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Südsudan: Treffen unter Feinden – Ein Einsatz der besonderen Art! (Einsatzbericht Teil 2)

Bericht vom 09.08.2018


Beklommener Blick aus der Cessna.


Trotz des schlechten Wetters – Wir werden schon erwartet!


Friedensgespräche jenseits von Juba!


Tennisbälle – ein großer Schatz für die Kinder!


Komm spiel mit uns! – Für ein paar Minuten Hunger und Gewalt vergessen.


Den Blick eines verwundeten Kindes kann man nie vergessen.

Die folgenden Aufzeichnungen unseres Einsatzleiters Derek H. beschreiben Teil zwei seiner gefährlichen Reise direkt in ein Kriegsgebiet im Südsudan, wo er überraschend Flüchtlingen mit dringend benötigten Überlebensgütern helfen konnte:

Ich bin erleichtert, endlich sind wir in der Luft, und Juba liegt unter uns. Der Pilot steuert die Maschine Richtung Norden. Unser Ziel ist Unity State, eine kriegszerstörte, in den letzten Wochen von Leid und Tod heimgesuchte Region. Mit unserer Cessna Caravan werden wir knapp zwei Stunden für die Strecke brauchen.

Von Osten ziehen dicke schwarze Wolken heran. Als wir uns dem Zielgebiet nähern, ist es schwarz um uns herum, und der Pilot lässt uns wissen, dass er keine Landung wagen kann. Die unbefestigte Lehmpiste wird vom Regen zu schlammig sein. Uns sinkt der Mut. Es ist still, als der Pilot die Maschine in die Kurve legt und zurück Richtung Juba fliegt. Wir können nur noch beten. Nach einigen Minuten bekommen wir auch aus Juba per Funkspruch die Meldung, dass die Landebahnen dort nicht sicher sind. Es wütet ein heftiger Sturm. Aber irgendwo müssen wir landen und warten, bis das Wetter aufklart.

Die Verunsicherung ist groß: Wir können nicht einfach im Nirgendwo landen, haben aber für andere Flughäfen in der Nähe keine Landeerlaubnis. Dort unten tobt schließlich ein Bürgerkrieg, unsere Optionen sind äußerst begrenzt. Einige fangen an, leise zu beten. Der Pilot fragt, ob jemand von uns ein Handy mit Satellitenempfang habe, damit er von der Kontrollstelle im Zielgebiet den aktuellen Stand der Dinge, besonders vom Zustand der Landepiste, erfragen könne. Es ist fast schon überirdisch: Genau am letzten Samstag hatte mich mein Kontaktmann James gefragt, ob ich vielleicht ein Satelliten-Handy für ihn hätte. Tatsächlich fand ich zuhause ein völlig veraltetes, aber unbenutztes Modell ohne Speicherkarte, das ich ihm mitbrachte. Irgendwie hatte James es geschafft, bis zu unserem Abflug am Montag eine passende Speicherkarte zu organisieren. Und nun fragt der Pilot, ob jemand ein solches Handy dabei habe. Mit breitem Grinsen zieht James es aus der Tasche und reicht es dem Piloten. Dieser telefoniert kurz und gibt das Handy schon nach wenigen Augenblicken zurück mit der Information, dass er am ursprünglich vorgesehenen Ort die Landung versuchen werde, da das unsere einzige Chance sei, wieder auf den Boden zu kommen.

Beklommene Stille breitet sich aus, alle wissen, was das bedeutet – die unbefestigte nasse Lehmpiste ist ein großes Risiko. Als der Landeplatz unter uns auftaucht, fangen einige der Männer wieder an zu beten, dieses Mal laut – es sieht nicht gut aus da unten. Die Maschine setzt auf, sie rumpelt, hüpft und schlingert durch den Matsch – und kommt unbeschadet zum Stehen. Alles ist gut gegangen! Jubelrufe und Dankgebete: Wir sind wieder sicher am Boden, und die Dorfältesten erwarten uns schon!

Es folgt die traditionelle Begrüßung mit ausgiebigem Händeschütteln und Schulterklopfen, bevor wir an einem eigens organisierten Friedenstreffen der rivalisierenden Volksstämme teilnehmen. Wir sind hier im Gebiet der Nuer, die die amtierende Dinka-Regierung ablehnen. Doch die Führer der Dinka wurden eingeladen und sind tatsächlich gekommen. Das Vorstellungs-Zeremoniell dauert fast vier Stunden – es ist ein sehr wichtiges Treffen. Der älteste Dinka-Führer erhebt sich und verkündet: „Ich bin gestern hierhergekommen mit der Befürchtung, die Nacht nicht zu überleben. Doch man hat sich bestens um mich gekümmert und auch mit Essen versorgt, vielen Dank.“ Das Eis ist gebrochen, die Versammelten beginnen mit traditionellen Gesängen. Aber noch liegt ein weiter Weg vor ihnen, es gibt viel zu diskutieren.

