Kenia: Ein Land bis ins Mark getroffen

 
Meldung vom 26.09.2013

Der islamistisch motivierte Anschlag von Nairobi hat Kenia einen heftigen Schlag versetzt, der sich politisch wie wirtschaftlich auswirken wird. Das Land erfasst plötzlich, dass es mit verletzlichen Institutionen zur Zielscheibe des Terrorismus geworden ist. Es will sich zur Wehr setzen, aber wie genau, ist noch unklar.

Die Fernseh-Ansprache des kenianischen Präsidenten Uhuru Kenyatta lief 15 Minuten. Er gab die Nachricht bekannt, auf die das Land seit vier Tagen sehnlich wartete. Die 16 Terroristen der somalischen Miliz Al-Schabaab seien besiegt, fünf dabei getötet und elf festgenommen worden. Doch an der Stimme des Präsidenten konnte man den Schock erahnen, die Worte kamen nur langsam und stockend, sein Körper wirkte von den vier Tagen des nationalen Traumas, einer Art „afrikanischem 9/11“, erschöpft.

„Meine Landsleute, wir wurden schwer getroffen und fühlen großen Schmerz und Verlust, aber wir waren stark, vereint und tapfer“, erklärte der Präsident vor der kenianischen Nationalflagge, „Kenia hat das Böse überwunden und triumphiert.“ Selbst seine Familie hatte Opfer zu beklagen, Kenyatta verlor einen Neffen und dessen Frau.

Bei dem Angriff der radikal-islamischen Terroristen auf das Westgate-Einkaufszentrum von Nairobi kamen 61 Zivilisten und sechs Soldaten ums Leben. Unter den Opfern registrierte man mindestens 18 Ausländer, darunter sechs Briten sowie Bürger aus Frankreich, Kanada, Australien, Peru, Indien, Ghana, Südafrika, China und den Niederlanden.

Das Einkaufszentrum gehörte zu den bevorzugten Orten für Arbeitnehmer und Touristen aus aller Welt. Die immer neuen Bilder der bewaffneten Attentäter und Toten, die von Überwachungskameras und Augenzeugen aufgezeichnet wurden, aber auch die der trauernden Angehörigen, werden sich tief in das Bewusstsein der Nation eingraben. Die schrecklichste Bilanz steht noch aus: Die Zahl der Toten wird immer noch zunehmen, denn es gibt noch viele Vermisste.

Erst am Dienstagnachmittag war das Gebäude völlig eingenommen, so dass die Bergung von weiteren Toten fortgeführt werden konnte. In der Nacht zum Mittwoch seien Dutzende Leichen abtransportiert worden. Bei den Kämpfen waren drei der sechs Stockwerke zusammengesackt, die Arbeiten am kenianischen „Ground Zero“ werden noch lange dauern.

Verstört harren die Menschen auf neue Nachrichten. Denn schon am Montag hatten mehrere Minister die Geiselnahme für so gut wie erledigt erklärt, die meisten Geiseln seien befreit – doch danach kam es zu weiteren schweren Schusswechseln. Die kenianischen Bürger haben ihr Vertrauen in die Sicherheit des Landes verloren. Auch die Regierung büßt Vertrauen ein: „Eines der Opfer dieses Anschlages war die Glaubwürdigkeit der kenianischen Behörden“, stellte das britische Magazin Economist treffend fest.

Diesmal scheinen die Angaben der Regierung zu stimmen, am Morgen war auf den Live-Bildern des Fernsehsenders lediglich leichter Rauch zu erkennen, der aus dem Gebäude aufstieg. Dieser professionelle Anschlag mit internationaler Beteiligung hinterlässt landesweit ein Gefühl der Machtlosigkeit.

Die Angreifer hatten ihr Attentat offenbar lange vorbereitet. Sie hatten ein Geschäft in dem Einkaufszentrum angemietet, in dem sie Munition und weitere Ausrüstung im Vorfeld des Anschlags hinterlegten. So konnten sie den Hundertschaften von Armee und Polizei über Tage hinweg Gegenwehr leisten. Die Nation sieht ein, dass sie mit der Kontrolle von Personen und Autos am Eingang allenfalls unprofessionelle Einzeltäter hätte herausgreifen können.

Auch wirtschaftliche Einbrüche werden nun erwartet. Die Tourismusbranche rechnet mit einem deutlichen Minus, ausländische Direktinvestitionen könnten prägnant nachlassen. Die schwerste Erfahrung ist aber wohl diese, dass der Glaube an die Grundfunktion des Staates, den Schutz seiner Bürger, zerbrochen wurde. Beobachter sind in Sorge, der Anschlag könne zu Gewalt gegen in Kenia lebende Somalier führen. Die Geiselnahme ist der Stein des Anstoßes zu einer nationalen Krise.

Präsident Kenyatta bemühte sich daher, militant zu wirken. Er will offenbar eine groß angelegte Vergeltung gegen die Drahtzieher des Anschlags. Mit dem Sieg über die Geiselnehmer sei „dieser Teil unserer Aufgabe erledigt“. Der Al-Schabaab-Forderung, die 4.000 kenianischen Soldaten aus von der Miliz kontrollierten Gegenden in Somalia sofort zurückzubeordern, will Kenyatta nicht entsprechen.


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 Kenia: Nach der Geiselnahme in Nairobi


Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Welt Online“, welt.de