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Mexiko: Die Gefängnisse sind in der Hand der Kartelle

Meldung vom 16.06.2016

In Mexiko sind die Gefängnisse in der Hand von Kriminellen, die Justiz ist infiltriert. Ein Kartell hat eine Haftanstalt sogar als Folterzentrum genutzt – und dort offenbar mehr als 150 Menschen ermordet.

In der mexikanischen Grenzstadt Piedras Negras hat ein Drogenkartell ein Gefängnis in ein Folterzentrum umfunktioniert. Killer der Zetas, einem der brutalsten Kartelle Mexikos, quälten und ermordeten dort ungestört Gegner, Mitglieder aus den eigenen Reihen und Entführungsopfer. Sogar eine Gruppe tauber Männer wurde von den Narcos verschleppt und umgebracht, weil sie sie als Undercover-Agenten einstuften. Die Leichen wurden in Säure aufgelöst und verbrannt. In den vergangenen Tagen haben Polizisten in einem Fluss in der Nähe des Gefängnisses nach menschlichen Überresten gesucht.

Etwa 150 Menschen sollen dem ermittelnden Staatsanwalt des Bundesstaates Coahuila, Homero Ramos Gloria, zufolge zwischen Dezember 2009 und Januar 2012 in dem Gefängnis ums Leben gekommen sein. Der gesamte Umfang des Justizskandals kam erst vor Kurzem ans Licht der Öffentlichkeit – und zeigt an, in welchem Ausmaß mexikanische Kartelle die Justiz ausgeschaltet haben.

Auch in anderen mexikanischen Gefängnissen führen Gangs und Kartelle den Drogenhandel hinter Gittern ungehindert fort, erheben Schutzgelder oder bestechen Gefängnisleitung und Wärter, wie bei der Flucht des Sinaloa-Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Doch die Haftanstalt in Piedras Negras wurde vollständig vom Zetas-Kartell in Beschlag genommen, sie richteten sich in dem Gefängnis ein und gebrauchten es als Operationsbasis.

„Sie gingen dort täglich ein und aus“, bestätigte der Leiter der Ermittlungseinheit. Er hält es für wahrscheinlich, dass ähnliche Zustände auch in anderen mexikanischen Gefängnissen vorzufinden sind. Ein Zetas-Mitglied gestand den Ermittlern, dass er sich tagsüber frei bewegt, Freunde besucht, sich in seinem eigenen Haus aufgehalten, Kaffee getrunken und Zeitung gelesen habe – und nachmittags in das Foltergefängnis zurückgegangen sei.

Auch Führungsmitglieder nutzten das Gefängnis als Rückzugsort, wenn die Bundespolizei gerade nach ihnen jagte. Die Insassen wurden als Zwangsarbeiter missbraucht: Häftlinge mussten für die Kartellmitglieder falsche Uniformen und schusssichere Westen herstellen oder Fahrzeuge mit Verstecken für Drogen, Geld und Waffen ausstatten.

Sieben Morde, die hinter den Gefängnismauern stattfanden, konnten die Behörden bisher nachweisen. Nach fünf Kriminellen, die an Entführungen und Morden beteiligt waren, wird per Haftbefehl gefahndet – auch Gefängnisangestellte und Wärter, die das Morden hinter Gittern duldeten, sollen zur Verantwortung gezogen werden.

Dass das Gefängnis von Piedras Negras von Kriminellen unterwandert wird, kam durch eine spektakuläre Massenflucht heraus: Im September 2012 flohen mehr als 130 Häftlinge durch einen Tunnel aus dem Gefängnisgelände. Die Zetas hatten den Ausbruch geplant, offenbar benötigten sie Unterstützung und wollten die Häftlinge gegen Rivalen im benachbarten Bundesstaat Tamaulipas kämpfen lassen.

Die Zetas haben im Bundesstaat Coahuila Rivalen in den vergangenen Jahren mit brutalen Morden zum Rückzug gezwungen und an vielen Orten ein Terrorregime aufgerichtet. Immer wieder geraten auch Unbeteiligte wie Aktivisten, Journalisten und Bürger in das Netz der Kartelle und werden ermordet. Menschen verschwinden einfach so, immer wieder werden Massengräber gefunden. Lokale Medien schweigen sich über die Verhältnisse aus, weil sie selbst bedroht werden. Politiker, Justiz und Sicherheitskräfte sind passiv, überfordert oder ziehen selbst mit den Kartellen an einem Strang.

Im März 2011 stürmten Killerkommandos der Zetas etwa die Kleinstadt Allende, verwüsteten Häuser und Geschäfte, und verschleppten etwa 300 Bewohner, die nie wieder aufgefunden wurden. Erst 2014 begannen die Behörden mit der Ermittlung über die Massenentführung.

Auch das Geheimnis des Foltergefängnisses in Piedras Negras blieb lange verborgen. Spuren Vermisster, nach denen Familienangehörige suchten, verloren sich zwar in der Nähe des Gefängnisses. Doch selbst eine Vermisstenorganisation, die sich Zugang zum Gefängnis verschaffte, entdeckte nichts Ungewöhnliches. Jemand hatte die Kriminellen offenbar gewarnt.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Stern“, stern.de

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