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Mexiko: „Mexiko ist ein riesiger, geheimer Friedhof“

Meldung vom 11.05.2016

Mexiko hat ein großes Problem mit verschwundenen, entführten und vermissten Einwohnern. Inzwischen sind 27.659 Menschen als vermisst gemeldet worden. Der Staat überlässt die Angehörigen sich selbst, oft sind Staatsdiener persönlich in die organisierte Kriminalität verwickelt.

Dem Horror kann man in Mexiko an jeder Straßenecke begegnen, und manchmal zeigt er sich mitten im Alltag. Das musste Tranquilina Hernández erfahren. Der 13. September 2014 war ein Samstag wie immer in Cuernavaca, einem Ort eine Stunde Autofahrt südlich von Mexiko-Stadt. In den letzten Jahren gab es hier mehr Gewalt, seit der örtliche Drogen-Kartellchef von Marinesoldaten hingerichtet wurde und sich zwischen jungen Banditen ein Machtgerangel um seine Position entwickelt hat. Immer wieder wurde die Stadt von Feuergefechten verunsichert, Geschäftsleute prangerten Schutzgelderpressungen und Entführungen an. Aber das waren „Angelegenheiten der Bösen“, entschied Hernández damals.

Die 38jährige alleinerziehende Mutter lebt in einem Arbeiterviertel. Ihre älteste Tochter Mireya, 18 Jahre alt, traf sich an diesem Morgen mit ihrem Freund. Beide führten schon seit zwei Jahren eine Beziehung. „Begleitest du mich zur Oma, ich will ein paar Bücher holen?“, fragte er beiläufig. „Die Oma wohnt ein paar Häuser weiter“, berichtet Hernández. „Mireya begleitete ihn.“

Jetzt steht Hernández 300 Kilometer entfernt vor einem zwei Meter tiefen Loch in einem Zuckerrohrfeld und weint herzzerreißend. Die Umstehenden haben einen Kreis gebildet, sich an den Händen gefasst und beten das Vaterunser gemeinsam. Aus dem frisch gegrabenen Erdloch hat die Gruppe gerade verkohlte Knochenreste ausgehoben. Ein Stück Schädel, vermutlich Schienbeine, ein relativ unversehrter Oberschenkelknochen. Unweit davon im Gehölz einer Kaffeeplantage wurden nasse verschlammte Frauenballerinas, ein schwarzer Rock, ein mit Farbe bekleckertes Männerhemd und ein blaues Sakko entdeckt.

Die Gruppe verfügt über Schaufeln, Spaten, Hacken, und den eisernen Willen jener, die sich nicht länger vom Staat hinhalten lassen wollen. Leute wie Alma Rosa Rojo, die seit sieben Jahren nach ihrem Bruder fahndet. Oder die Hausfrau Rosa Neris, 52, deren Schwager mit zwei Brüdern seit sechs Jahren nicht mehr auffindbar sind. Der Barkeeper Mario Vergara, für dessen Bruder die Familie nicht schnell genug Lösegeld zusammentragen konnte. Die Brüder José-Luis und Miguel-Angel Herrera, die vier Geschwister suchen. „Da, wo es längliche Bodensenken gibt und der Eisenstab ohne Widerstand ins Erdreich dringt, können Überreste liegen“, weiß Vergara aus Erfahrung. Alle paar Minuten löst einer den anderen beim Schaufeln ab. Es ist heiß, die Männer sind nassgeschwitzt, die Kleider kleben am Körper.

in Mexiko werden jeden Tag 14 Menschen als vermisst gemeldet. Offiziell sind 27.659 Mexikaner verschwunden. Die Dunkelziffer könnte um ein Vielfaches höher liegen, sagt Juan López Villanueva von der Nationalen Menschenrechtskommission. „Viele Familien zeigen die Tat nicht an, weil sie Angst haben. Die Behörden arbeiten schlampig, Akten verschwinden, und die Register sind nicht harmonisiert.“ Villanueva ist neben zwei Bundespolizisten der einzige Staatsvertreter, der die erste nationale Freiwilligen-Brigade auf ihrer Suche nach Verschwundenen im Bundesstaat Veracruz eskortiert.

