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Äthiopien: Afrikas neuer Entwicklungsstar

Meldung vom 24.11.2016

Äthiopien gilt für viele als Entwicklungsdiktatur. Das Land punktet derzeit durch ein rasantes Wirtschaftswachstum. Angekurbelt wird dieses Wachstum von chinesisch finanzierten Infrastrukturprojekten. Doch das Modernisierungsprojekt ist gefährdet, falls das Regime sich nicht zu einer politischen Öffnung bereit erklärt.

Eine endlose Blechlawine aus Tankzügen, Lastwagen und Privatautos zieht sich durch die verstopften Straßen von Addis Abeba. Wie in anderen Städten Afrikas ist das Verkehrssystem in dem Zentrum der rasant wachsenden Hauptstadt Äthiopiens überlastet und völlig planlos. Allerdings wurde dort gerade ein kleines Wunder verzeichnet.

Vor einem Jahr wurde zwischen dem Industriegebiet im Süden und dem Stadtzentrum der erste Streckenabschnitt einer neuen Metro eingeweiht – damit hat das erste städtische Nahverkehrssystem in Afrika südlich der Sahara seinen Dienst aufgenommen, mit Ausnahme Südafrikas. Sobald die zweite geplante Strecke eröffnet wird, soll der „Light Train“ bis zu 60.000 Menschen pro Stunde an ihr Ziel bringen.

Nichts versinnbildlicht den Wirtschaftsaufschwung in dem Land, das lange Jahre nur mit Hunger und Not in Zusammenhang gebracht wurde, besser als die in nur drei Jahren für 475 Mio. Dollar aus dem Boden gestampfte Straßenbahn. Die Kosten wurden zu 85% von chinesischen Geldgebern getragen. Sie wird für die kommenden fünf Jahre von der Shenzhen Metro Group und der China Railway Engineering Corporation geleitet.

Durch chinesisches Geld wurde auch die Zugverbindung geschaffen, die Addis Abeba mit dem Seehafen Djibouti am Horn von Afrika verbindet und gerade eingeweiht worden ist. Sie dürfte die Transportzeit für Waren halbieren. Äthiopien ist ein Paradebeispiel für ein neues Selbstbewusstsein in Afrika: Wird endlich in einigen Ländern der Schritt zu dauerhaftem Wachstum und besseren Lebensverhältnissen vollzogen? An dieser Entwicklung entscheidet sich auch die Frage, wie viele Flüchtlinge sich künftig auf den Weg nach Europa machen.

Ehrgeizige Infrastrukturprojekte wie Bahnlinien und Straßen, Kraftwerke und Staudämme haben Äthiopien fast unbemerkt zum neuen Entwicklungsstar des Kontinents werden lassen. Die Volkswirtschaft kann seit 2003 ein Wirtschaftswachstum von 8 bis 10 Prozent pro Jahr vorweisen. Der mit Nachdruck vorangetriebene Ausbau der Infrastruktur hat inzwischen auch ausländische Unternehmen angelockt: Große Unternehmen wie die Bekleidungskette H&M, der Konsumgüterkonzern Unilever oder der Getränkehersteller Diageo sind schon mit einem Standbein in Äthiopien präsent.

Ein weiteres Prestigeobjekt ist der rund 3,5 Mrd. Euro teure Renaissance-Staudamm, den das Land seit knapp drei Jahren am wasserreichen Blauen Nil nahe der Grenze zum Sudan hochzieht. Er soll ermöglichen, dass Äthiopien in zwei oder drei Jahren zum größten Energieproduzenten in Afrika avanciert. Das Land will die Wasserkraft fast ausschließlich zur Stromgewinnung gebrauchen. Damit sollen Rohölimporte und die Abhängigkeit zu Erdöllieferanten verringert werden.

Nachdem das Land sich seines kommunistischen Militärregimes 1991 entledigt hatte, folgt Äthiopien konsequent der chinesischen Entwicklungspolitik: so wenig Demokratie wie nötig, so viel Staatskapitalismus wie möglich. Das bringt es aber auch mit sich, dass unter den 547 Parlamentariern inzwischen kein einziger Oppositioneller mehr zu finden ist.

Das Bündnis um die äthiopische Regierungspartei Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRFD) hat bei den Parlamentswahlen vor anderthalb Jahren angeblich phantastische 100 Prozent Zustimmung erhalten. Die Bevölkerung reagiert mit wachsendem Unmut auf dieses System. Unlängst kam es wochenlang zu gewalttätigen Krawallen. Das Regime hat sofort scharfe Gegenmaßnahmen getroffen und den Ausnahmezustand verhängt.

