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Somalia: Woher die Al-Schabaab ihr Geld bezieht – Ein Aussteiger packt aus

Meldung vom 21.06.2018

Das United Nations Development Programme (UNDP) hat 2017 intensive Untersuchungen angestellt, warum sich Menschen radikalisieren und islamistischen Terrorgruppen beitreten. Gut 70 Prozent der Interviewten liefen zu Terrorgruppen über, nachdem sie von der Regierung oder der Armee ihres Landes massives Unrecht erleiden mussten. Oft ging es dabei um getötete Angehörigen und Freunde, oder willkürliche Verhaftungen.

Für Somalia und den dortigen „Anti-Terrorkrieg“ sind das keine hoffnungsvollen Forschungsresultate. Aber bleibt der somalischen Regierung und ihren Verbündeten überhaupt eine Wahl? Sie können ja nicht anders, als gegen die Al-Schabaab-Miliz zu kämpfen.

Es ist Freitag, der wöchentliche religiöse Feiertag im muslimischen Somalia. Am Lido, dem Strand von Mogadischu, herrscht buntes Treiben. Junge Männer und Frauen spazieren durch den Sand oder verschaffen sich in dem türkisfarbenen Meer eine Abkühlung, die Frauen voll bekleidet. Die Restaurants am Lido sind immer in Gefahr, Anschlagsziel zu werden – gerade wegen ihrer Beliebtheit. Hier kommt es jedes Mal zu vielen Toten. Und die Terrorgruppe kann sich sicher sein, dass sie damit im Rampenlicht steht.

Als Treffpunkt hat sich Hussein für ein Restaurant an dieser Strandpromenade ausgesprochen, weil in der großen Menschenmenge niemand darauf achtet, wer sich hier mit einer Weißen trifft. Das Gespräch wird in einem abgeschlossenen Raum geführt, weil Hussein Mithörer ausschließen will. Hussein ist ein mächtiger Aussteiger, er war sechs Jahre lang ein Emir der Islamisten, also einer der obersten Köpfe. Er sagt, er habe die Miliz vor knapp zwei Jahren verlassen. Jetzt muss er immer auf der Hut sein und fürchtet die Rache seiner ehemaligen Waffenbrüder, die ihn als Verräter gerne umbringen würden. Deshalb will er seinen wahren Namen geheim halten, er heißt eigentlich anders als Hussein. Am Ende, gibt er zu, sei er ernüchtert gewesen vom „wahren Gesicht“ der Extremisten.

„Ich hatte gedacht, dass diese Menschen auf dem rechten Pfad sind, dass sie Gerechtigkeit üben. Aber während meiner Zeit bei ihnen wurde ich immer häufiger Zeuge davon, dass sie ungerecht handeln. Ich habe zum Beispiel mehrfach gesehen, wie sie Frauen als vermeintliche Ehebrecherinnen gesteinigt haben, ohne eindeutige Beweise dafür zu haben, dass diese Frauen sich wirklich schuldig gemacht hatten. Im Grunde haben sie oft einfach nur so getötet. Als mir das klar geworden ist, bin ich ausgestiegen. Ich lehne Ungerechtigkeit ab.“

Aus seiner alten Heimat Jana’ale musste er regelrecht Reißaus nehmen, um seiner Hinrichtung durch die einstigen Glaubensbrüder zu entkommen. Seitdem hat er Schutz gesucht auf dem Gebiet der somalischen Regierung, mit der er einen Pakt hat: Er gibt Informationen über Mitglieder und Strategien der Miliz gegen Straffreiheit weiter. Hussein kommt in gelber Häkelkappe, einem alten Hemd und einer alten Hose. Sein rundes Gesicht macht einen offenen und freundlichen Anschein, sein Auftreten ist großväterlich. So wenig heute noch an einen radikalen Islamisten erinnert, so groß war seine Macht, als er noch dabei war: Hussein betätigte sich als Finanzdirektor der Al-Schabaab-Miliz in seiner Heimatregion Lower Shebelle.

„Die Al-Schabaab-Miliz sammelt Steuern von den Geschäftsleuten. Wir fordern von allen großen Unternehmen Geld. Am meisten von Telefon- und Internetunternehmen. Wieviel wir verlangen, hängt von der Größe des Unternehmens ab. Normaler Weise fordern wir mindestens 5.000 Dollar im Monat.“

Die Miliz habe bis heute in jedes Unternehmen ihre Informanten eingeschleust, so dass sie deren Wirtschaftskraft beziffern könne. Die höchste Summe, die sie zu seiner Zeit von einem einzelnen Unternehmen als Steuer verlangt hätten, seien 50.000 US-Dollar im Monat gewesen. Das Geld benötigt die Miliz zur Anschaffung von Waffen und Rekrutierung neuer Kämpfer.

„Wer nicht zahlen wollte, wurde bedroht. Die Miliz schickte dann einen Selbstmordattentäter oder verübte einen anderen Anschlag. Wer sich weigerte, bekam also die Folgen zu spüren. Weil das jeder wusste, zahlten alle.“

Daran hat sich bis heute nichts geändert, sagt Hussein. Will man ihm Glauben schenken, haben die regelmäßigen Anschläge nicht nur religiöse Hintergründe, sondern auch lukrative: Es sind Sanktionen gegen diejenigen, die die Zahlung von Schutzgeld, auch Steuern genannt, ablehnen. Mit der Schutzgeld-Erpressung kommen riesige Summen zusammen.

