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Uganda: Verletzte Seelen – Kinder in den Fängen der Lord’s Resistance Army

Meldung vom 08.01.2016

In Uganda gibt es viele seelisch verwundete Kinder, die sich zwar aus den Fängen der Lord’s Resistance Army befreien konnten, nun aber ohne jegliche Hilfe dastehen. Hilfsorganisationen und Kirchen bemühen sich, diese Kinder aufzufangen und ihnen Halt zu geben. Es sind die Hinterlassenschaften des Bürgerkriegs in Uganda, dass es so viele traumatisierte Kindersoldaten und Sexsklaven in dem Land gibt. Jemand, der dagegen ein Zeichen setzt, ist Schwester Rosemary Nyirumbe. Sie wurde für viele verletzte Kinder zur Mutter – ein kleines Wunder, denn auch ihr Lebensweg war schwer.

An diesem Sonntagmittag hört man kaum einen Laut auf dem Gelände der St. Monica’s Girls Vocational School in der ugandischen Stadt Gulu. Die Ferien haben begonnen, die Hitze brennt, also sind nur wenige Kinder im Garten und vor der Schule unterwegs. Eine gute Gelegenheit für Schwester Rosemary Nyirumbe, die seltene Ruhe des sonst so betriebsamen Orts zu genießen. Beim Spaziergang über den Hof stößt sie auf zwei junge Frauen, beide fast noch Teenager. „Und, habt ihr den Gottesdienst besucht und gebetet?“, fragt sie. „Klar, Schwester“, betonen die beiden. „Dann bin ich gespannt, was ihr mir später erzählt.“

Als die Frauen sich ein Stückchen entfernt haben, sagt Schwester Rosemary plötzlich: „Eines der Mädchen wurde von der LRA als Sexsklavin gehalten, die andere war eine der Ehefrauen von Joseph Kony.“ Sie präsentiert ihr neues iPhone und zeigt ein Video: Fünf Mädchen, alle im Alter von 14 Jahren, singen ein Weihnachtslied. „Die Zweite von links“, sagt sie schonungslos offen, „ist eine von Konys Töchtern. Ein fröhliches Mädchen.“

Ihr Vater, Joseph Kony, wurde vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Nach ihm wird bis jetzt erfolglos gefahndet. Als Anführer der Lord’s Resistance Army (LRA), einer extremistischen Rebellenbewegung, die angeblich den Aufbau eines christlichen Gottesstaates verfolgte, überzog er den Norden Ugandas zwischen 1987 und 2006 mit Gewalt, Mord, Plünderungen und Brandschatzung. Seine Helfer verschleppten Zehntausende Kinder, zwangen sie zu Kriegsdienst und Sexsklaverei. Unzählige Menschen wurden von ihnen massakriert, viele Frauen vergewaltigt.

Kony und die LRA haben mittlerweile Uganda verlassen, die ugandische Regierung hat sie 2006 verdrängt. Die restlichen Kämpfer haben sich, zersplittert und weit weniger furchteinflößend, irgendwo im Südsudan, im Kongo oder in der Zentralafrikanischen Republik zurückgezogen. Die Rebellen hinterließen eine schwer traumatisierte Bevölkerung im Distrikt Gulu, dessen Hauptstadt unter dem Krieg völlig zusammenbrach. Hinterbliebene, ehemalige Sklavinnen und Kindersoldatinnen der LRA, dazu Waisen und die Kinder inhaftierter Sträflinge – sich all dieser verstörten Seelen anzunehmen, das hat sich Schwester Rosemary zum Auftrag gemacht.

Die meisten Hilfsorganisationen haben Gulu längst wieder den Rücken zugekehrt. Die globale Aufmerksamkeit, welche die Internetkampagne „Kony 2012“ vor drei Jahren bei den Menschen erweckte, ist längst verpufft. Das LRA-Mahnmal vor der Stadtverwaltung ist unter Grünpflanzen verschwunden, Berge von Bauschutt verdecken es zusätzlich. Auf dem Gelände der Gulu Support Children Organization (Gusco), die sich nach Kriegsende traumatisierter Kinder annahm und lange als Vorzeigeprojekt in der Stadt galt, befindet sich nur noch ein schläfriger Sicherheitsmann.

