenministerium, Aufnahme, Schutz, Mord, Todesliste, Abzug, NATO, ISAF