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Südsudan: Nichts läuft nach Plan, doch alles geht gut! (Einsatzbericht)

Bericht vom 26.04.2016


Flugzeug und Hilfsgüter erregen schnell Aufmerksamkeit.


Lollys für die Kinder – eine seltene Köstlichkeit!


Der Flug in die umkämpften Gebiete war gefährlich.


Die Kinder schenken uns ein Lächeln – trotz Hunger und Entbehrungen.

In den ersten Aprilwochen reiste unser Team wieder zu Nothilfeeinsätzen in den Südsudan. Teamleiter M. Wilson notierte während dieser gefahrvollen und hindernisreichen Zeit seine Eindrücke und Gedanken in tagebuchartiger Form. Lassen Sie sich von ihm mitnehmen in eine für uns unvorstellbar fremde Welt voller Widersprüche:

29. März: Ich bereite mich auf den bevorstehenden Einsatz vor und verbringe viel Zeit allein. Schon vor Jahren habe ich gelernt, dass es sehr gut ist, sich über die Umstände, die eigenen Gedanken und Erwartungen klar zu werden, bevor man am Ziel ankommt:

– Es wird so unerträglich heiß sein, dass ich meine gesamte Energie dafür brauchen werde, mich auf die anstehenden Aufgaben zu konzentrieren.

– Den größten Teil meiner Zeit werde ich damit verbringen, mich um andere zu kümmern und mit Menschen zu sprechen, die gerade Fürchterliches durchmachen. Sie brauchen meine volle Aufmerksamkeit, mein ganzes Mitgefühl und all meinen Respekt. Ich darf mich nicht einfach von den Gegebenheiten aus dem Konzept bringen lassen, weil ich dann nur herumstolpere, mechanisch Hilfsgüter verteile und Fotos mache.

– Die Menge an Hilfsgütern ist begrenzt, und wie jedes Mal werden sie nicht für alle ausreichen, die gekommen sind. Inzwischen kann ich zwar mit dieser Tatsache ganz gut umgehen, aber trotzdem ist es eine Herausforderung, den Erfolg unseres Einsatzes im Blick zu behalten und weniger auf die zu achten, denen wir wieder nicht helfen konnten. Das nimmt der Realität zwar nicht ihren Schrecken, aber es hilft mir, mit ihr zurecht zu kommen.

Nichts auf dieser Reise wird verlaufen, wie wir es geplant haben. Deshalb sind Flexibilität und die eigene emotionale Balance ganz entscheidende Kriterien. In besonderm Maße gilt dies für die Dörfer im Südsudan, die wir dort für unseren Einsatz ausgewählt haben. Die Regenzeit wird vermutlich dieses Jahr einen Monat früher einsetzen als sonst, das könnte unsere Lufttransporte gefährden. Obendrein bereitet uns die Bedrohung durch die Regierungstruppen einiges Unbehagen. Ich bin eigentlich nicht ängstlich, aber das macht mich doch nervös. Die Menschen hier leiden ja nicht nur unter Wasser- und Nahrungsmangel, sondern auch unter der Gewalt des Bürgerkrieges. Vor kurzem habe ich erfahren, dass Regierungstruppen die Stadt Leer regelrecht „ausradiert“ haben. Dort wohnte auch unser einheimischer Projektverantwortlicher James. Sein Haus wurde komplett zerstört.

Ich weiß genau, dass mir trotz aller mentalen Vorbereitung Elend und Leid der Menschen wieder einen Schlag versetzen werden. Nur gut, dass ich nicht alleine bin: Joseph und Derek, zwei meiner engsten Freunde, werden diesen Einsatz mit mir zusammen durchstehen.

04. April: Morgen fliegen wir nach Juba. Aus Zeitung und Internet habe ich erfahren, dass die Lage brenzlig ist. Es soll eine Friedenskonferenz geben und eine Übergangsregierung eingesetzt werden, aber so wie es aussieht, haben Präsident Kiir und seine Truppen andere Pläne … Ich denke an die vielen Male, die ich während des letzten Krieges hier war, und daran, wie sich die Bevölkerung im Südsudan von dem grausamen Regime des Nordsudan unter Omar al-Baschir befreien konnte. Es macht mich schier wahnsinnig, wenn ich sehe, wie dieser junge Staat nun wieder von Stammeskriegen zerrissen wird.

05. April: In Juba treffen wir uns mit James und besprechen unsere Planungen. Wir lernen eine junge Witwe kennen. Ihr Mann hatte für James gearbeitet und war bei dem Überfall auf Leer von den Soldaten der Regierung ermordet worden. Nun ist James ihr nach hiesigem Brauch bei der Suche nach einer neuen Unterkunft in Juba behilflich. Die Hauptstadt des Südsudan hat etwa 300.000 Einwohner. Ihre Wirtschaft stützt sich jedoch überwiegend auf die Hilfe von UN-Behörden und ausländischen Organisationen.

Die Hitze hier trocknet den Körper aus und bringt das Gehirn fast zum Schmelzen. Überall sind die schwer bewaffneten Soldaten der Regierungstruppen präsent und lassen dich die Gefahr eines Überfalls keinen Augenblick vergessen. Ich hoffe so sehr auf Frieden für dieses Land, aber er wird wohl auf sich warten lassen, weil Hass und Rachgier zwischen den Volksstämmen so tief verwurzelt sind.

06. April: Nichts lief nach Plan, aber alles ging gut … (Ein großartiger Arbeitstitel, sollte ich jemals eine Biographie über meine Arbeit in Afrika schreiben).

