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Mexiko: Jagd auf Journalisten – „Wenn sie wollen, kriegen sie dich“

Meldung vom 11.09.2017

Der Journalist Javier Valdez wurde am 15. Mai von Unbekannten mit 15 Kugeln durchsiebt. Hunderte Reporter, die wie er in Mexiko Meldungen über organisierte Kriminalität veröffentlichen, wurden in den vergangenen Jahren umgebracht. Wie überleben derzeit die Kollegen, die sich nicht einschüchtern lassen und weiterarbeiten?

Am anderen Ende der Leitung setzt eine kurze Stille ein. Dann meint Ismael Bojórquez: „Ich werfe mir noch immer vor, dass wir Javier nicht entschiedener dazu gedrängt haben, das Land oder mindestens die Stadt zu verlassen!“ Bojórquez, 60, ist Chefredakteur und Mitbegründer des Wochenblattes Ríodoce in Culiacán, der Hauptstadt von Sinaloa – jenem mexikanischen Bundesstaat, der auch die Brutstätte des berüchtigten Sinaloa-Kartells ist, dessen Anführer Guzmán alias El Chapo kürzlich gefasst werden konnte.

Am 15. August, genau drei Monate nach der Ermordung von Javier Valdez, nahmen Bojórquez und die gesamte Redaktion an einer Protestkundgebung vor dem Regierungssitz in Culiacán teil. „Drei Monate und noch immer keine Gerechtigkeit“, sagt Bojórquez empört. Gemeinsam mit seinem Freund Valdez hatte er Ríodoce vor 14 Jahren ins Leben gerufen.

Unbekannte rissen Valdez am 15. Mai am helllichten Tage unweit der Redaktion aus seinem Auto und erschossen ihn in einem Kugelhagel. Keiner der mehr als hundert Morde an Reportern seit 2000 ging der mexikanischen Bevölkerung so nahe wie der Tod von Valdez.

Er war einer der einfühlsamsten und populärsten Autoren zum Thema organisierte Kriminalität, verfasste Bücher über die Opfer des Drogenkriegs, sprach öffentlich davon und prangerte die Macht des Verbrechens in Mexiko an. Wegen seiner Bekanntheit hielt man Valdez für nicht so gefährdet. Aber in dem Land, in dem in neuerlich auflodernden Gefechten der Kartelle um Reviere und Routen jeden Tag 75 Morde verübt werden, kann jeder zur Zielscheibe werden. Und wie eigentlich immer ist der Staat unfähig oder nicht willens, die Täter und Hintermänner zu stellen und zu richten.

Dabei gibt es viele Hinweise, dass die Söhne Guzmáns den Mord angezettelt haben. Sie hatten Valdez Mitte Februar unter Druck gesetzt, ein Interview mit ihrem Gegenspieler um die Macht im Sinaloa-Kartell, Dámaso López, zurückzuhalten. „Das haben wir zurückgewiesen“, sagte Bojórquez. Dann hätten sie die gesamte Auflage der Zeitschrift aufkaufen wollen, auch das habe die Zeitung zurückgewiesen. Am Ende ließen die Söhne von El Chapo einfach alle in den Geschäften ausliegenden Exemplare wegkaufen.

Seit der Auslieferung Guzmáns an die USA Ende Januar 2017 ringen mehrere Kartellmitglieder um die Vorherrschaft in einer der größten Verbrecherorganisationen der Welt. Und Javier Valdez geriet dabei zwischen die Fronten.

Wie ging die Geschichte seit damals weiter? „Wir machen weiter wie vorher“, meint Bojórquez entschieden. Nichts anderes hätte Javier Valdez gewollt. „Wir schreiben über Menschenrechte, soziale Schieflagen, Armut und Gewalt. Das ist unsere Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft.“ Leider komme man dabei oft genug der Regierung oder dem organisierten Verbrechen in die Quere, ohne es explizit zu wollen. „Hier in Culiacán steht die Wiege der größten Drogenbosse des Kontinents, hier sind 60 bis 70 Prozent der Wirtschaft, der Kirche, der Regierung und auch des Sports unterwandert.“

Seit Valdez' Tod recherchiert Ríodoce auch über die Ermittlungen in dem Fall, kritisiert die Untätigkeit der Justiz, bewahrt das Andenken an den mutigen Journalisten. „Ein Teil unserer Redaktion gleicht einer Kommandozentrale voller Plakate, Aufkleber und Fotos“, betont der Chefredakteur.

Auf Anraten der Regierung und der Journalistenschutzorganisation Artículo 19 hat Ríodoce einige Schutzmaßnahmen getroffen. Die Redaktion wird jetzt mit Kameras überwacht, Polizisten halten rund um die Uhr Stellung bei dem Gebäude, an Vertriebstagen eskortieren Sicherheitskräfte die Auslieferer. „Und bei vielen Sitzungen und Besprechungen lassen wir die Mobiltelefone draußen, weil der Staat sie mit Spyware infiziert hat“, erklärt der Chef. Daheim sei sein Haus jetzt durch einen hohen Zaun geschützt. Aber Bojórquez weiß natürlich, dass das nur wenig hilft: „Wenn sie wollen, kriegen sie dich.“

Auf eines legt er besonderen Wert: „Javiers Tod hat unsere Zunft zusammenrücken lassen.“ Solidarität fand man vorher selten, stattdessen gab es viel Neid und Konkurrenz unter Mexikos Journalisten, aber nach dem Mord gründeten mehrere Hundert Reporter, Autoren, Medien und zivile Organisationen die Agenda de periodistas, die „Journalistenagenda“. Auf dieser Plattform reden sie frei über ihre Profession, Gefahren wie Korruption, Selbstzensur und Bedrohung durch das organisierte Verbrechen, haben regen Austausch mit Kollegen in Kolumbien oder Brasilien. „Wir müssen selbst was für uns tun“, ergänzt Bojórquez.

Vielleicht wäre Javier Valdez noch am Leben, wenn er Culiacán damals eine Weile ferngeblieben wäre. „Aber er wollte nicht gehen, er dachte an seine Familie, die Schulabschlussfeier seines Sohnes“, berichtet Bojórquez. Das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) mit Sitz in New York hatte Valdez Jobs in Peru und Argentinien in Aussicht gestellt. Ríodoce hätte ihn liebend gerne mit einer Recherche in einen sicheren Bundesstaat Mexikos entsandt. „Mich lässt nicht los, dass wir nicht darauf beharrt haben, dass Javier die Stadt verlässt“, gibt Bojórquez zu. Seit Amtsantritt von Präsident Enrique Peña Nieto im Dezember 2012 sind laut dem CPJ 25 Reporter ermordet worden, 589 sind nach Angriffen und Drohungen in einem staatlichen Schutzprogramm. Mexiko hat sich zu einem der lebensgefährlichsten Arbeitsgebiete für Journalisten entwickelt.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Spiegel Online“, spiegel.de

Schlagwörter: Mexiko, Journalisten, Presse, Pressefreiheit, Mord, Drogenkartelle, Javier Valdez, Sinaloa-Kartell, Korruption, organisiertes Verbrechen, Justiz