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Mexiko: Digitale Detektive helfen Menschenrechtsverbrechen aufzuklären

Meldung vom 24.01.2018

Iguala, Mexiko, 2014: In einer Nacht werden sechs Menschen ermordet und 43 Studenten entführt – ihr Verbleib konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Drei Jahre danach ist der Fall nicht abschließend geklärt, kein Täter wurde bislang zur Rechenschaft gezogen. Doch digitale Technologien könnten den Fall neu aufrollen, sie bieten neue Chancen für die Ermittlungen. Wenn ein Staat nicht handeln will, werden Menschenrechtler aktiv.

Im Fall von Iguala haben sie den Fall rekonstruiert und die Informationen ins Internet eingespeist. Auch in anderen Fällen – etwa bei Kriegsverbrechen – greifen Menschenrechtsorganisationen, aber auch der Internationale Strafgerichtshof, zunehmend auf digitale Ermittlungen zurück, etwa um Bildmaterial aus den sozialen Netzwerken zu prüfen, das als Beweis dienen kann.

Iguala, Mexiko, vor drei Jahren – es ist eine alptraumhafte Nacht: Bewaffnete attackieren mehrere Busse mit Studenten, sechs Menschen kommen im Kugelhagel um, 43 junge Männer werden gewaltsam mitgenommen. Ein Fall, der Mexiko verstört – denn bis heute ist offen, was mit ihnen geschehen ist. Omar García war Augenzeuge in jener Nacht: viele seiner Freunde und Kommilitonen – verwundet, tot oder vermisst. „Ich spüre immer noch die Angst dieser Nacht, den Terror, die Empörung, Wut darüber, nicht zu wissen, was da passierte.“

Die Ernsthaftigkeit der offiziellen Ermittlungen ist anzuzweifeln. Die Verfahren sind geprägt von Widersprüchen und Falschinformationen, Verdächtige gibt es viele, verurteilt wurde bisher niemand. Weil die Behörden nicht wollen oder unfähig sind, suchen Menschenrechtsorganisationen andere Wege, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

In ihrem Auftrag hat Forensic Architecture, ein internationales Team von Wissenschaftlern und Künstlern, offen zugängliche Quellen ausgewertet und sichtbar gemacht – darunter Zeugenaussagen wie die von Omar. Durch interaktive Karten wird eine digitale Rekonstruktion der Tatnacht hergestellt. Spannende Spurensuche, auch für Omar. „Wo warst du als sie geschossen haben?“ – „Ich bin da lang gerannt.“

Der Fall ist nicht einfach zu überblicken – Militär, Polizei, kriminelle Banden – sie alle sind wahrscheinlich in die Sache verstrickt. „Die Rekonstruktion soll es ermöglichen, die verschiedenen Tatorte zu sehen, das Ausmaß der Gewalt zu begreifen und wie koordiniert das alles stattfand“, erklärt Irving Huerta von Forensic Architecture. „Das versteht man nicht leicht, wenn man nur eine Akte mit 5 oder 600 Seiten hat.“ Der Tatort wird erneut begangen, nun aber in 3-D. Die Rekonstruktion ermöglicht es, nachzuvollziehen, was wann passiert ist. Geodaten, Fotos, Satellitenbilder und Videos werden ausgewertet. Das Projekt präsentiert den komplexen Fall in einer Ausstellung der Öffentlichkeit, aber auch im Netz.

Die Ermittlungen aus der Ferne sind erfolgsversprechend. Zudem sind sie besonders für Menschenrechtler nützlich, die dort einspringen und forschen, wo Staaten und Regierungen vertuschen wollen. Auch Amnesty International nimmt diese Möglichkeit immer häufiger in Anspruch. Seit einem Jahr schult die Organisation Studenten wie hier in England. Sie sollen damit betraut werden, Videos und Fotos aus sozialen Netzwerken zu prüfen. Olivia Iannelli ist von Anfang an mit von der Partie. Die digitalen Medien – eine große Chance, meint sie. „Dadurch können die Menschen vor Ort die Dinge wieder in ihre eigenen Hände nehmen“, erklärt die Menschenrechtsaktivistin. „Sie können einfach ihr Handy anmachen, aufnehmen, was passiert und Beweise sammeln.“

Ziel ist es dann, solches Material zu prüfen – wo wurde es aufgenommen und wann? Die digitalen Detektive vergleichen mit allen möglichen Fakten: Wetterbedingungen, Straßenbild und der Sonnenstand beispielsweise werden ausgewertet. Die Bilder aus dem Netz – eine möglicher Weg zur Wahrheit? „Digitale Bilder können Beweise liefern“, ist sich Olivia Iannelli sicher, „wir können die Zuständigen zur Verantwortung ziehen mit einem YouTube-Video.“

Videos wie dieses zum Beispiel: Dort soll ein mutmaßlicher libyscher Kriegsverbrecher festgehalten worden sein. Auch auf Basis solcher Aufnahmen hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Das Gericht nutzt digitale Möglichkeiten für seine Ermittlungen – auch aus der Ferne. „Für uns ist diese Fülle an Informationen großartig“, meint Madeleine Schwarz, Staatsanwältin am Internationalen Strafgerichtshof. „Nicht alles ist relevant, aber wir können sehr effizient auf diese Informationen zugreifen. Und die kommen möglicherweise von Orten, zu denen wir keinen Zugang haben.“

Um digitale Quellen auszuschöpfen, beschäftigt der Internationale Strafgerichtshof inzwischen eigene Cyber-Ermittler. Sie gehen Daten und Technologien nach, suchen nach Manipulationen und Nachweisen der Echtheit. Die digitalen Beweise sind aber nur ein Baustein unter vielen. „Wir suchen immer auch nach anderen Quellen, um die Informationen zu bestätigen, die in einem Video oder Foto enthalten sind. Das können Zeugen sein oder andere Dokumente, wir schauen eine Reihe von unterschiedlichen Quellen an.“

Digitale Technologien werden in Zukunft wohl mehr und mehr zum Einsatz kommen, um Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufzudecken und zu verfolgen. Gerade da, wo staatliche Institutionen sich sperren. Im Fall der verschleppten mexikanischen Studenten hatte eine Behörde Filmmaterial von Überwachungskameras einfach zerstören lassen. Das Team von Forensic Architecture hat es digital nachgebaut – um sichtbar zu machen, was bei den offiziellen Ermittlungen absichtlich übersehen wurde. „Unser Projekt kann die zentrale Frage, wo die Studenten sind, nicht beantworten“, sagt Irving Huerta von Forensic Architecture. „Aber es kann weitere Untersuchungen anstoßen.“

Darauf baut auch Omar. Die Nacht von Iguala, sagt er, hat für ihn nie aufgehört. „Selbst wenn es für uns vielleicht irgendwann Gerechtigkeit geben sollte, bestimmt das alles weiterhin unser Leben. Diese schlimmen Taten haben uns gezeichnet, und wir kämpfen dafür, dass sich so was nie wiederholt.“ Das digitale Projekt könnte auch als Mahnmal dienen, das vielleicht hilft, doch noch den Tathergang aufzudecken.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „ARD-Nachrichten online“, ard.de

Schlagwörter: Mexiko, Iguala, Studenten, entführt, Korruption, Drogenkrieg, Drogenmafia, Drogenbanden, Menschenrechtsverbrechen, Menschenrechtler, digitale Technologien, digitale Daten, YouTube-Videos, soziale Medien, Internationaler Straferichtshof, Ermittlungen, digitale Detektive, Cyber-Ermittler, digitale Quellen, Satellitenbilder, Geodaten, Handy-Videos