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Nicaragua: Wo die Uhren noch nach der Revolution ticken – Einblicke in eine nicaraguanische Redaktion

Meldung vom 12.04.2016

Ein Redakteur der Aargauer Zeitung hat drei Monate lang als Journalist in Nicaragua gearbeitet. Das Land hat widersprüchliche aber auch faszinierende Facetten. Die Tätigkeit an einer wichtigen nicaraguanischen Zeitung ermöglichte ihm Einblicke in eine andere Zeit.

Alle fragten Antonio Fumagalli, bevor er sich für drei Monate verabschiedete, ob er sich freue. Und was er erwarte. Kurz vor seiner Abreise nach Zentralamerika teilte der Redakteur und Journalist also in seinen Blog mit: „Nicaragua. Ein kleines Land in Zentralamerika, das die Sandinisten-Revolution erlebte, bald den Panama-Kanal konkurrieren möchte und Bananen exportiert. Doch das ist mit Sicherheit nur die halbe Wahrheit. Die andere kenne ich noch nicht – und bin überaus motiviert, dies zu ändern.“

Als er zurückkam, brachte er eine Fülle von Eindrücken mit. Das Land empfand er als „so widersprüchlich, so faszinierend, so nepotistisch, so polarisiert, so liebenswürdig, und so verstörend ist wie wenige andere Länder, die ich kenne“. Zwar könne man nach drei Monaten nicht die gesamte Wahrheit kennen, aber er habe das Land tiefer ergründet als die normalen Touristen.

Wer im Ausland ist, der hat frei und befindet sich im Urlaub – so denken insgeheim doch alle. Gegenüber Freunden, Familienmitgliedern und Redaktionskollegen musste Fumagalli jedenfalls ständig darauf hinweisen, dass der Hauptgrund seines Nicaragua-Aufenthalts von beruflicher Art war: Im Rahmen eines von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und des Medienausbildungszentrums (MAZ) organisierten Programms durfte er in der Redaktion des El Nuevo Diario, der zweitgrößten Tageszeitung Nicaraguas, mitarbeiten. Seine Tätigkeit musste er auf Spanisch ausüben. Das jedoch war nicht die größte Schwierigkeit, seine Artikel wurden vor der Veröffentlichung allesamt noch bearbeitet und Korrektur gelesen. Als viel gewöhnungsbedürftiger, um nicht zu sagen schockierender, erlebte Fumagalli den Arbeitsalltag in der Redaktion in einer Medienlandschaft, die der Zensur unterworfen ist.

Der Nuevo Diario ist Eigentum einer Bank, die ihrerseits engste Beziehungen zur Regierung pflegt. Das macht sich praktisch in jedem politischen Artikel des Blattes bemerkbar: Die Redaktoren haben sich eine Art Selbstzensur auferlegt, und wagen nicht, Kritik an den Behörden zu üben, obwohl sie persönlich durchaus so denken. Zuerst stufte Fumagalli dieses Verhalten als Übertreibung und moralische Feigheit ein. Bis er hautnah miterlebte, was die Kollegen bei Zuwiderhandlung erwartet: die fristlose Kündigung.

Während eines Sonntagsdienstes veröffentlichte eine Redaktionskollegin auf der Zeitungshomepage eine ausländische Agenturmeldung, in der eine Person zu Wort kam, welche die offizielle Regierungsversion eines Schiffsunglücks bezweifelte. Das war eine Grenzüberschreitung für den Mittelsmann der Bank: Er ordnete die sofortige Absetzung der „fehlbaren“ Redakteurin an – und forderte vom Chefredakteur eine Kopie des Kündigungsschreibens. Am nächsten Morgen war der Arbeitstisch der Kollegin leer. Erahnen konnte man höchstens noch ein paar getrocknete Spuren ihrer Tränen.

Daniel Ortega ist der Präsident Nicaraguas. Fumagalli bringt in Erinnerung: „Ortega? Stimmt, da war doch mal was! Das ist der gleiche Herr, der 1979 zusammen mit seinen Mitstreitern der jahrzehntelangen, überaus blutigen Diktatur der Somoza-Familie ein Ende setzte und danach als Präsident amtete. Seine Abwahl 1990 ließ er nicht auf sich sitzen und kandidierte bei jeder Gelegenheit, bis er 2006 unter zweifelhaften Umständen wiedergewählt wurde. Die alten Revolutionsfreunde haben sich fast alle längst abgewandt und geißeln Ortega des Verrats einstiger Werte.“

Doch den 70-jährigen Langzeitherrscher interessieren seine alten Kumpanen und Ideale nicht mehr. Er hält mit aller Kraft an seinem Amt fest: Verfassungsänderungen, Erneuerung der Wahlbehörden durch gefügige Untergebene, Unterdrucksetzung der Justiz, massive Reglementierung der Medien, Einsetzung seiner Verwandten in wichtige Ämter und, wie man in der Bevölkerung tuschelt, womöglich gar die Eliminierung von politischen Gegnern – kein Mittel ist Ortega zu unmoralisch, um seine Position zu sichern.

