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Südsudan: Der Staat zahlt Ärzten keinen Lohn mehr

Meldung vom 18.07.2017

Im Südsudan arbeiten Ärzte und Krankenschwestern seit Monaten ohne Lohn. Fast jeden Tag sterben Kinder in den Krankenhäusern. Doch in dem Bürgerkriegsland wird fast die Hälfte des staatlichen Budgets in das Militär gesteckt.

Nach einer neunstündigen Frühschicht kann Kinderarzt Justin Bruno nicht Feierabend machen und nach Hause gehen. Stattdessen begibt er sich noch zu einer privaten Klinik, wo er noch bis Mitternacht schuftet, um wenigstens etwas Geld zu verdienen. Seit März wurden er – und das gesamte öffentliche Krankenpersonal des Landes – nicht mehr entlohnt. Denn der jüngste Staat der Welt, der sich in einen blutigen Bürgerkrieg verstrickt hat, hat dafür keine Finanzen mehr.

Bereits zwei Jahre nach der 2011 ausgerufenen Unabhängigkeit kam es im Südsudan zu heftigen Machtkämpfen zwischen Regierung und Opposition, bei denen mehr als 50.000 Menschen starben. Im Südsudan spielt sich derzeit die größte Flüchtlingskrise in Afrika ab: Eine Million Männer und Frauen haben bereits Schutz in Nachbarländern gesucht, mehr als zwei Millionen Menschen mussten aufgrund von Gewalt in ihren Dörfern ihr Heim verlassen. Und täglich hört man von neuen Gefechten.

Al Sabbah, das überlaufene und landesweit einzige Kinderkrankenhaus in der südsudanesischen Hauptstadt Juba, in dem Doktor Bruno arbeitet, kümmert sich täglich um mehr als 500 Patienten, doch fast jeden Tag sterben hier Kinder an eigentlich behandelbaren Verletzungen oder Krankheiten.

Als einzig wirklich studierter Arzt ist der junge Familienvater völlig ausgelaugt. Zehn weitere Mitarbeiter bezeichnen sich hier als Ärzte, haben ein Studium mit Doktortitel jedoch noch nicht offiziell abgeschlossen. „Wir arbeiten seit Monaten gratis, denn das Gesundheitsamt erhält nur zwei Prozent des Staatsbudgets und kann uns gerade nicht bezahlen. Ein Großteil des Gesamteinkommens fließt in das Militär“, berichtet Bruno.

Jedes Wochenende betätigt er sich zusätzlich den ganzen Tag als Landwirt, um seine hungrige Familie ernähren zu können. Bis Februar zahlte der Staat ihm 900 südsudanesische Pfund pro Monat – umgerechnet ungefähr fünf Euro. Im neuen, jetzt beginnenden Finanzjahr wird dem Gesundheitswesen umgerechnet ungefähr 6,1 Millionen Euro zugestanden – in einem Land von geschätzt zwölf Millionen Menschen und der welthöchsten Inflation.

„Wir brauchen Frieden, damit sich etwas ändert“, klagt James Jada, Gesundheitsminister des Bundesstaats Jubek. Mindestens zehn Prozent des Staatseinkommens fordert er für seinen Sektor. „Aufgrund der momentanen Krise haben wir aber keine Priorität. Denn Gelder müssen der Verteidigung, dem Militär und Waffen zugeteilt werden.“

Auch er ist bestens vertraut mit der aussichtslosen Situation im Krankenhaus Al Sabbah. Schon bereits bei Sonnenaufgang stehen Hunderte von Menschen Schlange vor den Toren der Klinik. Mütter, hager, hoch aufgerichtet und in bunten Gewändern, tragen ihre weinenden oder schlafenden Kinder auf dem Arm; sie sind knochendürr, leiden unter Malaria, manchmal sogar unter der tödlichen Cholera.

Viele haben einen weiten Fußmarsch aus abgelegenen Regionen des Landes hinter sich, wo es keine medizinischen Einrichtungen gibt, obwohl das Land etwa der Fläche Frankreichs entspricht. Die Reise nach Juba hat oft zur Folge, dass Mütter aus Großfamilien ihre anderen Kinder hungrig zu Hause lassen. Oft müssen so dramatische Entscheidungen getroffen werden, wie ein sterbenskrankes Kind zu retten, den Rest der Familie jedoch hungern zu lassen.

„Jeden Tag begegne ich Menschen, die kurz vor dem Tod stehen“, klagt der Arzt Bruno. „Oft bin ich entmutigt und will aufgeben. Aber wenn ich die Not und das Leid sehe, weiß ich, dass ich weitermachen muss. Als Krankenhauspersonal müssen wir gemeinsam durch diese schwere Zeit hindurchgehen, damit sich die Situation langfristig verbessert. Nur zusammen sind wir stark.“

Vergangenen Monat hat er eine gut bezahlte Stelle bei einer Hilfsorganisation abgelehnt, weil das Krankenhaus ohne ihn den Betrieb einstellen könnte. „Ich sehe mein Personal und habe Mitleid. Alle arbeiten hart, aber niemand erhält Lohn“, meint er. „Deshalb muss auch ich hierbleiben.“

Hinter ihm harren auf Holzbänken unzählige Patienten aus, die in einem provisorischen Zelt untersucht werden. Medikamente sind rar. Für diejenigen, die Antibiotika oder Malariatabletten aus der Apotheke nicht bezahlen können, ist das gleichbedeutend mit einem Todesurteil. So war es fast für die neunjährige, an schwerer Malaria erkrankte Agoth. Ihr Leben hing an einem seidenen Faden, als sie mit ihrer Mutter Rebecca nach einer fünfstündigen Busfahrt in Juba ankam. Heute ist Agoth fast genesen. Sie sitzt gemeinsam mit anderen Patienten draußen in der heißen Sonne.

„Das südsudanesische Gesundheitssystem ist in einer aussichtslosen Situation“, berichtet Dr. Mark Young, Leiter der Gesundheitsabteilung von Unicef. „Viele Angestellte haben ihre Arbeit bereits aufgegeben, weil sie nicht bezahlt wurden. Die meisten Einrichtungen sind nicht angemessen ausgerüstet. Das schränkt die Pflegequalität natürlich ein.“ Auch das Kinderkrankenhaus Al Sabbah verfügt nur über einen Stromgenerator und zwei Beatmungsgeräte. Wenn diese nicht funktionieren, sind die betroffenen Patienten verloren.

Auf der Station für unterernährte Kinder befindet sich die acht Monate alte Hannah in den Armen ihrer Mutter, ein Beatmungsschlauch ragt aus ihrer Nase. Das kleine Mädchen hat sich eine Lungenentzündung eingefangen, sie bekommt kaum mehr Luft. Draußen rattert der Generator, der Hannah momentan am Leben hält. Eine der Krankenpflegerinnen steht einige Meter entfernt und beobachtet den Gesundheitszustand der Kleinen. Jeden Tag muss sie mit Fällen wie Hannah umgehen. „Ich glaube nicht, dass die Kleine den heutigen Tag überleben wird“, gibt sie zu. „Das ist hier leider Alltag.“ Hannah ist einen Tag später gestorben.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Spiegel Online“, spiegel.de

Schlagwörter: Südsudan, Ärzte, Lohn, Gehalt, unbezahlt, Gesundheitswesen, Krankenhäuser, Staat, Budget, Medizin, medizinische Versorgung, Militär, Bürgerkrieg, Gewalt, Kinder, Juba, Kinderkrankenhaus, Al Sabbah, Tod, Krankheiten, Medikamente