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Afghanistan: Frauenradio in Kunduz – Wie lange noch?

Meldung vom 08.09.2016

Radiochefin Zarghoona Hassan führt ein Leben immer nahe am Abgrund. Sie engagiert sich als Leiterin einer Radiostation und Moderatorin im afghanischen Kunduz für die Rechte der Frauen. Doch ihr Selbstbewusstsein und ihr Tatendrang provozieren die Taliban: Es gab Morddrohungen, und ein Brandanschlag wurde auf ihre Radiostation verübt. Hassan musste in einer anderen Stadt untertauchen, doch aufgeben ist für sie keine Option.

„Ich bin nach meiner Flucht nur einmal kurz nach Hause zurückgekehrt. Heimlich. Ich habe mich unter einer Burka versteckt“, erzählt Zarghoona Hassan bei grünem Tee und Kuchen. Das Gespräch findet statt in einem geschützten, schattigen Garten in Kabul. Die Sonne scheint, die Vögel geben ein Konzert, die von Anschlägen heimgesuchte afghanische Hauptstadt wirkt heute seltsam friedlich.

Zarghoona Hassan, die untergetauchte Radio-Stimme von Kunduz, erinnert sich an den Herbst des vergangenen Jahres. Doch ihre Worte kreisen auch um die Gegenwart. Die Gefechte um die Kontrolle über die Provinz Kunduz toben unvermindert – auch wenn die gleichnamige Provinzhauptstadt wieder in der Hand der Regierung ist.

Ihre zeitlich befristete Rückkehr, das war etwa drei Monate nach dem Fall der Stadt am 28. September 2015: „Ich habe damals in Kunduz nur müde und ängstliche Menschen getroffen“, schildert Hassan. Fast alle Frauen, mit denen sie sich zuvor im öffentlichen Leben hat sehen lassen, seien verschwunden. Viele wären mit ihren Familien inzwischen ins Ausland emigriert.

Hassan verurteilt den Exodus nicht. Auch ihre Eltern, ein Bruder und drei Schwestern haben Afghanistan verlassen. Sie haben sich über Russland nach Finnland abgesetzt. „Es gibt in Afghanistan einfach zu viele bewaffnete Gruppen, die morden, plündern, entführen und vergewaltigen“, begründet die Journalistin den Beschluss ihrer Familie. Dann fügt die 43-jährige mit Nachdruck hinzu: „Der Krieg ist das fundamentale Problem in Afghanistan. Es geht hier nicht nur um die Taliban oder um den sogenannten Islamischen Staat. Es geht auch um die Kriegsfürsten, die kriminellen Banden und um die bewaffneten Milizen, die angeblich auf Seiten der Regierung kämpfen.“

In Kunduz wird sie nach eigenen Angaben regelmäßig mit Drohanrufen geplagt – nicht nur von den Taliban. Dennoch hat sich die selbstbewusste Frau dazu durchgerungen, im Land zu bleiben. Hassan ist unverheiratet und ist bis heute bei Verwandten in Kabul untergekommen. „Ich glaube, dass diese Gesellschaft Menschen wie mich braucht“, erklärt Hassan. „Ich kann den Frauen mit meinem Wissen helfen. Wenn Menschen wie ich auch fliehen, wer wird dann diesem Land überhaupt noch dienen?“ Bei diesen Worten knetet sie unbewusst ihre Hände. Man spürt, wie sehr sie mit ihrem Schicksal ringt. So ähnlich ging es ihr schon einmal, als sie vor vielen Jahren wegen des Krieges ihr Studium aufgeben musste. Hassan hätte gerne als Juristin gearbeitet.

Ausländische Geldgeber und die Vereinten Nationen haben ihr dabei unter die Arme gegriffen, ihre geplünderte und ausgebrannte Radiostation wieder einzurichten. Das Frauenprogramm Radio Shaista und die Jugendwelle Radio Kaihan werden seit dem 8. März 2016 wieder ausgestrahlt. Das Datum hat tiefere Bedeutung: Am 8. März ist Weltfrauentag. Aber der Radio-Alltag bring große Herausforderungen mit sich. Die Chefin koordiniert die Programme online aus Kabul.

„Ich habe ständig Angst um meine Mitarbeiter in Kunduz. Ich habe nur Personen eingestellt, die in der Nähe des Senders wohnen und schnell nach Hause fliehen können“, berichtet Hassan weiter. Ihre Sätze klingen nach Schutzlosigkeit. Journalisten stehen in Afghanistan dauernd im Visier. Radio Shaista für Frauen beschäftigte früher 15 Mitarbeiterinnen, heute sind es nur noch drei. Das Team der Jugendwelle Kaihan ist von fast 30 auf zehn zurückgegangen, darunter sind nur noch zwei Frauen. Beide müssen ihre Identität als Reporterin vertuschen.

Mit dem Personal ist auch der Inhalt weniger geworden. Dabei stellt das Radio gerade im ländlichen Afghanistan eine wichtigste Informationsquelle dar. Bei Radio Shaista konnte man früher ausführliche Gesundheits- und Bildungsprogramme für Frauen hören. Es wurden Live-Talkshows mit Religionsgelehrten, Politikern und Frauenrechtlerinnen organisiert. Es wurden viele Porträts über starke afghanische Frauen auf Sendung gestellt – und nur Musik von Frauen.

Radio Kaihan sollte die Jugendlichen dazu motivieren, zur Schule zu gehen und selbst aktiv ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Das alles wurde abgebaut. Und je nach Sicherheitslage herrscht jetzt Schweigen. Viele Bürger fürchten sich, zu reden, und auch die männlichen Radiojournalisten haben sich oft in ihre Behausungen zurückgezogen und zeigen sich selten in der Öffentlichkeit.

„Wenn ich der Armee und der Regierung vertrauen könnte, würde ich nach Kunduz zurückgehen“, meint Hassan beherzt. „Ich bin nicht glücklich in Kabul. Auch wenn die beiden Programme wieder laufen, fühle ich mich arbeitslos“, erklärt sie.

In Afghanistan hat sich in den vergangenen 15 Jahren eine dynamische Medienlandschaft entwickelt. Die großen Geberländer wie die USA und Deutschland deuten gerne auf die Entwicklung der Medien, um eine afghanische Erfolgsgeschichte vorweisen zu können. Doch der afghanische Staat, der durch den US-geführten Einmarsch nach den Terroranschlägen vom 11. September gegründet wurde, kämpft um seine Existenz. Das Gleiche tut die Radiostation von Zarghoona Hassan in Kunduz.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „ARD-Nachrichten online“, ard.de

Schlagwörter: Afghanistan, Radio, Kunduz, Kundus, Medien, Journalistin, Moderatorin, Frauen, Zarghoona Hassan, Morddrohungen, Taliban, Frauenrechte, Lebensgefahr, Gender, Radio Shaista, Radio Kaihan, Bildung, Anschlag, Radiosender, Radiostation