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Haiti: Es gibt nur einen einzigen gedruckten Reiseführer – und der ist für Entwicklungshelfer

 
Meldung vom 15.04.2016

Haiti wünscht sich nichts sehnlicher, als dem Image eines ewigen Katastrophengebiets zu entkommen und endlich wieder Touristen anzuziehen. Bislang gibt es einen einzigen Haiti-Reiseführer – und auf den greifen fast nur Entwicklungshelfer zurück. Mit einer umstrittenen Kampagne bemüht sich die Regierung nun um eine Wiederbelebung des Tourismus.

Schwer vorstellbar, dass es eine Zeit gab, in der Haiti die Perle der Antillen genannt wurde. Die Insel war neben Kuba das populärste Reiseziel der Karibik. Prominente, Bohemiens und Künstler ließen sich auf Kreuzfahrtschiffen in die Hauptstadt Port-au-Prince bringen und bewunderten dort die Architektur, Kasinos und Jazzclubs. Publikumsmagnet dieser haitianischen Belle Epoque war das Hotel Oloffson, einer der schönsten Altbauten im Zuckerbäckerstil in der ganzen Karibik.

Nachdem das Gebäude während der amerikanischen Besatzungszeit als Krankenhaus dienen musste, gründete der schwedische Hochseekapitän Werner Gustav Oloffson 1935 in dem Altbau ein Hotel. Jackie Onassis zählte hier zu den Stammgästen. Der Ort galt als kreatives Biotop. Das Hotel bot nicht nur die Hintergrundkulisse für Graham Greens Roman The Comédies, sondern musste auch als Setting von dessen Verfilmung mit Elisabeth Taylor und Richard Burton als heimliches Liebespaar inmitten einer heraufziehenden Diktatur herhalten. Seine gotischen Türmchen und der keineswegs gruselige Geisterhaus-Charme (angeblich treibt hier der Geist eines verstorbenen US-Marinesoldaten sein Unwesen) dienten als Inspiration für den Familiensitz der Addams Family.

Als sich der Karibik-Tourismus in den 1980ern zu einer Milliarden-Industrie entwickelte, war Haiti ganz vorne. Leider brachten die politischen Unruhen am Ende der Duvalier-Diktatur die Erfolgsgeschichte jäh zu einem Ende. Ein Übriges tat eine grassierende HIV-Epidemie. Heute steht nur noch eine müde Kompa-Band am Flughafen von Port-au-Prince, um die wenigen Gäste zu empfangen. Das desolate Gefühl beginnt schon hier: Der Flughafen hat immer noch keinen neuen Tower. Und auch das Oloffson, das aus der Sehnsucht nach der eigenen Geschichte keinen Ausweg findet, benötigt Finanzspritzen, um zu überleben.

Paul Clammer, der Autor des einzigen aktuellen Haiti-Reiseführers, erklärt, warum seither kaum Touristen anreisen. „Jahrzehntelang verbreiteten die Medien über Haiti ausschließlich schlechte Nachrichten“, meint er. „Und warum sollte man in einem Land Urlaub machen wollen, aus dem nichts anderes als Schreckensmeldungen kommen?“

Schon etliche haben sich auf die Fahnen geschrieben, Haiti zu retten: Amerikanische Präsidenten, Wyclef Jean, christliche Hilfsorganisationen, kubanische Ärzte und die Indieband Arcade Fire. Aber Haiti ist auch heute noch eins der am höchsten verschuldeten und korruptesten Länder der Welt. Zwei Drittel der Bevölkerung fristen ein Dasein unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Das Land wird als hoffnungsloser Fall angesehen. Da mag ein Fremdenführer wie der von Paul Clammer zunächst absolut abgehoben wirken. Aber letztendlich sind auch die Zehntausenden Entwicklungshelfer, Missionare und UN-Mitarbeiter, die jedes Jahr hierherkommen, auf Tipps für ihre Freizeit angewiesen.

