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Äthiopien: Die Elendesten nicht dem Vergessen preisgeben (Einsatzbericht)

Bericht vom 17.08.2012


Teamleiter M. Wilson hilft bei der Verteilung der Nahrungsmittel.


Diese Zehnjährige muss ihrer kleinen Schwester die Mutter ersetzen.

Wie schon so oft in den vergangenen Jahren hatte unser Projektleiter Anfang August sein mutiges Team für einen neuen Hilfstransport zusammengerufen. Unvorstellbare Mengen an Hilfsgütern – überwiegend Nahrungsmittel – wurden in gewohnter Weise auf die LKWs geladen, um rund 1.000 hungernde Flüchtlingsfamilien in den dürregeplagten Gebieten Äthiopiens mit Lebensmitteln für mehr als 125.000 Mahlzeiten zu versorgen. Die drei Dörfer, die unser Nothilfe-Team aufsuchte, hatten bisher keinerlei Hilfe erhalten. Nun sandte uns Teamleiter M. Wilson seinen Bericht von einem Einsatz, der alle Beteiligten an die Grenzen ihrer körperlichen und seelischen Belastbarkeit geführt hat:

22 Tonnen Nahrungsmittel in drei abgelegene Dörfer einer äthiopischen Dürreregion transportieren und verteilen – das war unser Plan. Die Dörfer sind so abgelegen, dass sie bis heute weder von Hilfsorganisationen noch von Regierungsseite Hilfe erhalten haben, weil wohl nicht einmal die Regierung von ihrer Existenz weiß.

Solche Einsätze waren auch in der Vergangenheit nicht leicht, dieser aber verlangte uns ein Höchstmaß an Belastbarkeit ab, wollten wir ihn ohne seelischen Schaden überstehen. Jeder, auch der kleinste Aspekt einer Hilfsaktion von dieser Größenordnung ist eine persönliche Herausforderung. Du weißt, Du kannst nicht alle Kinder retten, aber Du musst versuchen, so vielen wie möglich zu helfen.

Ganz gleich, wie oft ich schon dabei war: Auf die tatsächliche emotionale Belastung bin ich selten wirklich gefasst. Schon wenn ich unseren LKW verlasse, höre ich das leise Weinen der Mütter, das Schreien der Kinder ... und bin doch noch ein Fußballfeld weit von ihnen entfernt! Bevor ich den Platz erreiche, wo sie sich zu Hunderten versammelt haben, bete ich um Kraft.

Wir nähern uns den dicht an dicht gedrängt wartenden Menschen. Drei Frauen schlagen wütend aufeinander ein. Ein Mann versucht, sie zu trennen – da trifft ihn eine geballte Frauenfaust, und ein Überraschungsschlag genau zwischen die Schulterblätter setzt ihn außer Gefecht. Den drei Müttern wird versichert, dass sie alle ihre Ration bekommen werden. Sie beruhigen sich.

Das Leid der versammelten Menge ist beinahe mit Händen zu greifen. Ich muss mich sehr beherrschen, um angesichts der unzähligen flehenden Blicke nicht in Tränen auszubrechen. Es ist so schwer: Wenn wir uns selbst zu sehr vor diesem Leid verschließen, können wir den Menschen unser Mitgefühl und unsere Liebe nicht weitergeben. Wenn wir uns aber nicht genug dagegen wappnen, sind wir nicht mehr fähig, unsere Arbeit vor Ort zu tun.

„Was um alles in der Welt machen wir hier?“ Solche und ähnliche Gedanken jagen mir durch den Kopf. „Denk doch nur an das Gute, das ihr hier tut. Du bringst Hoffnung, wo es vorher keine Hoffnung gab. Konzentriere dich darauf!“ Diese Überlegungen helfen mir durchzuhalten.

Ich beobachte, wie Henoc, der Arzt in unserem Team, und zwei Krankenschwestern sich einen Weg durch die Menge bahnen, um Kinder mit orangefarbenen Haaren und anderen Zeichen der Unterernährung ausfindig zu machen. Erschütternd, wie oft sie stehen bleiben und einer Mutter zuflüstern: „Bitte kommen Sie mit Ihrem Kind nach vorn.“ Jedes Mal, wenn der Arzt sich vorbeugt und eine Frau anspricht, wird mein Herz schwerer. Kind um Kind, eines nach dem anderen, holt er aus der Menge ... viele von ihnen sehen aus wie auf den Schreckensbildern des Holocaust: nur noch von Haut umspannte Knochen. Im nächsten Dorf ist es noch schlimmer ...

