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Indien: Ein Land trocknet aus

 
Meldung vom 31.05.2016

Ganz Indien leidet unter einer extremen Hitzewelle und Trockenheit. Die Menschen in der Region Marathwada sind von katastrophaler Wasserknappheit bedroht. Neben der langanhaltenden Dürre sind fehlendes Umweltbewusstsein und falsche Produkte in der Landwirtschaft Faktoren, die die Krise vorangetrieben haben. Die Regierung will mit Flusserweiterungen und zusätzlichen Kanälen dem Wassermangel begegnen – doch auch dafür ist zu wenig Wasser vorhanden.

Laxmikant hat sich am Straßenrand im Zentrum der Provinzstadt Latur aufgestellt. Der etwa 60-Jährige lehnt sich an sein Fahrrad, an dem fünf Wasserkrüge baumeln. Die Krüge sind leer. 200 Liter Wasser in zehn Tagen – das ist die Ration, die jeder Familie im Dürre-Katastrophengebiet in der Region Marathwada derzeit zugeteilt wird. Wenn denn einmal Wasser ausgegeben wird. „Wenn ich Wasser erhalten habe, dann fahre ich los und komme gleich noch einmal wieder, und stelle mich wieder an, damit ich genug Wasser bekomme“, sagt Laxmikant.

Noch ist an diesem Tag kein Wasser in die Innenstadt Laturs gebracht worden, kein Tropfen von den 2,5 Millionen Litern Wasser, die ein Zug jede Nacht über 400 Kilometer herbeitransportiert, um wenigstens die existenziellste Versorgung zu gewährleisten. Die Menschen machen ihrem Unmut an der Wasser-Verteil-Stelle Luft: „Wir brauchen viel mehr Wasser. Nicht nur ein bisschen. Die Regierung muss mehr heranschaffen. Das ist doch nicht die erste Dürre hier.“

Aber es ist die heftigste Dürre seit vielen Jahren, mit Temperaturen von bis zu 50 Grad und einem sich stark verspätenden Monsunregen. Und so trägt ein Zug jede Nacht Wasser in fünfzig Waggons herbei, das dann in großen Mengen durch Filter geleitet wird und schließlich in den Wasser-Verteil-Stellen Laturs ankommt, oder mit Tankwagen in die Umgebung weitertransportiert wird.

Die langanhaltende Dürre ist sicherlich die Hauptursache für die katastrophale Wasserknappheit. Wasserverschwendung, mangelndes Umweltbewusstsein, eine Landwirtschaft, die sich auf falsche Produkte festgelegt hat, verschlimmern die Situation, meint der Wasserexperte Upmanyu Patil: „Die Mehrheit der Bauern hier baut ausschließlich Zuckerrohr an. Das ist einfach, man muss immer nur ordentlich wässern. Andere Feldfrüchte machen viel mehr Arbeit.“

Zuckerrohr ist unempfindlich und gedeiht problemlos, braucht aber unendlich viel Wasser. Nicht zufällig bezahlt die Familienstiftung eines inzwischen verstorbenen Politikers der Kongress-Partei, der Partei der Ghandis, den Wassertransport innerhalb der Stadt. Die Familie besitzt die meisten Zuckerrohr-Plantagen sowie die Zucker-Fabrik in der Stadt.

Und viele in und um Latur sind von dieser Hilfe abgekoppelt. Wer nur wenige Kilometer vom Zentrum der 350.000 Einwohner-Stadt entfernt lebt, geht leer aus. Der 50-jährige Rukmani und der 62-jährige Lakadevi harren in dem Dorf Pakharsangui neben einer langen Reihe von leeren Tonkrügen aus. Seit dem frühen Morgen stehen sie um Wasser an – ohne Erfolg: „Wir müssen für unser Wasser kämpfen. Die Regierung muss endlich etwas tun. Sie muss eine Wasserleitung in unser Dorf legen. Das sind sehr schwierige Zeiten, die wir zu überstehen haben.“

