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Indien: Jährlich 1.000 Ehrenmorde

Meldung vom 21.03.2016

Die indische Regierung muss sich mit jährlich etwa 1.000 Ehrenmorden auseinandersetzen. Meistens werden junge Paare oder einer von den Partnern getötet, weil Verwandte die geschlossenen Ehen nicht akzeptieren. Der Staat schafft es nicht, diese mörderische Tradition einzudämmen. Die jüngste Attacke ereignete sich so plötzlich und war so grausam, dass Dutzende Passanten nahe einer Bushaltestelle in dem kleinen Ort Udumalpet im Bundesstaat Tamil Nadu nur versteinert zusehen konnten.

Als sie schließlich zu den Opfern liefen, lag der 22-jährige Sankar sterbend in seinem Blut auf der Straße der indischen Kleinstadt. Seine 19 Jahre alte Ehefrau Kausalya krümmte sich daneben am Boden, sie verlor viel Blut und war schwer verletzt. Die drei jungen Mörder, die das seit gerade acht Monaten verheiratete Paar mit rasiermesserscharfen Sicheln traktiert hatten, konnten auf einem Moped entkommen.

„Ich übernehme die Verantwortung für den Tod von Sankar und den Angriff auf meine Tochter“, eröffnete wenig später der Vater von Kausalya ohne Reue, als er sich der Polizei stellte. 50.000 Rupien, umgerechnet 670 Euro, hatte er es sich kosten lassen, um die Täter für Indiens jüngsten Fall von „Ehrenmord“ anzuheuern. Familienmitglieder scheuen sich nicht, in aller Öffentlichkeit und vor laufenden Überwachungskameras Vergeltung zu üben dafür, dass die Tochter aus einer höheren Kaste ohne Erlaubnis ihre Jugendliebe Sankar, einen jungen Mann mit schmalem Gesicht und sorgfältig gepflegtem Schnurrbart aus der Gruppe der Dalits, den früheren Unberührbaren, geehelicht hatte.

„Kausalyas Familie hat uns schon vor ein paar Monaten bedroht“, berichtete Vignesh am Abend nach der Tat. Gemeinsam mit anderen Dalits bahrte er den Toten auf. Die Polizei untersagte der jungen Witwe, an der Beerdigung teilzunehmen. Die Beamten wollten den Ausbruch weiterer Unruhen verhindern. Zu Wutausbrüchen kam es dennoch. Die verärgerten Dalits wollten Sankar nicht beerdigen. Es gab Handgemenge mit der Polizei. Die Lage entspannte sich erst, als die Beamten die Festnahme der drei Sichelmörder bekannt gaben.

Der Unmut der Dalits ist nachvollziehbar. Kein einziger Täter der 81 Ehrenmorde, die während der vergangenen drei Jahre im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu registriert wurden, landete dafür im Gefängnis. „Wenn es sich bei den Ehemännern um Dalits handelt, werden sie immer ermordet“, so die traurige Bilanz der Gruppe Evidence.

„Am häufigsten gibt es Ehrenmorde in nordindischen Bundesstaaten“, meint Shabnam Ramaswamy von der kleinen Hilfsorganisation Street Survival India in dem Dorf Katna im östlichen Westbengalen, wo vor etwa 100 Jahren zuletzt ein „Ehrenmord“ begangen wurde: „Sie sind nicht so häufig wie Vergewaltigungen. Häufig wird aber nicht über sie berichtet.“

80 Prozent der Ermordeten im Norden sind Frauen. Seit Jahren ringen Justiz und Organisationen ohne großen Erfolg darum, die mörderische Tradition zu beenden. Ramaswamy sieht in den gesellschaftlichen Umwälzungen des 1,2 Milliarden Einwohner zählenden Landes Zündstoff für zahlreiche Konflikte: „Die Bereitschaft zur Gewalt gegen Frauen sitzt tief. Dank Internet, sozialen Medien und mehr Ausbildung verschwinden bei jungen Leuten die sozialen Grenzen. Aber die Familien reagieren entsprechend den alten Mustern.“

Von den 5.000 „Ehrenmorden“, die weltweit jährlich erfasst werden, lassen sich etwa 1.000 auf Indien zurückführen. Ramaswamy und andere Frauenrechtlerinnen gehen davon aus, dass die Dunkelziffer sehr viel größer ist. In Polizeikreisen wird vermutet, dass viele Suizide oder Einäscherungen ohne Behördenbenachrichtigung eigentlich getarnte „Ehrenmorde“ sind.

Bei Indiens Nachbarn Pakistan ist die Sachlage genauso tragisch. Dessen Menschenrechtskommission wurde 2013 ebenfalls mit knapp 1.000 Fällen konfrontiert. Der pakistanischen Filmregisseurin Sharmeen Obaid-Chinoy wurde gerade ein Oscar verliehen für den Film „A Girl in the River – The Price of Forgiveness“ (Ein Mädchen im Fluss – Der Preis für Vergebung). Der Film dreht sich um ein Mädchen, das bei seinem Vater in Ungnade fällt. Er schießt ihr in den Kopf und stößt die Totgeglaubte in einen Fluss. Doch das Mädchen überlebt. Der Vater bleibt uneinsichtig und trägt am Ende des Films seinen Stolz über die versuchte Ehrenrettung zur Schau. Wer darauf wartete, dass Gewalttäter durch den Film zur Umkehr bewegt wurden, musste gleich einen Tag nach der Oscar-Verleihung eine bittere Enttäuschung einstecken. Ein Vater hatte den nächsten „Karo Kari“ (Ehrenmord) verübt.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Frankfurter Rundschau“, FR-online.de

Schlagwörter: Indien, Ehrenmorde, Frauen, Kasten, Dalits, Unberührbare, Väter, Ehre, Heirat, Ehe, Familie, Justiz, Tradition, A Girl in the River, Auftragsmord, Mädchen, Gender
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