Als wir bei unserer Maschine ankommen, die eigentlich schon abflugbereit sein soll, wird sie immer noch beladen. Der Pilot ist nicht glücklich mit unserer Forderung, Hinflug, Verteilung und Rückflug nach Juba an einem Tag noch vor Anbruch der Dunkelheit zu schaffen. Er weist darauf hin, dass der Regen die Landung im ersten Dorf verhindern könne. Außerdem ist er im Unklaren über die Sicherheitslage dort. „Ich hoffe, Ihr habt einen Plan B“, meint er. Selbstverständlich hat zumindest mein Freund Derek den. Wenn du in diese Gegend willst, darfst du nie nur einen Plan in der Tasche haben.

Auf dem Weg zum Zielgebiet fliegen wir auch über Leer – über das, was eigentlich Leer sein sollte. Alles, was wir erkennen können, ist verbrannte Erde. Kein Stein steht hier mehr auf dem anderen. All die unschuldigen Menschen, die hier einfach nur friedlich leben wollten, wurden entweder getötet oder sind geflohen. Für das, was hier passiert ist, ist selbst der Begriff „Tragödie“ eine sehr unzureichende Beschreibung.

Unser Pilot ist nach der Landung beim ersten Dorf vorausgelaufen. Wir folgen ihm, aber bald dreht er um und fragt uns wieder nach „Plan B“. Denn auch dieses Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht und ist nicht sicher für uns. Also weiter zu einer größeren Ortschaft. Als ich dort mit den Verantwortlichen spreche, erfahre ich, dass die Bevölkerung hier wegen der Inlandsflüchtlinge von ursprünglich 42.000 auf 92.000 Einwohner angewachsen ist. Und täglich kommen weitere hinzu.

In der gesamten Stadt gibt es nur zwei funktionierende Brunnen. Man stelle sich das vor: zwei Brunnen für über 90.000 Menschen! Die Frauen stehen täglich für Stunden in der Warteschlange, um ihre Kanister mit einigen Litern Wasser füllen zu können. Die jungen Mädchen müssen ihr ganzes Körpergewicht einsetzen, um überhaupt den Pumpenschwengel bedienen zu können.

In meiner Umgebung finde ich viele Gründe dafür, dass wir die einzigen auswärtigen Helfer sind. Die Umstände sind extrem schwierig und gefährlich, die Menschen verzweifelt, und die Vielzahl der bewaffneten Männer überall führt einem die Gefahr von jederzeit möglichen Angriffen ständig vor Augen. Es ist noch gar nicht lange her, dass die Regierungstruppen den Ort attackierten, aber die Lokalmiliz konnte sie vertreiben.

Wir beschließen, am nächsten Tag noch mehr Hilfsgüter zu bringen. Wenn möglich, wollen wir auch noch weitere Flüchtlingscamps in der näheren Umgebung aufsuchen.

07. April: Hatte ich nicht gerade gedacht, wir hätten nun das Schlimmste hinter uns? Nachdem wir noch mehr Hilfsgüter in die Kleinstadt geflogen haben, fahren wir mit dem Auto zu mehreren kleinen Dörfern in der Nachbarschaft, jedes mit einem eigenen Brunnen. Die scheinen aber alle ausgetrocknet zu sein, da das Wasser nur noch herauströpfelt. Deshalb wird sich das Wasserproblem in der Stadt noch weiter verschärfen, je mehr Dorfbewohner aus der Umgebung den Weg dorthin finden.

Es herrschen infernalische Verhältnisse. Und das nicht nur wegen der brütenden Hitze – es ist fast 43° heiß – sondern auch wegen der großen Not, der offensichtlichen Zeichen gefährlicher Unterernährung sowie Gestank und Schmutz überall.

Als wir ein paar Kindern einige Tennisbälle zuwerfen, blitzt mitten im Elend etwas Normalität auf: Kreischend und lachend rennen sie wie verrückt hinter ihren Bällen her. Das klingt wie Musik in meinen Ohren, wenn auch nur für einige Augenblicke. Und es tut so gut, auch die Mütter einmal breit lächeln zu sehen, während sie ihre Kinder beobachten. Sie haben sonst wirklich keinen Grund zur Freude.

Während ich in einem der Dörfer umherwandere, geht mir schlagartig auf, dass ich wie selbstverständlich eine Wasserflasche nach der anderen leertrinke. Und das unter Leuten, für die Wasser rarer und kostbarer ist als Gold. Plötzlich fühle ich mich so schlecht und unverschämt, dass ich ab sofort versuche, nur noch ab und zu unbemerkt einen Schluck aus meiner Flasche zu nehmen. Ich kann nicht in Worte fassen, wie ich mit diesen Menschen leide. Gleichzeitig muss ich jeden Augenblick wachsam bleiben wegen der Gefahr eines Überfalls. Ich wünsche mir inständig, wir könnten noch mehr für sie tun.

Und auf der anderen Seite bin ich tief im Herzen auch sehr dankbar für alles, was wir ihnen schon an Hilfe bringen konnten: Mais, Weizen, Sorghum (Hirse), Seife, Wasserkanister, Moskitonetze, Zeltplanen und Angel-Zubehör, auch ein paar Plastikstühle und -tische.

Möglich war dieser Einsatz nur mit Ihrer Hilfe, liebe Spender. Gebende Hände sagt herzlichen Dank!



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