Gangakar ist 70, Landarbeiter, der noch immer von seinem Tagelohn lebt. Wer sonst gibt ihm Geld? Aber während dieser Dürre liegt alles brach und für den drahtigen alten Mann mit der prägnanten Brille gibt es keine Arbeit. „Ich brauche die Feldarbeit, ohne Wasser kann ich nichts tun, es gibt keine Landwirtschaft mehr hier.“

Gangakar hat viel erfahren und kann sich weit zurückerinnern. „Das ist das erste Mal, dass wir so eine große Krise erleben. 1972 war es schon einmal schlimm, aber nicht so schlimm wie jetzt mit dieser Dürre.“ So etwas wie derzeit darf nie wieder zugelassen werden, egal wie sich das Klima noch in der Zukunft auswirkt, da sind sich im Dorf Pakharsangui alle einig. Jagdevi ist Ende zwanzig und muss zwei Kinder ernähren: „Wir wollen wissen, wie die Probleme gelöst werden können, wir brauchen eine langfristige Lösung, nicht alle drei Jahre so eine Katastrophe.“

Die Regierung von Premierminister Modi arbeitet daran, Flüsse in den Dürreregionen zu verbreitern, Wasser über Kanäle umzuleiten – doch die Ressource Wasser ist auch in den Flüssen gering. Der Grundwasserspiegel sinkt immer weiter, die geplanten Kanäle, fürchten Umweltschützer, schaden dem Lebensraum der Tiere und den natürlichen Kreisläufen der Flüsse. Sie hoffen, dass die Pläne auf dem Papier bleiben und nicht realisiert werden.

Für die Bauern um Latur ist die Lage alptraumhaft. Sie verdienen kein Geld und sitzen häufig auf Schulden, die sie aufgenommen haben, um Saatgut zu finanzieren. Und dann, erklärt Upmanyu Patil, hätten die Landwirte auch noch teuren gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entsprechen. Damit meint er das Ausrichten einer prachtvollen Hochzeit: „Die Menschen hier geben viel Geld für Hochzeiten aus, die als Statussymbol gelten. Das verschärft die sowieso schwierige Lage noch. Sie betreiben falsche Landwirtschaft, sind von den Saatgut-Lieferanten abhängig und wollen dann auch noch Feste wie die Reichen ausrichten. Das schafft große Probleme.“

Die Zwänge sind so verheerend, dass die Zahl der Selbstmorde auf dem Land dramatisch in die Höhe geschnellt ist. Mitten im Dorf Pakharsangui steht ein Traktor, drum herum hat sich eine kleine Gruppe aus Bauern gebildet, die in diesen Tagen auf den rissigen trockenen Feldern keine Arbeit haben. Rund um die Felder sind Bewässerungsgräben ausgehoben – daran haben die Bauern in den letzten Wochen gearbeitet, in der Hoffnung, dass irgendwann auch einmal wieder Wasser im Dorf ankommt.

„Die Landwirtschaft ist bereits seit Jahren ein Problem, es fehlt immer wieder an Wasser, wir haben keine Brunnen mehr, mein Mais und meine Sojabohnen wachsen nicht mehr. Die Ernte wird immer schlechter.“ Das berichtet der 55-jährige Ramling. Auch er hat seine vier Töchter inzwischen erfolgreich verheiratet, doch seine Schulden sind damit deutlich angewachsen. Es gibt wenig Alternativen: „Die Töchter sind aus dem Haus, mein Sohn lebt mit seiner Frau in unserem Haus, wir sind Bauern, bereits seit Generationen“, sagt Ramling.

Die Äcker sind staubtrocken, und der Monsunregen lässt noch lange auf sich warten. Die Hoffnung, dass die Regierung das Problem zu lösen vermag, ist nicht groß. Am Ende, meint Ramling, können sie nur noch den Blick gen Himmel zum Allmächtigen erheben.






Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Deutschlandfunk“, dradio.de

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