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Indien: Scheidung per SMS

Meldung vom 30.11.2016

In Indien ansässige Muslime halten sich mehr an die Scharia (fundamentalistische islamische Gesetzgebung) als an die Rechte des Landes. Nun steht das islamische Scheidungsrecht in dem Land zur Debatte. Präsident Narendra Modi hat das Thema zu seiner persönlichen Angelegenheit gemacht. Offen nachgedacht wird über eine Änderung des Scheidungsrechts für Muslime, laut dem Männer mit nur drei Worten ihre Ehefrau verstoßen können. Muslimische Frauen sollen vom Staat künftig mehr in Schutz genommen werden.

Mehr als 15 Jahre lang hatte Shayara Banu alles getan, nur um diese drei Worte nicht hören zu müssen: Talaq, Talaq, Talaq. Im letzten Oktober wurden ihre Befürchtungen wahr. Als die 35-Jährige zu Besuch bei ihren Eltern war, sandte ihr Mann ihr eine SMS: 15 Buchstaben reichten, um aus Shayara eine geschiedene Frau zu machen. Indiens Scheidungsrecht genehmigt es Muslimen, sich mit dem dreifachen Talaq (Arabisch für Scheidung) von ihrer Frau zu trennen. Der Talaq muss nicht einmal persönlich ausgesprochen werden. Für die Blitzscheidung genügen ein Anruf oder eine Textmeldung. Einspruchsmöglichkeiten existieren nicht.

Doch Shayara will das nicht einfach hinnehmen und hat Indiens Oberstes Gericht eingeschaltet. Rückenstärkung erhält sie von unerwarteter Stelle: Indiens Premierminister Narendra Modi ergriff jüngst ihre Partei: „Sollen wir gestatten, dass die Rechte unserer muslimischen Schwestern zerstört werden, nur weil jemand dreimal Talaq am Telefon sagt?“, beschwerte sich Modi.

Dass sich der nationalistische Regierungschef und streng gläubige Hindu plötzlich um das Schicksal muslimischer Frauen kümmert, hat in die hitzige Diskussion der letzten Monate eine große Wende gebracht. Thematisiert werden das Recht von Minderheiten, Frauenrechte und die Rolle des säkularen Staates in diesem Spannungsfeld. Im Rahmen der indischen Verfassung werden dem Mann und der Frau die gleichen Rechte zugesichert.

Shayara, deren Fall diese Diskussion eingeleitet hat, hockt in der engen Wohnung ihrer Eltern in der Stadt Kashipur in Nordindien: Die Familie lebt bescheiden. Einen Gaszylinder und einen Sack Reis findet man neben Shayaras Bett. Ihr Hochzeitsalbum, voll mit Fotos von ihr als junger Braut, gleicht nur noch einer verblichenen Erinnerung an längst vergangene Tage. Nicht dass Shayaras Ehe glücklich war: Ihr Mann traktierte sie immer wieder mit Schlägen, forderte mehr Mitgift, zwang seine Frau zu einem halben Dutzend Abtreibungen; Verhütung wies er als unislamisch zurück. „Wann immer mein Mann das Gefühl hatte, ich hätte einen Fehler gemacht, hat er mir mit Talaq gedroht“, berichtet Shayara indischen Reportern.

Nun wurde ihr alles genommen. Ihre Kinder, zwei Jungen von zwölf und vierzehn Jahren, sind in der Obhut ihres Mannes. Shayara ist es sogar verboten, mit ihren Söhnen zu telefonieren. Ihr Ex-Mann glaubt das Recht auf seiner Seite: „Ich habe ihr Talaq gegeben, wie es mir die Scharia (...) erlaubt“, erklärt er. Der örtliche Geistliche, Autaur Rehman, verteidigt diesen Standpunkt. Ein staatliches Gericht dürfe sich nicht mit religiösen Angelegenheiten befassen, so der 65-Jährige. „Kein Mann gibt Talaq ohne einen Grund.“

In vielen Teilen der islamischen Welt ist der dreifache Talaq schon nicht mehr zeitgemäß. Doch Indiens Familienrecht geht noch auf Kolonialzeiten zurück. Die britischen Herrscher überließen es den verschiedenen religiösen Gruppen in Indien, ihre persönlichen Angelegenheiten selbst zu regeln, das umfasst auch Heirat und Scheidung. Somit ist das Familienrecht der etwa 180 Millionen indischen Muslime in der Scharia verankert.

Die indisch-islamische Organisation, Bharatiya Muslim Mahila Andolan, geht davon aus, dass eine von elf muslimischen Frauen mit dem dreifachen Talaq verstoßen wurde – die meisten von ihnen ohne Abfindung und finanzielle Versorgung.

Doch muslimische Geistliche sehen den Angriff auf den dreifachen Talaq als eine Gefahr für die religiöse Gemeinschaft. Die meisten sprechen sich für eine freiwillige Lösung aus, einen Wandel von innen. Auch bei Extremfällen, wenn ein Mann seine eigene Tochter heiraten will. „Solche Männer sollten bestraft werden (...) keiner sollte ihnen wieder erlauben, seine Tochter zu heiraten“, sagt dagegen Maulana Abdul Hameed Naumani, Geistlicher der Jamiat Ulema Hind, einer der führenden muslimischen Organisationen in Indien.

Was wird, wenn die Obersten Richter Shayaras Scheidung für ungültig erklären? Shayara ist sich nicht sicher. Ihre Familie verlangt, dass sie dann eine Scheidung vor einem weltlichen Gericht einreicht. Doch Shayara zögert noch: „Vielleicht gehe ich zurück zu ihm, für das Wohl meiner Kinder.“ Auch wenn Indiens Regierung sich für ein neues, einheitliches Familienrecht einsetzt, bleibt eine Scheidung für die meisten indischen Frauen mit einem schlechten Stigma behaftet, egal welcher Glaubensrichtung sie angehören.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Der Standard“, derStandard.at

Schlagwörter: Indien, Scheidung, Islam, Frauen, Frauenrechte, Familienrecht, Talaq, Narendra Modi, Oberstes Gericht, Menschenrechte, Scharia, Sharia, Muslime, Abfindung, finanzielle Versorgung, Stigma, Änderung, Justiz