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Haiti: „Tout pédi“ – Alles verloren

 
Meldung vom 17.10.2016

Vor zwei Wochen tobte sich Hurrikan „Matthew“ über Haiti aus und bewirkte Tod und Zerstörung. Nach der Katastrophe ringt das bitterarme Land mit Hunger und Cholera. Im Küstenort Port-à-Piment haben die Einwohner fast nichts von ihrem Hab und Gut retten können. Während sie die Trümmer beseitigen, singen ihre Kinder – gegen den Alptraum.

Türkis strahlt das karibische Meer unter blauem Himmel. Der Kontrast ist beinahe unerträglich: In dem Küstenstädtchen Port-à-Piment stehen die Grau- und Braun-Töne der Zerstörung im Vordergrund. Der Boden ist übersät mit umgestürzten Palmen, ihr Grün ist längst vertrocknet, dazwischen liegen die zerschlagenen Reste der Fischerhütten und Boote herum. Jean Paul Millier hockt auf einem Baumstamm und schaut angestrengt hinaus auf das Meer.

„Ich bin Fischer, das ist alles, was ich kann. Aber ich habe mein Boot und meine Netze verloren. Jetzt weiß ich nicht, wie es weitergehen soll. Ich habe kein Geld, um mein Haus wieder aufzubauen und nichts, um Essen für meine Kinder zu kaufen. Viele haben ihre Kinder schon weggeschickt – zu Verwandten in die Hauptstadt Port-au-Prince. Aber dort gibt es auch nicht genug für alle. Ich bleibe lieber hier.“ „Tout pédi“, klagt Millier immer wieder auf Kreolisch: alles verloren. Wäre ihm wenigstens noch das Boot geblieben, könnte er Geld verdienen, das er für den Wiederaufbau seiner Existenz benötigt.

Noch ein Kontrast, der schwer zu fassen ist: Während die Einwohner von Port-à-Piment resigniert in den Ruinen ihrer Stadt stehen, schreien sich ihre Kinder den Schock von der Seele. 60 singen und kreischen in dem einzigen Raum der Schule, der nach dem Hurrikan „Matthew“ noch unversehrt ist. Während die Kinder sich lautstark abreagieren, räumen ihre Eltern die Trümmer ihrer Hütten beiseite und setzen alles daran, aus den Resten wieder eine bewohnbare Zuflucht zusammenzuzimmern.

Das Häuschen, in dem die 8-jährige Saphora mit ihrer Familie wohnt, ist eines der wenigen, das dem Hurrikan widerstanden hat. „Ich hatte große Angst und habe gezittert als der Hurrikan da war. Er war sehr laut und hat das Haus gerüttelt. Das Meer war ganz hoch und ist bis tief in die Stadt geflossen, bis zum Haus von Madame Jeanjean.“

Alle Wellblechdächer seien abgerissen worden, auch das der Schule. Schutz vor Sonne und Regen schenkt sie den Kindern nicht und der Unterricht liegt auch erst einmal noch brach, aber immerhin ist sie jetzt ein Ort zum Vergessen. „Child Friendly Space“ bezeichnet das die deutsche Kindernothilfe, die in diesem abgelegenen Küstenort im Südwesten Haitis tätig ist. Mit den kinderfreundlichen Räumen habe die Hilfsorganisation schon nach dem Tsunami in Asien gute Erfahrungen gesammelt, erklärt der Referatsleiter für die Karibik und Lateinamerika, Jürgen Schübelin: „Weil Kinder sofort eine Struktur brauchen. Zu Hause in den Familien sorgt das sofort für Entlastung. Es tut den Kindern und den Eltern gut. Die Kinder sind natürlich extrem traumatisiert. Die Stunden, in denen der Hurrikan hier über diese kleine Stadt gezogen ist, die waren furchtbar. Es waren die Kinder, die am meisten gelitten haben. In dem Moment, wo die Erwachsenen ihren Stress an die Kinder weitergeben, findet eine permanente Retraumatisierung statt. Dagegen sind diese Kinderschutzzentren eine tolle Strategie.“

Einige hundert Meter entfernt krümmen sich Kranke vor Krämpfen auf einfachen Pritschen unter Zeltdächern. Im Hof der einzigen Klinik des Ortes warnen orangefarbene Absperrbänder vor Gefahr. Haiti muss gegen die Cholera angehen. Schon nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 ist die Krankheit in das Land gekommen. UN-Blauhelm-Soldaten haben sie eingeschleppt.