„Die Hilfsarbeiter sind lange weg“, meint er müde. Er halte nur noch die Stellung, um das Gelände vor Vandalismus zu schützen. Schwester Rosemary ist darüber wütend: „Internationale Hilfsprojekte sind häufig kurz- oder mittelfristig angelegt. Sie limitieren ihre Zeiträume von Beginn an. Für ein Jahr, für drei Jahre.“ Doch das reiche nicht aus. „Die LRA hat hier 20 Jahre lang gewütet – wie soll man den Opfern ernsthaft in einem oder drei Jahren helfen?“

Schwester Rosemary, ihre acht Glaubensschwestern und die lokalen Unterstützer sind geblieben. Mehr als 2.000 Frauen und Kinder hat die 57 Jahre alte Frau seit ihrer Ankunft 2001 behutsam an die Hand genommen und wieder in die Gesellschaft integriert. Zurzeit haben etwa 500 von ihnen auf dem Gelände von St. Monica’s Unterschlupf gefunden. Genaue Zahlen kann „Sister Rose“, wie alle sie nennen, aber nicht liefern. „Jeden Tag kommen Neue, da weiß ich die Zahlen nie so genau.“

Sie selbst hat in den Jahren des Bürgerkriegs viele Massaker in der Stadt erleben müssen und ist schließlich auch geflohen. Als sie 2001 gefragt wurde, nach Gulu zurückzukehren, war sie angesichts ihrer Erfahrungen in der Stadt unsicher. Dann traf sie eine Entscheidung: „Wenn Gott will, dass ich gehe, werde ich das tun – auch wenn ich dabei mein Leben riskiere.“ Ohne den Glauben an Gott, erklärt sie, hätte sie wohl keine Kraft für eine solch große Aufgabe gehabt. Gulu war zu diesem Zeitpunkt fast wie ein Kriegsgebiet. Die LRA machte Dörfer und Teile der Stadt dem Erdboden gleich, tötete und entführte wahllos Menschen. Zu allem Unglück suchte auch noch die Ebola-Epidemie die Gegend heim.

St. Monica’s war eine Einöde, ein Ort, der seinem Ziel, Flüchtlinge zu versorgen, nicht mehr nachkam. Nur 30 Menschen fand Schwester Rosemary bei ihrer Ankunft vor, alle Nonnen hatten Schreckliches durchlebt. „Also habe ich angefangen, als Krankenschwester und als Zuhörerin zu arbeiten.“ Die Kunde über Schwester Rosemary verbreitete sich sehr schnell, bald baten bis zu 500 Kinder täglich um Unterkunft. Rosemary bezog Betten aus Schulen, fabrizierte Matratzen aus Stroh, und bat um Essensspenden aus Rom.

Eines Tages fiel Rosemary eine junge Frau ins Auge. „Sie fiel mir auf, weil sie sich immer versteckte, sich seltsam benahm und mir nie in die Augen sehen konnte.“ Sie nahm Kontakt mit ihr auf, brachte die Frau zum Lachen. Immer wieder, so lange, bis diese sich ihr öffnete. Sie berichtete, dass sie als Elfjährige verschleppt und zur Kindersoldatin gemacht wurde und nach neun Jahren in den Rang einer Kommandeurin aufstieg, bevor sie der LRA entkommen konnte. „Erst da wurde mir bewusst, mit welchen Menschen ich es zu tun habe. Mädchen, die töten mussten, nachdem sie intensiven Gehirnwäschen unterzogen wurden.“

Wieder packte Schwester Rosemary das Problem tatkräftig an: „Ich habe mir gesagt, ich muss diese Mädchen unabhängig von ihrer Geschichte behandeln. Sie haben ihre Kindheit verloren, sie sind unschuldig.“ Sie startete einen Radioappell und lud ehemalige Soldatinnen und Sklavinnen nach St. Monica’s ein – und am Tag darauf fanden sich 250 verängstigte Frauen unter dem Mangobaum im Garten ein.

Alle konnten aus ihrer Knechtschaft bei der LRA fliehen, waren aber von ihren Familien verstoßen. Fast alle hatten kleine Kinder an der Hand, oft als Produkt von Vergewaltigungen. „Wir haben sie alle registriert, sofort eine improvisierte Schule und einen Kindergarten aufgebaut und begonnen, sie zu unterrichten. Mit aller Mutterliebe, die wir hatten, ohne Zeitlimits oder Fragen nach ihrem Hintergrund. Denn es war der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort“, berichtet Schwester Rosemary.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, faz.net

Schlagwörter: Uganda, Joseph Kony, Lord's Resistance Army, LRA, Kindersoldaten, Sexsklaven, Mädchen, Rebellen, Bürgerkrieg, Gulu, Kirche, Katholische Kirche, Glaube, Religion, Christentum, Kriegsverbrechen, Frauen, Massaker, Reintegration, Vergewaltigung, Kinder, Hilfsorganisationen