„In Jana’ale war zum Beispiel jede Woche Donnerstag Markt. Jeder, der Vieh zum Verkauf brachte, musste dafür Steuern bezahlen. Am Markttag haben wir regelmäßig 15.000 Dollar eingenommen. Allein an diesem einen Wochentag! Die Steuern, die jeder Haushalt bezahlen musste, kamen noch dazu.“

Weil er für Mogadischu nicht zuständig war, kann er nur schätzen, was in der Hauptstadt eingetrieben wird. „Ich schätze, das sind im Monat zwischen fünf und 15 Millionen Dollar. Denn wenn man genau hinguckt, stellt man fest, dass nicht nur Unternehmen zahlen. Sondern womöglich auch Abgeordnete und andere Politiker, Regierungsmitglieder. Jeder, der sich lieber sicher fühlt, zahlt. Es gibt viele, die sich sagen: Ich verzichte lieber auf das Geld und habe dann meine Ruhe.“

Aus Husseins Schilderung formt sich das Bild einer sehr gut funktionierenden und ziemlich wirkmächtigen mafiösen Struktur und Organisation – ganz im Unterschied zum somalischen Staat. Und von einer Gesellschaft, die immer noch von Furcht beherrscht wird – auch in der Hauptstadt Mogadischu, obwohl die doch eigentlich unter der Kontrolle der Regierung steht.

Die Al-Schabaab-Miliz hat längst die Struktur einer Mafia-Organisation, sie hat die somalische Gesellschaft unterwandert und bestimmt ihre Gesetze. Ihre wahre Macht beruht auf der Kombination von Selbstmordattentätern und einem engmaschigen Netz von Informanten. Schlimmer noch: Die Al-Schabaab-Miliz führt mittlerweile Aufträge von Geschäftsleuten aus, um deren Konkurrenten zum Schweigen zu bringen, meint Hussein.

„Anfangs war das noch nicht so, aber neuerdings interessiert sich die Miliz immer mehr dafür, wie sie Geld verdienen kann. Sie ist bereit, für Geld alles zu tun. Wenn sie den Auftrag kriegen, jemanden zum Schweigen zu bringen, müssen sie oft noch nicht einmal töten. Es reicht, wenn sie denjenigen anrufen und sagen: 'Dieses oder jenes Geschäft gibst du besser auf.' Jeder weiß, was passiert, wenn man solche Aufforderungen der Al-Schabaab ignoriert, deshalb reicht meist eine solche Drohung. Und die Auftraggeber sind auch zufrieden: Ihr Konkurrent ist aus dem Weg geräumt, ohne dass er getötet wurde.“

Während viele Viertel in Mogadischu immer noch zerbombt und zerschossen sind, schießen in anderen Stadtteilen luxuriöse Gebäude wie Pilze aus dem Boden. Wie die schicke Mogadischu Mall, eingeweiht im Herbst 2017. Die weiß gefliesten Wände reflektieren die leuchtenden Schriftzüge der Geschäfte. Die luxuriösen Geschäfte führen Schmuck und Kleidung, vor allem aus Dubai. In Mogadischu ist der Immobilienmarkt derzeit auf steilem Erfolgskurs. Einheimische berichten, dass ein Gebäude in der Via Roma, einer kleinen Altstadt-Straße, immerhin eine Million US-Dollar wert sei. Und dass die Miete für eine Vier-Zimmer-Wohnung auf bis zu 1.000 Dollar angestiegen ist, also ähnlich hoch wie in Europa.

In Mogadischu prallt die bittere Armut von Flüchtlingen auf extremen Reichtum. Mancher weiß, aus dem Terror Profit zu schlagen. Killer werden angeworben, die als angebliche Al-Schabaab-Mitglieder geschäftliche Konkurrenten des Auftraggebers eliminieren. Der Sprecher des Innenministeriums sagt dazu: „Das ist möglich, ich gebe Ihnen Recht, das ist möglich. Die Al-Schabaab-Miliz ist nicht unser einziges Problem. Wir werden unser Territorium Stück für Stück von der Al-Schabaab zurückerobern. Anschließend werden wir uns dem zuwenden, was sonst noch ansteht. Wir haben noch eine Menge vor uns.“

Viele schlagen Gewinn aus dem Krieg, und das gilt auch für die Islamisten. Einige Geschäftsleute ziehen Nutzen aus der Schwäche des Staates, der den Markt und die Wirtschaft nicht ausreichend im Griff hat und kaum Steuern eintreibt. Mit Drohnenangriffen ist dieses unterirdische System, das mit Drohungen und Terror aufrechterhalten wird, nicht zu zerstören. Da hilft nur der Aufbau eines starken Staats, der Regeln aufstellt und durchsetzt. Außerdem muss eine funktionierende Justiz eingerichtet werden, die Gewaltverbrechen aufklärt und die Täter bestraft.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Deutschlandfunk“, dradio.de

Schlagwörter: Somalia, Al-Schabaab, Al-Shabab, Terror, Drohnenkrieg, Antiterror-Krieg, USA, Mafia, schwacher Staat, Mogadischu, Lido, Anschläge, Selbstmordattentate, Drohungen, Schutzgeld, Schutzgelderpresung, Killer, Mord, Auftragsmord, Geschäfte, Handel, Immobilienmarkt, Aussteiger