Südsudan: Balanceakt am Rande eines neuen Krieges

Meldung vom 29.02.2012

Trotz immer wieder geäußerter Friedensbekundungen aus dem Mund der Politiker des Nord- und Südsudans, halten sich die Länder nicht an ihre Abmachungen. An der Grenze zwischen Nord- und Südsudan ist es zu weiteren Gefechten gekommen, bei denen bis zu 150 Soldaten des Nordens getötet wurden. Khartum bestätigt zwar die Gefechte, äußerte sich aber nicht zu den gefallenen Soldaten.

Die Kämpfe zwischen der sudanesischen Armee und südsudanesischen Rebellen wurden in der Region von Jau ausgetragen. Nach Worten eines Sprechers der Rebellengruppe Sudan Peoples Liberation Movement – North (SPLM-N), einem Ableger der ehemaligen südsudanesischen Rebellenbewegung SPLM, befindet sich Jau in der Region Süd-Kordofan. Jau ist eine Ortschaft unmittelbar auf der zwischen Norden und Süden umstrittenen Grenze. Die SPLM-N streitet für eine Zugehörigkeit weiter Teile von Süd-Kordofan zum Süden, was die Regierung in Khartum mit allen militärischen Mitteln bekämpft. Jede Form von Protest wird mit extremer militärischer Härte niedergerungen.

Dem Angriff auf Jau, dem nach Angaben der Rebellen die Eroberung weiterer Ortschaften im Grenzgebiet vorangegangenen war, sollen sich auch Kämpfer der Rebellengruppe Justice and Equality Movement (Jem) aus Darfur angeschlossen haben. Das ist das erste Mal, dass eine Zusammenarbeit zwischen westsudanesischen und südsudanesischen Rebellen offen zugegeben wird. Nach Angaben der Armee in Khartum war der Rebellenangriff von Offizieren der regulären südsudanesischen Streitkräfte angeführt worden.

Khartum beschuldigt die südsudanesische Führung in Juba seit geraumer Zeit, die Rebellionen in Süd-Kordofan und in der Region Blauer Nil stillschweigend zu fördern und regelmäßig die Grenze zu übertreten. Der südsudanesische Informationsminister Barnaba Marial Benjamin gestand eine Verwicklung von südsudanesischen Offizieren indirekt ein, als er behauptete, Jau liege in Südsudan und schon deshalb hätten die Offiziere die Grenze nicht überschritten. Eine unabhängige Bestätigung dieser Informationen kann nicht erfolgen, weil Khartum sowohl Journalisten als auch Hilfsorganisationen den Zugang zu der Region verweigert.

Südsudan und Nordsudan balancieren nicht einmal ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung des Südens erneut am Abgrund eines neuen Krieges. Der teilweise gewaltsam ausgetragene Streit um die künftige Grenze ist dabei nur ein Faktor für die Spannungen. Südsudan hat vor Monatsfrist seine gesamte Ölproduktion lahmgelegt, nachdem der Norden offenbar große Mengen des Rohöls für sich selbst zurückbehalten hatte. Südsudan verfügt zwar über große Ölvorkommen, benötigt aber die Logistik, Pipelines und den Hafen Nordsudans, um das Öl zu exportieren.

Norden und Süden konnten sich bislang nicht auf einen Preis für die Benutzung dieser Infrastruktur verständigen. Der Chef einer chinesischen Erdölfirma, die nach Ansicht der Regierung in Juba an dem Diebstahl beteiligt war, wurde inzwischen des Landes verwiesen. Die südsudanesische Regierung plant nun eine Halbierung ihrer Staatsausgaben, um die Einnahmeverluste durch die gestoppte Ölproduktion bestreiten zu können. Bislang wurde der südsudanesische Haushalt zu mehr als 90 Prozent mit den Öleinnahmen gespeist.


Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, faz.net