Indien: Selbstmordwelle auf dem Land

Meldung vom 31.10.2016

Die Region Punjab ist Indiens Getreidekammer. Doch die Kleinbauern dort haben hohe Schulden aufgenommen und schaffen es nicht mehr, die Zinssätze zu zahlen. Eine gewaltige Selbstmordwelle verunsichert die Bevölkerung in der Gegend.

Chottian sieht aus wie jedes andere Dorf im südlichen Punjab, das nach schier endlosen Getreidefeldern plötzlich auf der Bildfläche erscheint: Hunde und Kühe trotten über trockene Lehmpfade, die Häuser sind von unverputzten Ziegelmauern umgeben. In Chottian haben seit 1990 aber 104 Dorfbewohner Selbstmord begangen, ein weiteres Dutzend ist verschwunden.

Mejor Singh unterhält ein Landgut, wo er mit seiner Frau und zwei Enkeln lebt. Der knochige Körper des 63-Jährigen ist trotz der weit geschnittenen Kurta deutlich sichtbar, die nordindische Sonne und auch das harte Leben haben viele Falten auf dem dunklen Gesicht hinterlassen. Der Sikh deutet auf den verlassenen Nebentrakt seines Hauses, das mittlerweile hüfthoch mit Erde zugeschüttet ist. Hier sei er in den Morgenstunden des 5. November 2013 auf den toten Körper seines Sohnes gestoßen, der junge Mann habe sich mit Pestiziden vergiftet. „Mein Sohn hat die Last nicht mehr ausgehalten, schon zwei Jahre vor seinem Tod hat er sich immer mehr zurückgezogen“, klagt er.

Umgerechnet fast dreitausend Euro muss die Familie privaten Kreditgebern wieder zurückzahlen. Selbst bei guten Ernten ist der Erlös allenfalls ausreichend, um die unbarmherzigen Zinssätze zu zahlen. „Dass wir einmal schuldenfrei sein werden, glaube ich nicht“, gibt Singh zu.

Wer die Bewohner Chottians befragt, bekommt fast immer dasselbe Schicksal zu hören, das sich nur in Nuancen unterscheidet. Grund für die Teufelsspirale, in der alle landeten, sind immer wieder die Schulden. Deswegen sehen viele nur noch einen Ausweg – den Suizid. Einige Familien haben den Tod von bis zu vier Söhnen zu beklagen. Oft sind die Großväter die einzig verbliebenen Männer in der Familie. Chottian hat sich zu einem Ort der Witwen und Töchter entwickelt.

Die Suizidwelle der indischen Landbevölkerung wird als eine der größten menschlichen Tragödien des Subkontinents bewertet. Schätzungen zufolge haben während der letzten 20 Jahre knapp 300.000 Kleinbauern den Freitod gewählt. Ganz vorne in den Statistiken rangieren vor allem die bitterarmen, vom Baumwollanbau dominierten Regionen Zentralindiens. Die Medien sprechen schon von einem „Selbstmordgürtel“. Dass aber ausgerechnet Punjab, Indiens Getreidekammer, am meisten Todesfälle verzeichnet, wird von den Behörden bis heute vertuscht.

„Selbst die Lokaljournalisten konnten kaum fassen, was hier vor sich geht“, kritisiert Inderjit Singh Jaijee, ein 87-jähriger Sikh. Mitte der achtziger Jahre verzichtete er auf seinen hochdotierten Marketingjob bei einem britischen Konzern, um etwas Positives für seine Heimatregion zu tun. Er durchstreifte die Kommunen im südlichen Punjab, um die Selbstmorde unter der Landbevölkerung zu registrieren. Schnell erkannte Jaijee, dass den Behörden nur ein geringer Bruchteil der Fälle gemeldet wird. Oft wird die wahre Todesursache der Polizei nicht mitgeteilt. Denn Selbstmord wird vor dem indischen Gesetz noch immer als Verbrechen behandelt. Zudem haben die Familien Angst, ihr Gesicht zu verlieren. Und der Staat schaut nicht so genau hin, da er das Scheitern seiner Politik in diesem Punkt verheimlichen möchte.

Nach Indiens Unabhängigkeit galt Punjab lange als ein florierender Bundesstaat. Ein paradiesisches Stück Erde, das von fünf Flüssen bewässert wird und das die Briten einst mit einem verzweigten Kanalsystem ausgestattet hatten. Auch durchzog eine strategisch wichtige Handelsroute nach Zentralasien die Heimatregion der Sikhs. 1947 bewirkte jedoch die Staatsgründung Pakistans eine Teilung Punjabs.

Auch hat in Punjab die grüne Revolution negative Spuren hinterlassen: Monokulturen und ausufernder Gebrauch von Pestiziden haben die Böden ausgelaugt, die ineffektive Bewässerung hat das Grundwasser verringert. Im Bundesstaat mit der höchsten Getreideproduktion leiden viele Familien an Unterernährung.

Nur ein paar Kilometer von Chottian entfernt verläuft der Bhakra-Kanal, ein 164 Kilometer langes Flusssystem, das während seiner Errichtung in den fünfziger Jahren zum Wahrzeichen des Fortschritts in der Region wurde. Mittlerweile scharen sich dort jeden Morgen an einer Schleuse betrübte Männer. Sie harren darauf, dass der Fluss ihre verschwundenen Verwandten anspült. An einer Stelle haben sich sogar Hunde zusammengerottet, die auch nach Kadavern Ausschau halten.


Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Die Tageszeitung“, taz.de