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Indien: Wahlkampf – Radikale Hindus hetzen gegen Muslime

Meldung vom 24.04.2014

Der Hindu-Nationalist Narendra Modi hat Aussichten, der nächste Ministerpräsident Indiens zu werden – und das stimmt Muslime besorgt. Denn er bewegt sich im Umfeld einer radikalen Kampftruppe, die den Islam verfolgt und Mitglieder im Nahkampf ausbildet.

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, der Himmel über der Millionenstadt Faridabad ist noch grau, als die Uniformierten zum Angriff übergehen: In zwei Reihen marschieren 50 Männer auf dem kargen Rasen des kleinen Parks vorwärts, lassen Schlagstöcke durch die Luft sausen, traktieren unsichtbare Gegner mit Schlägen.

Der Kinderarzt Balkrishna Bansal schaut zufrieden zu: Er ist eine Art Politkommissar der Raschtrija Swajamsewak Sangh (Hindi für Nationale Freiwilligenorganisation, kurz RSS), der Organisation, die diese allmorgendliche Übung absolviert. „Wir trainieren hier allein zu Verteidigungszwecken“, versichert Bansal. Seltsam nur, dass alle Übungen auf Angriff hinauslaufen.

Die RSS wurde bereits 1925 ins Leben gerufen, als radikal-hinduistischer Kampfverband mit Wohlwollen gegenüber der Rassenlehre der deutschen Nazis. In Verruf geraten ist sie spätestens seit 1948, als das RSS-Mitglied Nathuram Godse den Vater der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, erschoss. Gandhi war dem religiösen Fanatiker zu verweltlicht und zu tolerant gegenüber den Muslimen in Indien.

Die RSS wurde in den folgenden Jahren zwar mehrfach verboten, verbuchte aber stetiges Wachstum. Ende 2013 hatte sich der Verein mit 40.000 Ortsgruppen über ganz Indien verteilt. Beobachter sind besorgt. Denn die RSS sagt dem Säkularismus und dem Islam offen den Kampf an und wiegelt Menschen in Indien gegen Muslime auf. Die Worte des spirituellen Führers der RSS, M.S. Golwalkar, werden auch heute noch in jeder ihrer Ortsgruppen auswendig gelernt und aufgesagt: Nicht-Hindus in Indien „müssen sich den Hindus total unterwerfen, dürfen nichts fordern, verdienen keine Privilegien, keine Vorzugsbehandlung und noch nicht mal Bürgerrechte“, forderte Golwalkar schon 1938.

So aufgehetzt verkünden die RSS-Mitglieder in Faridabad denn auch, dass alles Übel Indiens von den etwa 150 Millionen Muslimen im Land herrühre. „Die vermehren sich ungebremst, entsetzlich ist das“, meint Pradeep Kumar, der an einer örtlichen Hochschule Elektronik lehrt und die morgendlichen Wehrsportübungen beaufsichtigt.

Allein in den vergangenen drei Monaten sind wieder 2.000 neue „Shakas“ dazugestoßen, Nachbarschaftsverbände, die die kleinsten Einheiten der RSS ausmachen. Alte „Shakas“ haben sich erneut zusammengetan. Der Personenkult um Narendra Modi, der neuer Premier des Landes werden könnte, hat der Organisation im In- wie Ausland neue Popularität und einen enormen Mitgliederzulauf zugeschachert.

Modi ist das bekannteste Mitglied der RSS, zurzeit noch Ministerpräsident des westindischen Bundesstaates Gujarat. Er hat sehr gute Chancen, die noch bis Mitte Mai andauernden Parlamentswahlen in Indien für sich zu entscheiden. Viele Inder der Mittelklasse ehren ihn als Modernisierer. Säkulare, christliche und muslimische Gruppen aber sind in Sorge über das Erstarken hinduistisch-nationalistischer Kräfte im Land, sollte er Präsident werden.

Wie eng die RSS mit Modis Partei, der BJP, verbunden ist, vertuschen beide Organisationen gern. Politische Analysten in Indien sind der Ansicht, beide seien austauschbar. Vidya Subrahmaniam, die für die Zeitung The Hindu arbeitet, behauptete jüngst, die RSS habe die volle Kontrolle über die BJP an sich gerissen. Amulya Ganguli, ein bekannter politischer Analyst, stellte fest, Modi habe sich offensichtlich dem Diktat der RSS unterworfen. Auch wenn die Freiwilligenorganisation immer vorgebe, unpolitisch zu sein, sei das ganz klar nicht der Fall.

Riskant könnte es werden, wenn die Kampftruppe Anfeindungen beispielsweise gegen Muslime in die Politik einbringt und das in Gesetze der BJP-Partei mündet. Die RSS etwa kritisiert den Kinderreichtum der Muslime. „Wenn jeder Muslim nur eine Frau haben darf, wäre doch schon viel gewonnen“, meint Kumar.

Der Frühsport, zu dem sich die Ortsgruppe jeden Morgen einfindet, schließt mit einem Fahnenappell. Harsche Kommandos – betont rückwärtsgewandt auf Sanskrit –, strammstehende Männer mit zum Gruß vor der Brust angewinkeltem Arm, dann folgt der Treueschwur: „Für immer verneigen wir uns vor dir, oh Vaterland.“

Jeder Inder sei eigentlich Hindu, versichert Kinderarzt Bansal. Muslime und Christen hätten nur den rechten Weg verlassen, seit sich ihre Vorfahren vor Jahrhunderten hätten missionieren lassen. Andersgläubige Inder müssten nur ihren inneren Hindu wiederfinden und ihrer angenommenen Religion abschwören, dann werden in Indien auch keine Pogrome gegen Muslime mehr stattfinden.

Pogrome in dem damals schon von Modi regierten Bundesstaat Gujarat, bei dem 2002 mehr als tausend Muslime ermordet wurden, sind bis heute ein unaufgearbeitetes, tabuisiertes Thema im andauernden Wahlkampf: Welche Rolle Modi bei den Gewalttaten einnahm, bliebt ungeklärt. Die USA und die EU untersagten ihm 2005 die Einreise, weil er eine „schwere Einschränkung der Religionsfreiheit“ in seinem Bundesstaat gefördert habe. Abstand genommen hat Modi von dem Massaker nie, stattdessen hat er die Opfer noch 2013 schwer vor den Kopf gestoßen, als er sagte, er empfinde durchaus Trauer für sie. So, „als habe man mit dem Auto einen Welpen überfahren“.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Spiegel Online“, spiegel.de

Schlagwörter: Indien, Präsident, Ministerpräsident, Hindu, Narendra Modi, Faridabad, Nationale Freiwilligenorganisation, Kampftruppe, RSS, radikal-hinduistisch, Kampfverband, Mahatma Gandhi, Shakas, BJP, Muslime, Christen, Pogrome