„Es ist furchtbar, dass man nicht über Haiti sprechen kann, ohne zu erwähnen, dass es das ärmste Land der Hemisphäre ist“, beschwert sich Clammer. „Nur weil ein Land Probleme hat, heißt es doch nicht, dass es nicht wert ist, besucht zu werden. Ich wünschte, es wäre möglich, Haiti als ein ganz normales Land zu betrachten.“ Das ist auch das Anliegen der haitianischen Regierung. Kürzlich hat das Tourismusministerium eine Initiative angestoßen, die Besucher – keine Hilfskräfte – nach Haiti einladen soll, in der Hoffnung, das Land wirtschaftlich wieder zu stärken.

Morgens räkeln sich die Friedhofsbewohner und steigen aus den Gräbern oder Mausoleen. Auf dem Grand Cimetière war die Grenze zwischen unserer Welt und dem Jenseits schon immer recht schmal – auch vor dem großen Erdbeben von 2010. Damals, es war am späten Nachmittag des 12. Januar, erzitterte der Boden unter Port-au-Prince. Viele der Häuser aus billigem Zement stürzten komplett ein. Mehr als 220.000 Menschen kamen in den Trümmern ums Leben und ein schrecklicher Verwesungsgeruch überdeckte die Stadt. Nach elf Tagen und 50 Nachbeben wurde die Suche nach Überlebenden offiziell beendet. In den darauffolgenden Wochen und Monaten nahm der Friedhof einen wichtigen Stellenwert ein.

Die Überlebenden wurden, wenn sie ihre Angehörigen nicht in Massengräbern mit bis zu 7.000 Leichen werfen lassen wollten, von den Bestattern ausgebeutet. Und weil bei dem Beben 1,5 Millionen Menschen ihr Heim verloren, gruben Verzweifelte die Knochen und Lumpen aus intakten Grabstätten, um sich dort eine Notbehausung einzurichten. So wurde die Totenstadt auch für die Lebenden zur Bleibe.

Es gibt einen Ausspruch, Haiti sei zu 70 Prozent katholisch, zu 30 Prozent protestantisch und zu 100 Prozent Voodoo. Die Kirchen beschuldigten Voodoo-Anhänger, die Katastrophe ausgelöst zu haben. Sie bewerteten die Katastrophe als Strafe für den Pakt mit dem Bösen. Bald darauf entwickelte sich Haiti zur „NGO-Republik“. Tausende registrierte Hilfsprojekte wurden gestartet und mehr als sieben Milliarden Dollar Wiederaufbauhilfe flossen. Die Stigmatisierung des Voodoo führte dazu, dass die Spenden vor allem den christlichen Organisationen zuflossen. Daraus resultierten Kircheneintritte und eine Verfolgung von Voodoo-Gläubigen: Tempel wurden vernichtet und Voodoo-Priester ermordet, weil man ihnen auch den Ausbruch der Cholera nach dem Beben anhing.

Pastellgrün, hellblau, rosa und lila – die Häuser des Stadtteils Jalousie sehen aus wie ein impressionistisches Gemälde. Der einst graue Slum klebt am Steilhang über Port-au-Prince. Unterhalb von Finelia Volmars Türschwelle weitet sich die Drei-Millionen-Stadt, die eigentlich nur für ein Drittel der Menschen geplant war. Finelias Haus – es besticht durch ein sattes orange – wurde zu einer Patisserie umfunktioniert, in der sie Bananenkuchen oder Cupcakes bäckt und zum Verkauf anbietet. Es ist nicht der ärmste Slum der Stadt, auch wenn die Bewohner Wasser nur per Lastwagen erhalten und sie nicht an ein Stromnetz angeschlossen sind. Die Farbe war vielleicht nicht existenziell notwendig für Finelia, aber wenigstens durfte sie sich den Farbton aussuchen. „Ich weiß nicht, warum sie damit angefangen haben“, meint sie und zuckt mit den Schultern. „Aber es war eine gute Idee. Vorher war es sehr grau. Jetzt ist es viel schöner.“

2013 wurden die äußeren Verschönerungen der Barackenstadt von Präsident Michel Martelly persönlich befohlen – nicht zufällig, denn zeitgleich nahm das Occidental Royal Oasis Hotel, ein neues Fünf-Sterne-Hotel, seinen Betrieb auf. Und dessen Fenster gehen zum Slum hinaus Die 1,4-Millionen-Dollar-Investition sorgte für Empörung bei den Haitianern: „Lippenstift auf einem Schwein“, polterte die Presse, „Urbanes Botox“, „Slum-Facelifting“. Dabei ist das nur ein Beispiel für die oberflächlichen Symptombehandlungen, mit denen die Regierung vermeidet, die echten Probleme bei der Wurzel zu packen.

