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Nicaragua: „Mit uns redet keiner“ – Geplanter Kanalbau vertreibt Anwohner

Meldung vom 09.05.2016

Die nicaraguanische Regierung hat erfolgreich Land gekauft oder gepachtet, um den Bau des umstrittenen Kanals zwischen Atlantik und Pazifik voranzutreiben. Vertreter von neun indigenen Gemeinschaften erklärten sich am Dienstag (03.05.2016) bereit, einen Pachtvertrag über ihre Ländereien entlang der geplanten Route mit der Kanalgesellschaft abzuschließen.

Der Kanal werde Profit abwerfen, betonte der Vertreter der Stämme Rama und Kriol, Hector Thomas Macrae. Andere Indio-Vertreter standen dem Vertrag aber skeptisch gegenüber. „Die Regierung hat die Indios gespalten, damit sie ihr Projekt vorantreiben kann“, beklagte sich die Koordiatorin Becky McCray der Zeitung La Prensa. Neben der fast 300 Kilometer langen Wasserstraße will das chinesische Unternehmen HKND zwei Häfen, einen internationalen Flughafen, mehrere Fabriken und eine Freihandelszone aufbauen. Strittig ist die Finanzierung, die Kosten für das 50 Milliarden US-Dollar (44,2 Milliarden Euro) teure Projekt sind auch durch den chinesischen Investor noch nicht gedeckt.

Eine weitere Kehrseite der Medaille: Was sollen die 30.000 Menschen tun, die umgesiedelt werden sollen? Doña Charito ist eine von den Unglücklichen: „Ich sage Nein, die Regierung sagt Ja. Was soll ich machen?“ Die 52-Jährige leitet ein kleines Restaurant in Polo. Das Dorf befindet sich am Rio Punta Gorda und besteht aus einem Fußballplatz, um den sich ein paar Häuser gruppieren, Handyempfang ist nicht vorhanden. Ein Maultier trabt an einigen spielenden Hunden vorbei, auf dem Rücken einen Tisch.

Dort wo heute der Rio Punta Gorda fließt, soll der Kanal ausgehoben werden. Polo würde dann von der Landkarte verschwinden. Die Regierung hat mitgeteilt, sie werde den Menschen das Land abkaufen, die Preise legt sie fest. Wer das Land nur wild besiedelt hat, oder seinen Besitz nicht nachweisen kann, hat kein Recht auf eine Entschädigung. Das trifft hier auf den Großteil der Menschen zu.

Alfonso Nuñez ist einer von Polos ersten Bewohnern. Unter seinem Cowboyhut schaut man in kraftvolle Augen. Er ist mager, sehr mager. Doch seine Arme sind muskelbepackt von fast dreißig Jahren Arbeit auf der Finca. Neue Nachbarn sind zu- und weggezogen, er ist geblieben, seine Vision hält er auch aufrecht: Ökologischer Landbau. Stolz zeigt er eine Auswahl – Kochbananen, Kartoffeln, Hibiskus, Kakao, das restliche Gemüse entzieht sich dem deutschen Sprachschatz. Manches gedeiht nur hier. Nuñez‘ Finca ist ein Flickenteppich aus bunten Farben über knapp 50 Hektar. An sein Land grenzt die Wiese des Nachbarn, über die genüsslich wiederkäuende Rinder streifen.

Dieses Jahr hat die Trockenzeit einen Monat früher begonnen, seit Jahren sinkt der Wasserpegel des Flusses. Das schmälerte die Ernte der Bohnen, dem wichtigsten Nahrungsmittel. Als sei der Kampf um die Erhaltung dieses Naturreservats nicht schon schwer genug, sieht sich Nuñez nun einem weiteren Gegner gegenüber: Dem Kanal. Und dieser Gegner erschien aus heiterem Himmel. Eines Tages landete ein Helikopter mit chinesischen Vermessungsingenieuren auf dem Fußballplatz.

Bis dahin hatten die Bewohner von Polo nur aus dem Fernsehen etwas von den Kanalbauplänen vernommen. Von der Regierung ließ sich bis heute niemand in Polo blicken. „Der Dialog ist wichtig für unser Zusammenleben. Aber mit uns redet keiner“, beklagt sich Nuñez. „Ich hoffe, dass ich Sie noch mal hier empfangen darf“, sagt Nuñez zum Abschied. 2018 soll der Kanal nach offiziellen Plänen zu Ende gebaut sein. Im selben Jahr würde Nuñez‘ Finca 40 Jahre Jubiläum feiern. Es wäre gleichzeitig ihr Todesjahr.

Etwas weiter den Fluss hinab gibt es eine andere Finca. Als das Boot anlegt, erwartet die Besucher ein stämmiger Mann. Vicente Reyes, ein Mann mit festem Händedruck und sicherer Stimme, steigt vom Pferd. Auf den Bäumen sehen Leguane der Begrüßung zu. „Die sind auch weniger geworden“, meint Reyes. Genauso wie die Affen, die früher hier in Scharen herumtollten. „Nun habe ich schon lange keinen mehr gesehen“, meint der Landwirt und bittet zum Essen. Im Fernsehen verfolgt sein Sohn einen Trickfilm. Im Mittelpunkt steht eine Waldkönigin in einem bunten Reich voller Leben. Es wird bedroht von Termiten, die die Bäume befallen und den Wald zerstören. Im Haus Fiktion, vor der Tür Wirklichkeit.

„Wenn ein Chinese über den Fluss wollte, hat ihn keiner von uns mitgenommen“, erklärt Reyes. Die selbst organisierten Bauern unternehmen noch mehr, mittlerweile sind sie bewaffnet. Sollte einer von der Regierung bedroht und zwangsenteignet werden, kommen alle zu Hilfe. Reyes kocht vor Wut. „Die Regierung sagt, wir hätten hier nichts zu essen. Aber uns geht es gut!“

Etwas weiter im Landesinneren, nur wenige Kilometer vom Dorf Polo entfernt, wurde eine Sperrzone eingerichtet. Keiner weiß, was dort vor sich geht. Im Dorf wird geflüstert, Guerillagruppen aus dem Norden des Landes hätten sich in der Gegend versammelt, um Anhänger für den Kampf gegen die Regierung zu gewinnen. Diese habe ihre Militärpräsenz kürzlich noch einmal ausgebaut.

Der Widerstand vollzieht sich allerdings vorwiegend noch in friedlichen Bahnen. Er wird hauptsächlich von den Ärmeren organisiert, die angeblich von dem Projekt Nutzen haben sollen. Das ist der vorrangige Streit. Es bilden sich aber derweil weitere Konfliktparteien. Europäische NGOs (Nichtregierungsorganisationen) haben Petitionen formuliert, um den Regenwald zu retten. China ist derweil darauf aus, mit und ohne Kanal, seine geostrategischen Interessen durchzusetzen. Die nicaraguanische Regierung verspricht sich einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung. Indigene Gruppen ziehen vor die internationalen Gerichte, um gegen die Einschränkung ihrer Rechte und die Beschlagnahme ihres Landes zu prozessieren. Und in Polo hoffen sie, dass der einmütige Widerstand ausreicht. Die Menschen wollen weiterhin von dem Ertrag ihrer eigenen Erde leben.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Die Tageszeitung“, taz.de

Schlagwörter: Nicaragua, Kanal, Kanalbau, Chinesen, Enteignung, Verpachtung, Land, Natur, Umwelt, Fluss, Naturschutz, indigene Bevölkerung, Atlantik, Pazifik, Wirtschaft, Aufschwung, Widerstand, Zwangsverkauf, Eigentümer, HKND