In dieser Nacht schlafen wir in einer leerstehenden Hütte. Schlafen? – Wie könnten wir das nach einem solchen Tag? Meine Seele weint. Jetzt, wo ich allein bin, bete ich für die gequälten Menschen, für die hungernden Kinder.

Im dritten Dorf herrscht eine unheimliche Stille. Hunderte von Menschen sitzen dort: Schweigend starren sie uns entgegen, Verzweiflung schreit aus ihren sonst leeren Augen. Ich setze mich neben eine alte Frau, die mich gebeten hat, das Kind auf ihrem Schoß zu halten. Der Arzt dolmetscht, was sie mir entgegen sprudelt: Sie hat vier Enkelkinder, deren Vater getötet wurde und deren Mutter als vermisst gilt. Eines der Kinder ist unheilbar krank und wird bald sterben. Die Großmutter weiß nicht mehr aus noch ein: Soll sie dem ohnehin todgeweihten Kind sein bisschen Nahrung vorenthalten, damit es den anderen drei Enkeln zu Gute kommt? Diese sind immerhin groß genug, um sich von Schwäche und Unterernährung noch erholen zu können.

Nachdem sie geendet hat, bin ich sprachlos, mein Herz ist schwer. Während ich zurück gehe, denke ich an meine eigenen fünf Kinder. Was würde ich wohl tun, wenn ich vor die Wahl gestellt wäre, nur einem von ihnen helfen zu können, obwohl ich doch alle gleich lieb habe? Der Gedanke, eine so grausame Entscheidung treffen zu müssen, überwältigt mich, verursacht mir Übelkeit. Es macht mich regelrecht krank, dass diese Geschichte kein schlechter Traum ist – nein, es ist die Wirklichkeit, es sind reale Menschenleben, reale Kinderschicksale, ihr Leben, Leiden und auch ihr Sterben sind real. Ich stehe abseits allein, bete, klage, lasse nun doch meinen Tränen freien Lauf. Dann bin ich wieder bereit: Dieses Elend ist der Grund, warum ich hier bin – um den Hoffnungslosen Hoffnung zu bringen.

Ich sehe ein paar Kinder Ball spielen. Als ich genauer hinschaue, stelle ich fest, dass der „Ball“ eigentlich ein Lumpenknäuel ist. Alle paar Augenblicke müssen die Kinder ihr Spiel unterbrechen und die Stofffetzen wieder zusammenwickeln, dann geht es weiter. Sie sind so unglaublich fröhlich! Ich kann nur staunen, laufe zu ihnen hinüber und spiele ein paar Minuten mit. Ihre Unbeschwertheit mitten in diesem Elend ist unglaublich, regelrecht ansteckend.

Ein zehnjähriges Mädchen gesellt sich zu mir, es trägt sein kleines Geschwisterchen auf dem Arm. Ich frage, wo ihre Mutter ist. Die sei umgebracht worden, erzählt sie mir, und sie selbst sei nun die Mutter – eine Zehnjährige! Völlig auf sich gestellt, gezwungen, sich um ihre kleine Schwester zu kümmern, und weit und breit niemand, der sich dieser beiden Mädchen annehmen könnte. Könnt Ihr Euch eine Zehnjährige vorstellen, die bei einem Kleinkind die Mutterrolle übernimmt? Das ist kaum zu glauben, und doch ist es hier die traurige Realität.

Dieser Einsatz hat mich zutiefst aufgewühlt. 22 Tonnen Nahrungsmittel konnten wir an 968 Familien verteilen, das entspricht rund 126.000 Mahlzeiten für 5.000 Menschen oder einer Überlebensration für einen ganzen Monat pro Familie. Eine solche Ration kostet kaum 20 Euro – keine 20 Euro also, um eine ganze Familie einen Monat lang am Leben zu erhalten! Ist es nicht großartig, wie vielen Menschen so ein kleiner Betrag Leben schenken kann und welche Hoffnung er zu geben vermag?!

Darum wollen wir nicht aufhören, uns um die hungernden Menschen in Äthiopien zu kümmern und ihnen Hoffnung zu bringen. Ihnen, liebe Spender, danken wir für Ihre anhaltende Treue und Ihre Hilfe bei diesem schwierigen, aber lohnenswerten Unterfangen.

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Schlagwörter: Äthiopien, Hilfseinsatz, Hilfstransport, Hunger, Dürre, Flüchtlinge, Nichtregierungsorganisation, Regierung, Hilfsaktion, Arzt, Krankenschwester, Unterernährung, Holocaust, Verzweiflung, Elend, Kind, Kleinkind, Mutter, Mutterrolle, Waisen, Nahrungsmittel, Überlebensration, Verteilung, Hungersnot