Gestorben sind seitdem mehr als 9.000 Menschen – die genaue Zahl weiß in dem chaotischen Haiti niemand. Durchfallerkrankungen gehören bei der extremen Armut zum Alltag. Sie sind die häufigste Todesursache bei Kindern unter 5 Jahren. Seit Hurrikan „Matthew“ Latrinen und Wasserleitungen weggerissen oder beschädigt hat, geht die Cholera um. Allein in diesem kleinen Städtchen haben Ärzte ohne Grenzen schon 62 Fälle gemeldet.

Evans Pierre, der Chef der Klinik, ist froh, dass das internationale Team bis hierher durchgehalten hat und die Kranken versorgen konnte. „Unsere Ausstattung ist sehr schlecht“, sagt er. „Nach dem Hurrikan kamen viele Menschen mit Cholera zu uns. In den ersten Tagen sind einige gestorben, aber seit sich die Ärzte ohne Grenzen um die Infizierten kümmern, zum Glück niemand mehr. Die Ärzte haben die Verantwortung für die Cholera-Patienten übernommen. Wir haben auch einige Typhus-Verdachtsfälle und viele Verletzte durch den Sturm. Uns fehlen viele Medikamente.“

Mehr Hilfe als die für Cholera-Kranke oder Kinder ist in dem Küstenort noch nicht eingetroffen. Von den Milliarden, die nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 für den bettelarmen Karibikstaat freigemacht wurden, ist nicht viel wahrnehmbar. Einer, der die internationalen Hilfsbemühungen von damals sehr skeptisch beobachtete, ist der Film-Regisseur Raoul Peck. Ein Teil seiner Familie wohnt in dem zerstörten verwüsteten Küstenstädtchen Port-à-Piment. Gleich nach dem Hurrikan hat er sich auf den Weg gemacht, um dort beim Wiederaufbau mit anzupacken. Peck hat ein Studium in Deutschland absolviert und produziert heute weltweit erfolgreiche Spiel- und Dokumentarfilme. In T-Shirt und Schirmmütze bahnt er sich einen Weg durch den Ort. In der Klinik hört er sich an, was die Ärzte jetzt am dringendsten benötigen.

„Es fängt so an wie beim letzten Mal. Es ist ein bisschen mehr organisiert. Es gibt zumindest eine Art schlechtes Gewissen und man bemüht sich, manches besser zu machen. Aber nach fünf bis sechs Tagen ist es immer noch nicht genug. Kommunikation und Koordination – das sind die Hauptfehler. Keiner weiß genau, wer was macht und wann und wo. Sie sehen, wie die Stadt aussieht. Das heißt, in einer Woche werden die Leute anfangen, überall in der Straße Häuser zu bauen, weil sie keinen anderen Ort haben. Wir werden sicherlich einen Slum bekommen. Jede Katastrophe hier in Haiti produziert einen Slum.“

Am Strand hat sich Fischer Millier aus Lumpen und Palmenwedeln längst ein wackeliges Zelt zusammengebastelt. Seine Nachbarn tun es ihm gleich. Die ärmlichen Lehmhütten mit Wellblechdächern, die früher am Strand standen, hat der Wirbelsturm fortgetragen. Selbst die bitterste Armut kann in Haiti immer noch gesteigert werden.


Video-Beiträge zu diesem Thema

 Haiti nach Hurrikan Matthew




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Deutschlandfunk“, dradio.de

Schlagwörter: Haiti, Hurrikan, Matthew, Wirbelsturm, Katastrophe, Trümmer, Slum, Unwetter, Cholera, Hilfsmaßnahmen, traumatisiert, Kinder, Child Friendly Space, Typhus, Wasser, Kontamination, Infektionen, Wiederaufbau, Armut, Port-à-Piment