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Afghanistan: Zanabad – Ein Stadtviertel für Witwen

Meldung vom 05.07.2016

1,5 Millionen Witwen hat der 40 Jahre anhaltende Bürgerkrieg in Afghanistan hinterlassen. Und jeden Tag kommen neue dazu. Eine Frau ist erst Eigentum ihres Vaters, dann ihres Ehemanns – das ist so Brauch in Afghanistan. Und wenn sie als Witwe zurückbleibt, gilt sie als Freiwild. Aus dieser Not heraus entstand Zanabad, oder der „Hügel der Witwen“, eine illegale Siedlung, die den Frauen zumindest ein wenig Obdach und Zusammenhalt gewährt.

Die Frauen sitzen auf einer Plastikplane, die auf dem steinigen Boden liegt. Sie sind vor dem Lehmhäuschen von Anisa zusammen gekommen. Es steht windschief an einem Berghang. Anisa ist mit ihren 40 Jahren die selbst ernannte Chefin einer ausgefallenen Gemeinschaft auf einem Hügel im Osten Kabuls. Hier haben sich vor allem Witwen und ihre Kinder angesiedelt. Anisa zählt zu den wenigen, die des Lesens und Schreibens mächtig sind. „Wir können uns hier aufeinander verlassen, wir lassen uns nicht im Stich“, erklärt sie – und viele andere nicken.

Nawzi und ihre Freundin Bibi Mehro, beide um die 60 Jahre alt, sagen: „Dieser Ort ist für uns besser als alle anderen Orte, auch wenn wir hier kein gutes Leben haben.“ Ihre beiden Ehemänner starben bei Raketenangriffen im afghanischen Bürgerkrieg – nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen 1989. Damals brachen Gefechte innerhalb der Mudschahedin aus. Die Gotteskrieger hatten die sowjetischen Soldaten gemeinsam zum Rückzug gezwungen, konnten aber anschließend nicht über eine gemeinsame Regierung übereinstimmen. Ihr blutiger Machtkampf zog Kabul in einen Strudel der Zerstörung. Das Massaker gab 1996 auch den Taliban Auftrieb, die das Vakuum für sich nutzten und nach der Macht griffen.

Nawzi und Bibi Mehro, die beiden Großmütter vom Witwenhügel, zeigen mit ihren Handflächen gen Himmel. „Was können wir tun? Es steht nicht in unserer Macht, den Krieg der Männer zu stoppen.“ Das Leid, das sie in ihrem Leben schon erfahren haben, prägt ihre Gesichtszüge.

Keiner weiß so genau, wann die ersten Witwen sich des Hügels bemächtigten und dort illegal eine Lehmhütte nach der anderen bauten. Vermutlich irgendwann im Tumult des Bürgerkriegs in den frühen 90-er Jahren, als Kabul unter Dauerbeschuss war und immer mehr Menschen verzweifelt nach Schutz suchten. „Wir haben unser Haus hier oben alleine gebaut – meine Kinder und ich. Es hat ein Jahr gedauert“, berichtet Mehro. So entstand nach und nach Zanabad, der Hügel der Witwen.

Heute hausen hier rund 500 Frauen ohne Männer, in selbst zusammengezimmerten Häuschen aus Lehm, oft in riskanter Schräglage. Als Fenster muss Plastikfolie dienen, weil Glas zu kostspielig ist. Und Zanabad vergrößert sich. Afghanistans Dauerkonflikt macht jeden Tag neue Frauen zu Witwen und ihre Kinder zu Waisen. In Kabul suchen jeden Tag neue Flüchtlingsfamilien Schutz, die Hab und Gut verlassen haben, um der Gewalt zu Hause zu entkommen.

