Indien: Toilettenmangel macht Frauen angreifbar

Meldung vom 06.06.2014

Indische Frauen, die ihre Notdurft verrichten müssen, laufen nachts in die Felder. Der große Mangel an sanitären Einrichtungen in Indien ist einer der Faktoren, die Frauen angreifbar machen. Millionen Toiletten fehlen in diesem Land. Darunter leiden besonders Frauen und Mädchen. Sie laufen nachts Gefahr, draußen Opfer von Übergriffen zu werden.

Die beiden jungen Mädchen gingen zusammen aus dem Haus, wie sie es jeden Abend taten, um sich in den Bambusfeldern in der Nähe ihrer Hütten zu erleichtern. Wie Millionen Familien in Indien verfügen auch sie in ihrem Zuhause nicht über eine Toilette. In der Dunkelheit wurden die Mädchen attackiert, mehrfach vergewaltigt und später erdrosselt. Die Täter knüpften ihre Leichen an einem Mangobaum im Dorf auf. Die Gruppenvergewaltigung sorgte für Empörung und Demonstrationen in der Bevölkerung. Bei alledem wird als auch der Mangel an Toiletten thematisiert.

Von den 1,2 Milliarden Menschen in Indien haben nach Angaben der Vereinten Nationen 665 Millionen keine Möglichkeit, eine private Toilette oder Latrine zu nutzen. Das betrifft besonders die Landbevölkerung. In einigen Dörfern hat man zwar öffentliche Toiletten errichtet, aber die Frauen suchen sie nicht auf, weil sie meist schmutzig sind und weil Männer dort auf sie warten und Übergriffe geschehen. „Rund 65 Prozent der Menschen auf dem Land in Indien verrichten ihre Notdurft im Freien und Frauen und Mädchen müssen nachts nach draußen“, sagt der Vertreter des Kinderhilfswerks UNICEF in Indien, Louis-Georges Arsenault. „Das gefährdet nicht nur ihre Würde, sondern auch ihre Sicherheit.“

Bindeshwar Pathak rief eine Hilfsorganisation ins Leben, die sich um das Problem kümmert. Er geht davon aus, dass in ganz Indien 120 Millionen Latrinen fehlen. Seit den Vergewaltigungen in Katra Sadatganj im Norden des Unionsstaates Uttar Pradesh hat seine Organisation sich vorgenommen, 108 Häuser des Dorfes mit Toiletten zu versehen. Die beiden Cousinen, 14 und 15 Jahre alt, stammten aus der untersten Kaste, der Dalits. Sie waren alleine. Meist bilden die Frauen kleine Gruppen, um draußen ihr Geschäft zu verrichten. Um dabei nicht beobachtet zu werden, wagen sie sich nur in der Morgendämmerung oder nach Sonnenuntergang hinaus. Männliche Familienmitglieder gehen für gewöhnlich nicht mit, da keine peinlichen Situationen entstehen sollen.

Nachdem die Mädchen das Haus verlassen hatten, wollte ein Onkel noch nach seinen Pflanzen schauen. Im Schein seiner Taschenlampe konnte er erkennen, wie vier Männer die Mädchen in die Felder zogen. „Ich hatte Angst und bin weggelaufen“, bezeugte der Onkel, Baburam. „Jetzt wünschte ich, ich hätte das nicht getan.“

Der Polizeichef von Uttar Pradesh pocht darauf, dass es eine eindeutige Verbindung zwischen Vergewaltigungen und dem Mangel an Toiletten gibt. „Mehr als 60 Prozent der Vergewaltigungen in diesem Staat passieren, wenn die Opfer hinausgehen, um sich zu erleichtern, weil sie zuhause keine Toiletten haben“, erklärt Ashish Gupta. Diese Aussage verschleiert natürlich die Tatsache, dass die Ursache des Übels bei der Einstellung der indischen Männer gegenüber der Frau liegt. Derartige Aussagen, gerade von der indischen Polizei, lenken von den Tätern ab und wollen das Problem auf den Toilettenmangel schieben.

Dennoch bietet der Mangel an sanitären Anlagen ein Gefahrenpotenzial für die Frauen. Auch in den Armenvierteln der großen indischen Städte sieht es nicht besser aus, auf dem Land ist das Risiko für die Frauen und Mädchen jedoch größer, weil die Felder unübersichtlich sind.

„Abends ist es wirklich unheimlich“, berichtet die 50 Jahre alte Sarita Kuswaha, die zwei Kinder hat. „Die jungen Männer sind manchmal betrunken, machen unanständige Bemerkungen und wir können nichts tun.“ Sie selbst sei einmal in den Feldern in der Nähe ihres Dorfes Milkipur in Uttar Pradesh von einem Mann überfallen worden. „Ich habe es meiner Schwiegermutter erzählt, aber sie wollte nicht, dass ich etwas sage, weil der Mann ein Verwandter des Dorfvorstehers war.“

Der neue indische Ministerpräsident Narendra Modi und seine hindu-nationalistische Partei Bharatiya Janata hat sich im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben: „Toiletten vor Tempeln“. Die vorherige Regierung hatte mehrfach versprochen, die sanitäre Grundversorgung in den Dörfern und städtischen Armenvierteln aufzustocken. Korruption, der Missbrauch von Finanzhilfen und mangelnder politischer Wille ließen diese Projekte jedoch scheitern.

Das betraf auch Uttar Pradesh, wo in Zusammenarbeit mit der Zentralregierung im Jahr 2002 ein großes Sanitätsprojekt geplant war. Die jüngsten Daten von 2011 zeigen jedoch, dass nur 22 Prozent der Haushalte inzwischen eine eigene Toilette nutzen können. „Diese Daten belegen eindeutig, dass das öffentliche Geld die Toilette hinuntergespült wurde“, empörte sich der Verwaltungsbeamte Alok Ranjan.

Während das Dorf noch darauf harrt, dass die Hilfsorganisation von Pathak Toiletten einrichtet, hat eine örtliche Frauengruppe Richtlinien für die Frauen veröffentlicht. Die wichtigste: Bildet große Gruppen, wenn ihr nach draußen geht!


Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „N24“, n24.de