Die Menschen an der Basis haben nach vielen ergebnislosen Verhandlungen den Glauben in ihre Regierung und in die offiziellen Friedensgespräche verloren. Bisher wurde bei den Verhandlungen nichts erreicht, und das Sterben geht weiter. Deshalb haben sie beschlossen, selbst die Initiative zu ergreifen. Sie haben Täter und Opfer beider Seiten zusammengebracht. Hin und her werden viele leidvolle Vorfälle berichtet, ein Mann ist zornig, weil seine Tochter von einem Speer der Gegner durchbohrt und getötet wurde. Auch kleine Kinder kamen um. Wütende Drohungen über Rache, Mord, Viehdiebstähle und Vergewaltigungen werden ausgestoßen. So geht es lange Zeit, aber schließlich gestehen sich beide Parteien ein, dass sie des Weinens und Schreiens der gepeinigten Frauen und Kinder überdrüssig sind und das Blutvergießen beenden wollen – ein kleiner Fortschritt!

Inzwischen ist es 21 Uhr – um acht Uhr morgens hat das Treffen begonnen! Aber niemand hat bisher die Verhandlungen verlassen, man hört sich gegenseitig aufmerksam zu. Als schließlich eine Art Gefangenenaustausch zwischen beiden Stämmen zustande kommt, herrscht atemlose Stille. Einen Augenblick später haben alle die immense Bedeutung dieser Aktion begriffen und beginnen wieder zu singen. Mitzuerleben, wie ein hochgewachsener Nuer nach vier Jahren tränenüberströmt seine Familie begrüßt, ist überwältigend.

Wir sind in Ganyiel, einem von Sümpfen und Wasserläufen durchzogenen und deshalb schwer angreifbaren Gebiet. Für die Geflohenen eine Art sicherer Hafen, wo sie Schutz finden vor den Überfällen auf ihre gar nicht so weit entfernten Dörfer. Alle hier haben Schreckliches erlebt, jeder Einzelne hat Krieg, Tod und Leid mit ansehen müssen. Viele der Kinder sind Waisen geworden. Oft müssen nun die älteren Geschwister anstelle der Eltern die jüngeren Brüder und Schwestern versorgen.

Ich liebe es, mit den Kindern zu spielen! Wann immer möglich nehme ich einen Vorrat an Tennisbällen mit, um sie damit zu beschenken. Ihre Widerstandskraft erstaunt mich stets aufs Neue. Wie sie nach all den schlimmen Erlebnissen und Verlusten immer noch lachen und ausgelassen sein können. Kein Kind jammert über irgendetwas. Ich schäme mich, wenn ich an mein Leben zuhause denke, an meine belanglosen Klagen über Verkehrsstaus oder schlechten Service.

Über meiner Begegnung mit diesen Menschen liegt etwas Unwirkliches. Ich habe in die Augen derer geschaut, die getötet haben. Und ich habe in die Augen von Kindern geschaut, die von Gewehrschüssen schwer verletzt wurden: Beides lässt sich nicht in Worte fassen. Ihre Blicke dringen tief in mich ein, ich werde sie niemals vergessen. Und sie sind es, die mich antreiben, immer wieder zu kommen, meine Arbeit weiter zu machen, wie hoch das Risiko auch sei.

Als unser Einsatz beendet ist und wir nach Juba zurückfliegen, muss ich an die Kinder denken, die nicht entkommen konnten, die krank oder verletzt irgendwo da draußen in den Sümpfen liegen und allmählich die Hoffnung verlieren. Das bestärkt mich nur noch mehr, wieder zu kommen und zu helfen, alles zu tun, was in meiner Macht steht.

Dank der großzügigen Unterstützung von Gebende Hände konnten wir im vergangenen Monat 1.400 Flüchtlingsfamilien helfen. Und in dieser Woche wollen wir weitere 1.000 Familien versorgen. Während ich dies schreibe, wird bereits der nächste LKW beladen.

Danke an die „Gebende Hände-Familie“ für diese wunderbare Unterstützung und die Gebete, die mir helfen, solche kräftezehrenden Einsätze durchzustehen.



Schlagwörter: Südsudan; Bürgerkrieg, Friedensgespräche, Juba, Unity, Ganyiel, Sümpfe, Dinka, Nuer, Flüchtlinge, Salva Kiir, Riek Machar, ethnische Unruhen, Hilfsgüter, Hilfsgüter-Lieferung