In Cuernavaca – im September 2014 – wurde Tranquilina Hernández unruhig, als Mireya nach einer Stunde immer noch nicht zu Hause war. „Ich ging zum Haus ihres Verlobten, aber der sagte nur, Mireya habe vor dem Haus der Oma gewartet, und als er nach fünf Minuten hinaus kam, sei sie weg gewesen.“ Tranquilina schenkte seinen Worten keinen Glauben, wandte sich an Nachbarn, doch niemand hatte etwas wahrgenommen. Dann wollte sie bei der Polizei Anzeige erstatten – und wurde abgewiesen. Ihre Tochter erschien nie mehr auf der Bildfläche. Der Mutter plagt sich nun mit der täglichen Ungewissheit: „Es ist, als würde man jeden Tag ein bisschen sterben.“

Die Berichte des freiwilligen Such-Trupps ähneln sich alle. Geschichten von DNA-Proben, die plötzlich verschwunden sind, von nicht zuständigen oder gleichgültigen Behörden, von Ermittlern, die falsche Hoffnungen aufkeimen lassen oder ihrerseits umgebracht werden, von anonym bleibenden Leichen, die in Massengräber geworfen werden. „Der Staat will die Verschwundenen nicht finden, und die Täter nicht zur Rechenschaft ziehen, denn dann müsste er ja gegen sich selbst ermitteln“, erklärt Juan Carlos Herrera, der die Brigade gegründet hat. Ihm zufolge haben die staatlichen Sicherheitskräfte in den meisten Fällen Anteil an dem Verschwindenlassen. „Wir Familien müssen aktiv werden, wenn wir wissen wollen, was mit unseren Angehörigen passiert ist.“

„Mexiko ist ein riesiger, geheimer Friedhof“, meint Pfarrer Julián Verónica aus Amatlán de los Reyes, bei dem die Brigadisten Aufnahme finden. Vor allem Drogenkartelle haben keine Skrupel, sich am Menschenhandel zu bereichern. Frauen werden zur Prostitution genötigt, Männer als Drogenkuriere oder Killer missbraucht, Kinder für Pornografie verschleppt. „In Mexiko herrscht Chaos“, betont Volga del Pino vom Zentrum für Menschenrechte und Demokratie. Je nach Bundesstaat werden die Personen nur als Vermisste erfasst oder als Entführungsfall zu den Akten gelegt. In diese Verfahren soll nach scharfer Kritik der Menschenrechtler nun Bewegung entstehen, doch ein Gesetzesentwurf kriecht im Schneckentempo durch die Parlamentsinstanzen.

Als sich am Abend der Himmel über dem Zuckerrohrfeld verdunkelt, kaufen die Brigadisten eine Plastikplane, kappen dicke Äste und decken das Grab damit ab. „Fund 1, 20. April 2016, 12 Uhr“, schreibt Alma Rosa Rojo mit Filzstift auf ein liniertes Blockpapier und heftet es an einen Ast, den sie in den Boden rammt. Die Knochenfunde werden in Plastiktüten gelegt und beschriftet, um sie später mit den Informationen der DNA-Datenbank zu vergleichen, die die Brigade zusammen mit einer Universität pflegt und ausbaut.

Hernández schaut auf die rosa Schrift und die Buchstaben tanzen vor ihren Augen vor Tränen. „Nein, so will ich Mireya nicht wiedersehen“, klagt sie. „Aber gleichzeitig weiß ich, dass hier eine Familie Frieden und Gewissheit finden wird, und die Überreste eines Angehörigen bestatten kann.“




Quelle: „Neckar Chronik“, www.neckar-chronik.de

Schlagwörter: Mexiko, Vermisste, Verschwundene, Verschwindenlassen, Massengräber, Kriminalität, Drogenmafia, verscharrt, Erde, Menschenhandel, Entführungen, Verschleppung, Knochenreste, DNA, DNA-Proben, Polizei, Sicherheitsbeamte, Korruption, Überreste, Bürgerinitiative, Brigade