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Hunger: Nutella als Vorbild – Wie die geniale Erdnusspaste „Plumpy Nut“ erfunden wurde

 
Meldung vom 08.02.2018

Heute darf sie bei fast keinem Hilfseinsatz in eine Hungerregion fehlen – die geniale Erdnusspaste Plumpy Nut. Mit dieser speziell für unterernährte Kinder entwickelten Erdnusspaste hat Michel Lescanne Millionen Leben in den Krisenregionen der Erde gerettet. Dabei wurde seine süße Erfindung zunächst mit Skepsis beäugt.

Wenn man heute Fotoreporter oder Bildredakteure fragt, welches die einflussreichsten Reportagefotos aller Zeiten sind, wird ein Bild immer angeführt. Es bildet zwei Lebewesen ab. Im Vordergrund ein kauerndes, bis auf die Knochen abgemagertes Mädchen mit einer Halskette dicker als der Hals selbst. Im Hintergrund sitzt nur wenige Meter entfernt ein Kappengeier, der das entkräftete, aber noch lebende kleine Wesen gierig fixiert. Der Fotograf Kevin Carter drückte im März 1993 im Süden des Sudans bei einem kurzen Zwischenstopp eines UN-Versorgungsflugzeugs auf den Auslöser und hielt dieses Bild für die Welt fest. Es war ein schockierendes, aufrüttelndes Bild.

Auch Michel Lescanne, Ingenieur für Lebensmitteltechnik und Unternehmer, erinnert sich an dieses spektakuläre Foto wie an kaum ein anderes. Zu der Zeit, als jenes Foto geschossen wurde, grübelte er vor allem über eines: Wie kann man der Not solcher Kinder besser abhelfen? Denn längst nicht jedes von der internationalen Lebensmittelhilfe angelieferte Nahrungsmittel ist für die sofortige Speisung hungernder Kinder brauchbar.

So hatte der UN-Flieger, an Bord dessen Kevin Carter mitreiste, hauptsächlich Mais geladen, der an die hungernde Bevölkerung an einem Versorgungsstützpunkt nahe dem Dorf Ayod verteilt werden sollte. Mais bietet reichlich Kohlenhydrate, auch Maisöl, und ein wenig Protein. Aber einem Kind, das kurz vorm Hungertod steht, kann Mais kaum noch helfen. Selbst wenn die Mutter sofort tätig geworden wäre und eine Ration in Empfang genommen hätte, hätte sie erst noch Holz suchen, Wasser holen, den Mais stampfen und zu Brei kochen müssen, und das alles mitten in den Wirren eines Bürgerkriegs und wahrscheinlich selbst schon völlig ausgezehrt und entkräftet.

Und sogar wenn Helfer vor Ort alle diese Arbeiten ausgeführt hätten, wäre Maisbrei alles andere als ein ideales Nahrungsmittel für solche Fälle. Zudem kämen, so Lescanne, die aufgrund ihres Zustands ohnehin besonders anfälligen Kinder in solchen Versorgungsstützpunkten oft mit lebensgefährlichen Keimen in Kontakt.

Tatsächlich hatte Nahrungsmittelhilfe – egal ob verteilt durch das Welternährungsprogramm der UN oder durch andere Hilfsorganisationen – jahrzehntelang nicht nur mit Schwierigkeiten bei der Finanzierung und der Logistik zu ringen. Tragischerweise lag das Hauptproblem oft bei den verteilten Nahrungsmitteln selbst. Denn Mais, Reis, Hirse und Co. kann man zwar gut transportieren, wenn sie trocken in Säcke verpackt sind. Sie sind unter diesen Umständen auch lange haltbar, doch vor Ort und unter den dort oft schwierigen Umständen besteht die Gefahr von Fäulnis, Schimmel, Ratten und dergleichen.

Man kann sie auch nicht unbedingt zu den vollwertigsten Nahrungsmitteln zählen und sie müssen zudem erst verarbeitet werden, damit ihre Kalorien und sonstigen Inhaltsstoffe wirklich zum Tragen kommen. Lebensbedrohlich unterernährte Kinder wie jenes auf Carters Foto konnten bis zu diesem Zeitpunkt daher nur überleben, wenn sie in speziell dafür eingerichteten Hospitälern mit Infusionen oder Spezialnahrung versorgt wurden. Das allerdings ist nicht nur kostspielig, es erfordert auch den festen Willen der Familie, ihr Kind dort hinzubringen und den Ärzten zu überlassen – trotz des von Lescanne erwähnten Risikos durch Infektionskrankheiten an den Versorgungsstationen.

