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Kenia: Flüchtlinge in Dadaab – Täglich Abflug nach Somalia

Meldung vom 05.12.2016

Für das weltgrößte Flüchtlingslager Dadaab in Kenia gibt es kein Zurück mehr, es wird derzeit schon in Schüben aufgelöst. Eine Generation Somalier ist dort erwachsen geworden. Nun gibt es nur noch einen Weg für sie – zurück ins Heimatland Somalia.

Amin Mohammed presst seinen Daumen auf das Tintenkissen. Anschließend hinterlässt er seinen Fingerabdruck auf einem Dokument neben seinem Foto. Das Gleiche tun seine Frau und die sieben Kinder. Ein Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) händigt dem somalischen Flüchtling Faltzettel mit Bildern von Maismehl, Hirse, Bratöl aus. Auf einem weiteren Zettel kann man die Telefonnummern des Welternährungsprogramms (WFP) mit somalischer Landeskennung finden.

„Du musst anrufen, wenn ihr angekommen seid, und eure Lebensmittelrationen abholen“, sagt der UNHCR-Mitarbeiter auf Somali. Mohammed, mit rot eingefärbtem Ziegenbart und ledriger Haut, hält die Zettel fest ans sich gepresst. Sie ermöglichen seinen Beginn in ein neues Leben, zurück in der alten Heimat.

Auf dem Rollfeld hinter dem weißen UN-Zelt dröhnen die Turbinen eines weißen UN-Flugzeugs. Die Mittagshitze der Wüste bringt die Luft zum Flirren. Die Grenze zu Somalia befindet sich nur knapp hundert Kilometer entfernt. Vor einem Vierteljahrhundert hat Mohammed wegen des Kriegs in Somalia in Kenia Obhut gesucht, wie Hunderttausende seiner Landsleute. Jetzt müssen sie zurück.

Dadaab gleicht einer mittelgroßen Stadt. Gegründet wurde es 1992 für 30.000 Menschen, doch jetzt hausen dort mehr als eine halbe Million. Schon bald soll alles niedergerissen und weggeräumt werden. „Es muss ein Ende damit haben, Flüchtlinge zu beherbergen“, ließ Kenias Regierung im Mai 2016 wissen und kündigte die Räumung für Ende November an. Seitdem haben rund 17.000 Flüchtlinge ihre Habseligkeiten in Säcke verstaut und sind mit UN-Maschinen zurückgebracht worden. Derzeit harren noch 275.000 Menschen in Dadaab aus.

Für die Rückkehrer hat man in Somalia vier „sichere Zonen“ herausgefunden, darunter die Hauptstadt Mogadischu und Mohammeds Heimatstadt Baidoa im Herzen des Landes. 150 Dollar und Lebensmittel für sechs Monate werden den Rückkehrwilligen pro Person vom UNHCR ausgehändigt.

Mehrfach täglich pendelt jetzt die UN-Maschine zwischen Dadaab und Baidoa hin und her. „Ich habe Verwandte dort, die Lage ist friedlich, und wir können bei ihnen unterkommen“, berichtet Mohammed. „Es war keine einfache Entscheidung, aber ich will für meine Familie sorgen, wir brauchen eine Zukunft.“

Die Schließung Dadaabs sorgt für Streit. Kenias Regierung verweist auf handfeste Gründe und zählt Terrorgefahr, Umweltzerstörung sowie Geldmangel auf. Auch Somalias Präsident Hassan Sheikh Mohamud befürwortet den Plan. Er inspizierte im Juni als erster somalischer Staatschef Dadaab und versicherte seinen Landsleuten, der Staat werde für Unterkünfte, Bildung und Gesundheitsversorgung aufkommen, wenn sie nach Hause zurückkehren.

Doch derzeit herrscht Wahlkampf in Somalia und in Kenia. Beide Präsidenten haben die Flüchtlingsfrage in ihre Propaganda aufgenommen. Kenia will die Flüchtlinge abschieben und Somalias Regierung möchte sich die Hilfsgelder sichern, die vorher nach Dadaab flossen.

Die Heimkehr der somalischen Flüchtlinge hat auch einen Effekt auf Europa. 2015 haben 20.000 Somalier in EU-Mitgliedstaaten um Asyl gebeten. Den meisten wurde Asyl erteilt, Somalia wird als Kriegsgebiet eingestuft, dorthin kann man nicht abschieben. Doch wenn jetzt massenweise Flüchtlinge aus Kenia zurückgeführt werden, muss man sicherlich nochmals überdenken, ob Somalia nicht doch inzwischen als sicheres Herkunftsland einzuschätzen ist.