Dabei hatte Premierminister Hailemariam Desalegn, der seit 2012 an der Macht ist, damals zugesagt, das politische System etwas zu öffnen. Derzeit sprechen die Taten der Regierung eine andere Sprache: Der Schwerpunkt der Regierung konzentriert sich allein auf den wirtschaftlichen Fortschritt. Äthiopien kann man als eine Entwicklungsdiktatur bezeichnen.

In nur zehn Jahren hat sich Äthiopien, mit 102 Mio. Menschen hinter Nigeria Afrikas bevölkerungsreichstes Land, zur fünftgrößten Volkswirtschaft südlich der Sahara gemausert. Obwohl Äthiopien trotz des Aufschwungs weiterhin zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, erregt es international große Aufmerksamkeit. Für die USA stellt das Land wegen seiner strategischen Lage ein wichtiger Partner in der Terrorbekämpfung dar.

Ein weiteres Wahrzeichen für den Erfolg des Landes stellt auch die staatliche Ethiopian Airlines dar, die derzeit mit Höchstkraft daran arbeitet, der größte Carrier in Afrika zu werden. Mit 77 Flugzeugen steht sie bereits als die größte Flotte des Kontinents da. Gemessen an beförderten Passagieren liegt sie mit 6 Mio. (2014) nicht weit entfernt von Egypt Air und South African Airways (SAA) mit je rund 7 Mio. Fluggästen.

Doch bei allen Erfolgen hat das Land auch enorme Lasten zu stemmen. Eigentumsrechte sind nicht fest umrissen, was Investoren abschreckt. Und ohne ein schnelleres Wachstum seiner Industrieproduktion wird sich Äthiopien kaum um all die Arbeitskräfte kümmern können, die im Zuge der Modernisierung der Landwirtschaft ihren Job verlieren; im Agrarsektor verdienen sich noch rund drei Viertel der Erwerbsbevölkerung ihren Unterhalt.

Neben Kaffee zählt vor allem der Export von Blumen zu einer wichtigen Einnahmequelle. Allein 2014 führte Äthiopien Schnittblumen im Wert von 250 Mio. Dollar aus. Zu diesem Zweck verpachtet die Regierung Ackerland. Auf Farmen um Addis Abeba werden jedes Jahr rund 2,5 Mrd. Rosen produziert und dann nach Europa transportiert.

Für den Landbedarf mancher Agrarkonzerne aus Indien, China, Südkorea und dem arabischen Raum wurden Kleinbauern umgesiedelt. Menschenrechtler kritisieren dieses Vorgehen als moderne Form der Kolonialisierung. Die Regierung rechtfertigt sich jedoch mit dem Argument, dass die kommerziellen Farmer erheblich produktiver sind; ohne die Modernisierung der Landwirtschaft könne die Bevölkerung, die sich pro Jahr um drei Prozent vergrößert, nicht ernährt werden.

Binnen weniger Jahre will das Regime den Sprung vom Agrarstaat in die Moderne schaffen. Kann ein solcher Kraftakt gelingen? Für den angestrebten Entwicklungssprung verfügt Äthiopien noch nicht über die dafür nötige Mittelklasse – als Arbeitskräfte und Konsumenten. Obwohl sich die Zahl der Äthiopier, die mehr als 10 Dollar am Tag zur Verfügung haben, von 2004 bis 2014 verzehnfacht hat, machen diese noch immer kaum mehr als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus; über drei Viertel müssen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen.

Zudem sind sich Experten einig: Sollte sich die Regierung nicht auf politische Reformen und mehr Pluralismus einlassen, würden potenzielle Investoren sich wieder abwenden, und damit verspiele das Land alle Chancen, zu einem echten Vorbild auf diesem Kontinent zu werden.




Quelle: „Finanz und Wirtschaft“, www.fuw.ch

Schlagwörter: Äthiopien, Entwicklungsdiktatur, Entwicklung, Regime, Reformen, Straßenbahn, Infrastruktur, Wirtschaft, Wirtschaftswachstum, Handel, Export, Schnittblumen, Kaffee, Zwangsumsiedlung, Mittelschicht, Agrarstaat, Moderne, Industrialisierung, Landwirtschaft, Plantagen, Verpachtung, Staudamm, Unruhen, Opposition, Pluralismus