Doch vielleicht muss man das relativieren: Die eigentlich mächtigste Person im Lande ist seine Frau, Rosario Murillo. Fumagalli schreibt: „Ihr muss man ein eigenes Kapitel widmen, denn Rosario Murillo oder ,la bruja‘ (die Hexe), wie sie wahlweise genannt wird, ist im öffentlichen Leben präsenter als ihr Ehemann.“ Das betreffe nicht nur die zahlreichen Plakate, von denen sie auf Nicaragua herunterlächelt. Jeden (!) Mittag hält sie Reden über die von der Regierung kontrollierten TV-Stationen zur Bevölkerung. Dabei umreißt sie Themen wie Regierungsdekrete über Gesundheitsprävention bis hin zur Warnung von Vulkaneruptionen. Dabei muss man im Blick haben, dass die First Lady, die sich der Esoterik verschrieben hat, weitreichende Befugnisse hat, obwohl sie nie gewählt wurde. Zu ihren abgehobensten Projekten gehören Licht-Installationen, die in der Hauptstadt Managua an jeder Hauptstraße zu bewundern sind: Hunderte „Lebensbäume“ aus Metall werden nachts illuminiert. Was sie als Verschönerung des Stadtbildes preist, ist für die meisten Bewohner nichts anderes als ein perverser Ausdruck von staatlicher Geldverschwendung.

Auch der verstorbene Ex-Präsident Venezuelas Hugo Chavez hat ein prunkvolles Ehrendenkmal erhalten: Seine kostenlosen Öllieferungen hat die nicaraguanische Regierung mit einem riesigen Leucht-Porträt auf einem Verteilerkreis vergolten – umstellt von Murillos „Lebensbäumen“.

Auch abgesehen von der politischen Fremdbestimmung der Zeitung war die Arbeit in der Redaktion des Nuevo Diario in vielerlei Hinsicht anders als in Europa – nicht nur, weil das gesamte Redaktionsgebäude über kein einziges Fenster verfügte und der persönliche Computer noch mit Diskettenlaufwerk funktionierte. Recherchen verliefen nur sehr zäh und stockend, weil kaum Informationen online abrufbar sind und die Behörden – obwohl die Zeitung ihnen ja positiv gegenübersteht – konsequent den Weg der Informationsverweigerung verfolgen.

Ein Beispiel: Für einen Artikel über ein Krankenhaus benötigte Fumagalli ein paar unspektakuläre Zahlen und Fakten. Da keine Homepage vorhanden war, ging er persönlich vorbei, wurde von der Direktion aber zum Gesundheitsministerium weitergeschickt. „Dieses wiederum schaffte es in zwei Wochen (!) trotz dutzenden Anrufen und Emails nicht, mir etwa die Anzahl Betten mitzuteilen. Also schrieb ich halt in meinen Text, dass diese Info nicht zu kriegen war – doch, welch Wunder, die Redaktionsleitung löschte den Abschnitt kurzerhand heraus“, berichtet Fumagalli.

Nicaragua ist von Armut geprägt, gemäß Weltbank beläuft sich das Durchschnittseinkommen auf knapp 1.600 Euro pro Jahr. Das sieht man überall, die öffentliche Infrastruktur ist immer noch mangelhaft, die Gesundheitsversorgung zwar kostenlos, aber ineffizient, die Umwelt wird verschmutzt und in den großen Städten lebt ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in Slums und Behausungen aus Wellblech. Doch wo keiner spart, ist bei der mobilen Kommunikation: Jeder nennt ein Smartphone sein eigen und es wird eingesetzt, als wäre heute der letzte Tag vor dem Weltuntergang. Es ist keine Besonderheit, dass am Esstisch vier von sechs Personen gleichzeitig in ihrem Handy herumtippen – aber nicht etwa, um wichtige Kommunikation zu führen, sondern um auf Facebook und Instagram die neuesten Mitteilungen zu lesen.

Eigentlich ist das eine schlechte Angewohnheit, aber es kann manchmal auch positive Auswirkungen haben: Als bei einer Redaktionskollegin eingebrochen wurde, haben die Diebe neben den Wertsachen auch den Hund gestohlen. Sie veröffentlichte danach eine beispiellose Suchmeldung über die sozialen Medien – und kam ihrer geliebten „Luna“ nach 17 Tagen tatsächlich wieder auf die Spur.

In Nicaragua muss man sich auch weiteren weniger schönen Themen zuwenden. Dazu gehört die Kinderarbeit. Sie ist immer noch ein weitverbreitetes Phänomen in Nicaragua. Viele Kinder gehen zumindest teilweise zum Unterricht, manche jedoch gar nicht. Um solche Fälle kümmern sich oft Hilfsorganisationen. Sie retten besonders vernachlässigte Kinder von der Straße und geben ihnen Obdach, Schul- und Sportunterricht. Aktuelle Zahlen zur Kinderarbeit liegen nicht vor, aber man geht davon aus, dass rund jedes zehnte Kind in irgendeiner Form – sei es auf dem elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb, als Aushilfe in einem Geschäft oder beim Verkauf von Gegenständen auf der Straße – arbeiten und Geld in der Familie mitverdienen muss.

Gebende Hände unterhält in Nicaragua mehrere Waisenheime, Schulen und Speisungszentren für Kinder.



Weiterführende Informationen

 Nicaragua: Wie hilft Gebende Hände




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Aargauer Zeitung“, aargauerzeitung.ch

Schlagwörter: Nicaragua, Medien, Pressefreiheit, Zensur, Redaktion, Redakteur, Daniel Ortega, Rosario Murillo, Journalisten, Sandinisten, Revolution, Kritik, Behörden, Kündigung, Langzeitherrscher, Selbstzensur, Armut, Kinder, Kinderarbeit, Straßenkinder, Schule, Schulbesuch, Analphabetismus