Jalousie befindet sich gegenüber dem teuersten Viertel der Stadt, Petionville. Täglich steigen die Slumbewohner von ihrem Slum hinunter, um sich als Haushälterinnen, Hilfskellner, Fahrer und Gärtner für die Bourgeoisie zu verdingen. Wenn man Haiti als eine „NGO-Republik“ sehen will, dann ist Petionville ihre Hauptstadt: eine Oase für Diplomaten, Geschäftsleute, Entwicklungshelfer und Politiker – nicht selten mischt sich auch der Präsident, der den Anstrich befahl, darunter. Man findet alle Errungenschaften der westlichen Welt: Yogastudios, französische Restaurants, Saftbars und Haitis einzigen Golfplatz. Das Ganze gibt es zu Preisen, die sich mit New York messen lassen.

Hier hat sich auch das Zentrum für den Tourismus gebildet: Hinter massiven Mauern und unter Bewachung von Sicherheitsleuten haben die ansässigen Hotels Anbauten mit Hunderten neuen Zimmern errichtet. Und die Entwicklungshilfe-Industrie hat auch ihren Anteil daran: Seit Anfang des Jahres gibt es ein Marriott-Hotel, das von der Clinton-Foundation und der Weltbank großzügig gefördert wurde. „175 nachhaltige Jobs“ für die Haitianer soll das Projekt generieren. Für ein Frühstück geben Gäste 24 Dollar aus.

„Es ist lächerlich, dass derart viel Geld in Luxushotels gesteckt wird“, kritisiert der Journalist Jonathan Katz, der nach dem Beben über den Wiederaufbau in Haiti Bericht erstattete. Er findet Tourismus nicht grundsätzlich eine schlechte Idee, aber er bemängelt, dass all die Hotels in Port-au-Prince aus dem Boden schießen, obwohl sich Besucher eher für die Strände und Gegenden außerhalb der Stadt interessieren würden. „Das zeigt doch, dass sie nicht für Touristen, sondern für Entwicklungshelfer und andere Investoren gebaut werden.“

Jede Donnerstagnacht erwacht das Oloffson Hotel aus seinem Dornröschenschlaf. R.A.M., die 13-köpfige Hausband, gibt ihre eigenwillige Kreation aus Rock-’n’-Roll- und Voodoo-Rhythmen zum besten, wie fast jede Woche in den letzten 23 Jahren. Die Partys im Oloffson zählen zu den wenigen verlässlichen Gegebenheiten in einem Land, das seinen Einwohnern ständig die Ungewissheiten des Lebens vor Augen führt. Expats (ausländische Angestellte in Haiti) tanzen mit einheimischen Hipstern, an der Mahagoni-Bar wird teures Bier ausgeschenkt, das Klackern von Billardkugeln ist zu hören. Vor der Tür harren die bewaffneten Fahrer in ihren Militärjeeps auf die Rückkehr ihrer Chefs. Wenn der Abend spät zu Ende geht, ist hier, in der roten Zone von Port-au-Prince, längst die Sperrstunde für UN-Soldaten angebrochen.

Viele halten die neuen schicken Hotels der Hauptstadt für Geldwaschanlagen. „Der Tourismus sollte den Haitianern helfen, nicht dem Tourismusministerium und seinen Freunden“, sagt der Inhaber vom Hotel Oloffson. Er ist frustriert über die Politik, aber er hat Hoffnung auf eine Rückkehr des haitianischen Tourismus. „Wenn die Regierung Tourismus will, muss sie sich an die Regeln halten. Sie muss stabile Verhältnisse schaffen.“ Eigentlich kann man alles auf eine ganz kleine Formel bringen, sagt er: Ohne Frieden keine Touristen.






Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Die Zeit Online“, zeit.de

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