Nur wenige Kilometer vom Rollfeld in Dadaab entfernt befindet sich Hawo Abdikadir Ahmed in einem der wenigen Steingebäude des Lagers hinter meterdicken schusssicheren Betonmauern. Das Gelände der internationalen Hilfsorganisationen macht mit seinen Tennisplätzen, Billardtischen und Blumengärten den Eindruck von einer heilen Welt im Vergleich zum Elend, Gestank und Dreck der Landschaft im Lager draußen. Die einsetzende Regenzeit hat den Wüstenboden in tiefe Schlammfurchen verwandelt, Gestank und Bakterien breiten sich aus. Mit dem Regen wird Dadaab auch regelmäßig von der Cholera heimgesucht.

Die 28-jährige Hawo schluchzt, während sie ihre Geschichte erzählt. 2007 schaffte es die Mutter von fünf Kindern aus Mogadischu zu fliehen, wo der Kommandeur einer Miliz sie als Sexsklavin missbrauchte. Sie sei damals schwanger gewesen, berichtet Hawa, heute geht ihr Sohn in die Schule im Lager. Mit einem Zipfel ihres Kopftuchs versucht sie, die Tränen abzuwischen und Beherrschung zu erlangen. „Der Vater ist jetzt ein mächtiger Kommandeur, er hat mich angerufen und gesagt, wenn ich zurückkomme, muss ich ihm den Jungen als Kämpfer geben.“

Aus Verzweiflung hat sich Hawo an ein westliches Hilfswerk gewandt, das psychosoziale Betreuung anbietet. Dieser Dienst sei im Moment hoch frequentiert, sagt Fred Wanyonyi, Leiter des Care-Beratungsprogramms. „Die bevorstehende Lagerschließung verursacht Stress. Über die Entscheidung, nach Somalia zurückzukehren, zerstreiten sich die Familien.“ Die Männer wollen die Rückkehr meist, weil sie das untätige Lagerleben satt haben. Die Frauen und Kinder sind sich sicher, dass sie lieber bleiben möchten, im Dezember müssten viele Schüler noch Prüfungen durchlaufen. „Oft setzen die Männer ihren Willen mit Gewalt durch“, beobachtet Wanyonyi. Für die meisten Frauen und Kinder stelle die Rückkehr „keine freiwillige“ dar.

„Man will uns loswerden, die Welt hat uns vergessen“, klagt Abdullahi Ali Aden, gewählter Flüchtlingsvertreter in Dagahaley, einer der fünf Dadaab-Siedlungen. 90 Prozent der verbliebenen Flüchtlinge in Dadaab wehren sich entschieden dagegen, nach Somalia zurückzukehren. Viele fragen sich, ob sie erneut fliehen sollen. Diesmal mit dem Ziel Europa? Aden grinst schief: „Wie sollen wir da hinkommen?“ Von Dadaab zweigt eine einzige Straße ab, gen Süden, auf der hat sich Kenias Armee postiert. „Der einzige Weg für uns führt nach Somalia.“

Nairobi ist inzwischen übersät mit Überwachungskameras, überall stehen breitbeinig schwerbewaffnete Sicherheitskräfte. „Koste es, was es wolle“, polterte Vizepräsident William Ruto 2015 und sagte voraus, Kenia werde eine Grenzmauer zu Somalia errichten: über 700 Kilometer lang, mitten durch die Wüste. Beton, Grenzanlagen, Überwachungskameras und Patrouillen-Fahrzeuge müssen noch gekauft werden; auch deutsche Firmen haben sich um diesen Großauftrag beworben. Letztlich konnte sich die israelische Firma Magal Security den Auftrag an Land ziehen.

Die Propeller der weißen UN-Maschine lösen große Staubwolken aus. Der UNHCR-Mitarbeiter ruft zum Aufbruch. Mohammed verstaut seine Zettel in der Jackentasche. Seine Frau nimmt das Kleinste auf den Arm. Ergeben trotten sie in Richtung Flugzeug.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Die Tageszeitung“, taz.de

Schlagwörter: Kenia, Flüchtlinge, Dadaab, Auflösung, Lager, Flüchtlingslager, Somalia, Rückkehr, Abschiebung, Terrorgefahr, UN, UNHCR, Flugzeuge, sicheres Herkunftsland, Europa