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Indien: Affront gegen das Kastenwesen – Zur Präsidentenwahl treten zwei „Unberührbare“ an

 
Meldung vom 19.07.2017

In Indien steht die Wahl für ein neues Staatsoberhaupt an. Die große Herausforderung: Zwei Dalits, die im Kastensystem als „Unberührbare“ gelten, treten gegeneinander an. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass Dalits ab sofort als gleichwertig in der Gesellschaft akzeptiert werden.

„In der Schule habe ich zum ersten Mal gemerkt, was es bedeutet, diskriminiert zu werden“, berichtet Chandrasen aus seinem Leben. „Bis dahin hatte ich keinen Kontakt zu Menschen anderer Kasten. Wir blieben in unserem Dorf unter uns.“ In seiner Schule stand ein Brunnen. „Ich wollte dort Wasser holen, ich war durstig. Aber die anderen Kinder ließen mich nicht vor. Ich durfte den Brunnen nicht berühren. Für mich blieb nur das Wasser, das andere verschütteten.“ Auch gemeinsam mit ihm eine Mahlzeit verzehren wollten die anderen, höherkastigen Kinder nicht. In ihre Häuser wurde er schon gar nicht eingeladen. Chandrasen wurde als unrein eingestuft und ausgegrenzt.

Heute ist Chandrasen 25 Jahre alt und hat es über eine Quotenregelung geschafft, sich einen Studienplatz zu sichern. Die früheren, meist sozialistischen Regierungen Indiens haben über Quoten für Arbeits- und Studienplätze versucht, ein Umdenken in der Gesellschaft zu bewirken und die Lage der Dalits zu erleichtern.

Aber auch an der Hochschule gehörte Schikane zum Alltag – nur subtiler, sagt Chandrasen: „Schon der Uni-Mitarbeiter, der meine Bewerbung annahm, hat mich verhöhnt, weil ich Rechtschreibfehler gemacht habe. Und auch später wurde ich immer nach der Kaste gefragt und von oben herab behandelt.“

Über seine Kindheitserfahrungen zu sprechen, fällt Chandrasen schwer. Er stammt aus dem indischen Bundesstaat Maharaschtra. Geboren wurde er in eine Dalit-Familie. Dalits nannte man früher „Unberührbare“. Sie wurden ausgegrenzt und verachtet von den höheren Kasten – daran hat sich bis heute wenig verändert.

Mit Sprösslingen aus feineren Elternhäusern, die auf gute Schulen gehen durften, können die meist armen Dalits ohnehin kaum mithalten. Nur wenige schaffen den Sprung in ein Leben mit Einfluss oder Reichtum. Jetzt soll also ein Dalit eine Chance haben, indischer Präsident zu werden? Sowohl Regierung als auch die Opposition haben für die Wahl Dalits als Kandidaten ernannt.

Narendra Kumar, Politologe aus Neu-Delhi, sieht darin eine Strategie: „Die Regierungspartei BJP versucht, mit neuen Gesichtern die Wählergruppe der Dalits für sich zu gewinnen“, meint er. „Und der Opposition blieb nichts anderes übrig, als auch eine Dalit-Angehörige zu nominieren. Dalits kämpfen inzwischen für ihre Rechte. In manchen Wahlkreisen sind sie in der Mehrheit.“

Geschätzt sind etwa 200 Millionen Menschen Angehörige der Dalits. Damit sind sie eine nicht zu unterschätzende Wählergruppe, die die Parteien hofieren müssen. Das Amt des Präsidenten sei dafür eine gute Möglichkeit, sagt Kumar. Über den Präsidenten entscheiden Wahlleute, die im indischen Parlament sitzen und von den einzelnen Bundesstaten berufen wurden. „Der indische Präsident ist nur eine symbolische Figur“, erklärt Kumar. „Er hat so gut wie keine Macht. Und so passt den Parteien jeder, der ihre Gesetze unterschreibt.“

Die besten Aussichten auf das Amt hat der Kandidat der regierenden BJP, Ram Nath Kovind. Bisher ist der Rechtsanwalt für die meisten Inder ein unbeschriebenes Blatt, genau wie seine Herausforderin Meira Kumar von der Kongresspartei. Sie haben sich bisher nicht als Gallionsfiguren der Dalit-Bewegung hervorgetan. Und so gehen der Student Chandrasen und auch Politik-Experte Kumar nicht davon aus, dass die Präsidentenwahl an der prekären Situation der meisten Dalits in Indien etwas verbessern wird.

Der künftige Präsident könnte zwar dennoch die Diskriminierung zu einem wichtigen Anliegen seiner Amtszeit machen. Die Parteien machen aber derzeit kein Geheimnis daraus, dass es ihnen bei der Wahl ihrer Kandidaten weniger um die Qualifikation ging als um die Kastenzugehörigkiet. Das Magazin India Today zitierte ein BJP-Parteimitglied: Bei der Wahl des Kandidaten stand für uns fest: „Es muss entweder ein Dalit sein oder eine Frau.“

Wer auch immer Indiens 14. Staatoberhaupt wird, ist also ein Quotenpräsident. Das ahnt wohl auch die Kandidatin Kumar. Die Opposition hat sie allem Anschein nach vor allem deshalb nominiert, um nach der Kandidatur Kovinds ebenfalls einen Dalit offerieren zu können. Es mache sie traurig, dass Indien im Jahr 2017 noch immer in solchen Konzepten denke, beklagte sie auf einer Pressekonferenz und gab zu bedenken: „Haben Kovind und ich keine andere Qualifikation?“


Video-Beiträge zu diesem Thema

 Indien wählt neuen Präsidenten




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „ARD-Nachrichten online“, ard.de

Schlagwörter: Indien, Wahl, Präsident, Präsidentschaftswahl, Dalits, Unberührbare, Kasten, Kastensystem, Unterdrückung, Schikane, Ram Nath Kovind, Meira Kumar, Wähler