Lescannes Lösung dieses Problems ist eine Folge vieler verschiedener Erwägungen und sie entstammt nicht einem einzelnen Superhirn. Nachdem er und sein damaliger Partner, der Arzt André Briend, bereits alles Mögliche getestet hatten auf ihrer Suche nach einem nahrhaften, praktischen und haltbaren neuen Nahrungsmittel, soll der Geistesblitz schließlich 1996 an einem Frühstückstisch irgendwo in Frankreich eingeschlagen sein. Auf dem stand neben Café au Lait und Croissants auch die europaweit bekannte Nussnougat-Creme. Als Briend diese auf sein Croissant strich, bot sich ihm plötzlich die Lösung des Ernährungsproblems an: „Eine Paste!“

Lescanne und Briend machten sich sofort an die Verwirklichung dieser Idee. Es entstand die Formel für jene Paste, die später den Namen Plumpy Nut tragen sollte – eine Mischung aus Erdnüssen, Zucker, Speiseöl und einem zuvor ebenfalls von Lescanne entwickelten, mit Mikronährstoffen angereicherten Milchpulver.

Plumpy Nut war direkt essbar, ja sogar so weich, dass es lutschbar war. Es war lecker und zeichnete sich zudem durch die drei wichtigsten Makronährstoffe aus. Und es musste, anders als jenes Milchpulver namens F100, nicht mit Wasser angerührt werden. Denn das, erklärte Lescanne, sei das große Problem gewesen, so nährstoffreich das Milchpulver auch war: „Die Qualität hing immer von der Qualität des Wassers vor Ort ab, und die war oft sehr schlecht.“

Für die Erdnusspaste entwickelte Lescanne als Nahrungsmittelingenieur die entscheidenden technischen und lebensmittelchemischen Rezepturen. Auch die wichtige, schon bei F100 umgesetzte Idee, die jeweiligen Portionen einzeln in Plastikpäckchen einzuschweißen, geht auf ihn zurück. Er musste mit seiner Lebensmittelfirma Nutriset, ansässig in Malaunay in der Normandie nördlich von Rouen, auch das unternehmerische Risiko auf sich nehmen.

Und das war keineswegs zu unterschätzen, denn die Experten waren zu Anfang voller Zweifel angesichts des neuen Produkts. Nicht nur die Erdnusspaste wurde zuerst abgelehnt. Kritisch sah man auch die neue Option, dass die unterernährten Kinder nicht mehr in Kliniken behandelt werden mussten, sondern selbst bei schwerer Unterernährung in den Familien mit Plumpy Nut versorgt werden konnten. Das wurde seinerzeit von den meisten Fachleuten und auch den großen Entwicklungshilfeorganisationen als zu gefährlich eingestuft. Sie wollten derart unterernährte Kinder lieber in Nothospitälern unterbringen, wo die Infektionsgefahr allerdings nicht unerheblich war.

Als die Paste 2001 in den Handel kam, verpackt in Beuteln mit Einzelrationen von je etwa 500 Kilokalorien, waren nur wenige Ärzte in Krisengebieten dazu zu bewegen, die Paste auszuprobieren. Einer war Mark Manary. Als Kinderarzt in Malawi hatte er in seinem Krankenhaus zu oft die Erfahrung gemacht, dass durch Hunger anfällige Kinder trotz genügend Nahrung reihenweise an Infektionen ums Leben kamen. Er berichtete der New York Times einmal, dass er wegen seiner Versuche, bei denen er die Erdnusspaste Kindern zuhause verabreichen ließ, auf Konferenzen als Kindermörder betitelt wurde.

Allerdings waren die guten Resultate dort, wo Plumpy Nut zum Einsatz kam, bald nicht mehr wegzudiskutieren. Während etwa noch Anfang der 90er Jahre 20 bis 60 Prozent der schwer unterernährten Kinder, die in Kliniken behandelt wurden, starben, blieben 95 Prozent der zuhause mit Erdnusspaste ernährten nun am Leben und kamen wieder vollständig zu Kräften.

Plumpy Nut gilt heute als das mit Abstand am häufigsten eingesetzte „Verzehrfertige Therapeutische Nahrungsmittel“ („Ready-to-Use Therapeutic Food“, RUTF). Nach Angaben von Nutriset haben seit 2005 über 24 Millionen Kinder das in Lescannes Fabrik und im so genannten „Plumpy Field Network“ in acht Ländern hergestellte Produkt verabreicht bekommen.






Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Handelsblatt“, handelsblatt.com

Schlagwörter: Hungerhilfe weltweit, Hunger, Plumpy Nut, Erdnusspaste, Michel Lescanne, André Briend, Erfindung, Paste, Kinder, Unterernährung, Infektionen, Hilfseinsätze, Hilfsgüterlieferungen, Nahrungsmittel, Nutriset