„Ich habe meinen Mann vor ein paar Monaten durch einen Selbstmordanschlag verloren“, sagt Najia. Sie ist doppelt betroffen: Sie ist Flüchtling und jetzt auch noch Witwe. Die Familie rettete sich vor etwa sechs Jahren vor dem ewigen Krieg nach Kabul und kam in Zanabad unter. Und dann kam der schwarze Tag, an dem ein Selbstmordattentäter auf dem Basar seinen Zündsatz betätigte, genau dort, wo Najias Ehemann als Tagelöhner arbeitete.

„Eine Frau ohne Mann hat keinen Wert, das ist alles zu viel für mich“, fügt Najia hinzu, die sieben kleine Töchter versorgen muss. Ihre Tränen lassen sich nicht mehr aufhalten, doch es ist ein lautloses Weinen. Ihre Nachbarinnen stecken ihr oft Mehl und Öl zu, damit Najia wenigstens Fladenbrot zubereiten kann.

Zanabad, der Hügel der Witwen, ist ein Sinnbild des afghanischen Krieges. Die Etappen der Gewalt kann man sich klar vor Augen führen. Shah Jan hat den Tod ihres Mannes und ihrer beiden Söhne vor 15 Jahren verkraften müssen – im Herbst 2001, als der US-geführte Einmarsch des Westens in Afghanistan losging. Shah Jan war damals mit ihrer Tochter schwanger. Sie ging als Überlebende aus der Explosion hervor, die ihr Haus in Schutt und Asche legte. Wer mit was auf ihr Haus geschossen hatte, blieb unklar.

Die junge, schwangere Witwe verließ die Provinz Logar und suchte Unterschlupf in Kabul. Sie gebar ihr Kind auf dem Witwenhügel. „Alles hier ist schwierig, aber am schwierigsten ist es, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen“, erläutert auch Shah Jan. Sie wiederholt im Gespräch ohne Unterlass: „Ich bin krank. Mein Kopf ist krank. Mein Kopf ist kaputt.“ Sie schlägt sich mehrfach mit der flachen Hand auf die Stirn. Viele Frauen auf dem Witwenhügel kämpfen mit seelischen Verletzungen.

In einem von Männern beherrschten Land, im dem Frauen erst der Besitz ihres Vaters und dann der Besitz ihres Ehemannes sind, wird Witwen keine Identität zugestanden. Sie fühlen und bewegen sich unsicher. Die Gesellschaft bezeichnet sie als „Töpfe ohne Deckel“ und bringt ihnen Misstrauen entgegen. Wenn die männerlosen Frauen nicht bei ihrer Familie aufgenommen oder innerhalb der Familie weiterverheiratet werden, sind sie Freiwild. Viele müssen auf der Straße betteln, andere prostituieren sich.

Nach fast 40 Jahren Krieg wird die Zahl der Witwen in Afghanistan auf 1,5 Millionen geschätzt, so die Vereinten Nationen. Der Staat kann sich ihrer nicht annehmen. Der afghanische Staat ist korrupt und verbraucht alle seine Energien, um für sein eigenes Überleben zu kämpfen.

„Ich wohne gerne hier, ich verstehe mich gut mit meinen Schwestern“, unterstreicht Anisa, die selbst ernannte Chefin auf dem Witwenhügel. Sie ist bei der Polizei angestellt. Es ist kein Zufall, dass die einzige Waffenträgerin das Zepter der Macht auf dem Hügel innehat. Zanabad ist keine Kuschel-Kommune. Die Frauen stehen sich zur Seite, doch auch hier gilt das Recht der Stärkeren. Die Armut löst viel Verzweiflung aus. Auch auf dem Hügel der Witwen kommt es zu Verteilkämpfen und Aggressionen. Trotzdem fühlen sich die Witwen in der Gemeinschaft mit den anderen Frauen deutlich sicherer – und in Afghanistan darf man das nicht unterschätzen.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „ARD-Nachrichten online“, ard.de

Schlagwörter: Afghanistan, Frauen, Witwen, Zanabad, Viertel, Unterkunft, Kabul, Ausgestoßene, Gesellschaft, geächtet, Staat, Bürgerkrieg, Taliban, Mudschahedin, Witwenhügel