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Zur Geschichte und Problematik des Landes

 
Wer das Wort Sudan hört, denkt meistens zunächst an die westsudanesische Provinz Darfur. Die dort lebenden schwarzafrikanischen Völker leisteten viele Jahre Widerstand gegen die Regierung in Khartum, die die Region bewusst in Armut hielt. Um den Widerstand zu brechen, instrumentalisierte die nordsudanesische Regierung Reitermilizen, um die Dörfer in Dafur zu überfallen. Die Reitermilizen richteten entsetzliche Massaker unter der Zivilbevölkerung an. Diese Angriffe hatten Tausende von Flüchtlingen zur Folge.

Doch Darfur war nicht der einzige Kriegsschauplatz im Sudan. Weitaus mehr Tote und Vertriebene forderte der wohl längste Bürgerkrieg Afrikas zwischen dem Süden und dem Norden des Landes, der mit wenigen Unterbrechungen von 1955 bis zum Januar 2005 tobte.

1955 hatte sich das Land von der Kolonialmacht Großbritannien unabhängig gemacht und schlitterte direkt von der Unabhängigkeit in den Bürgerkrieg. In diesem Krieg kämpfte die Regierung gemeinsam mit islamistischen Milizen gegen die vorwiegend christliche bzw. animistische Bevölkerung im Süden, um auch dort die Scharia, das islamische Recht, einzuführen. Man schätzt über zwei Millionen Opfer, unzählige Vertriebene, Witwen und Waisen.



Im Januar 2005 wurde endlich ein Friedensabkommen zwischen der südsudanesischen Befreiungsorganisation SPLM und der islamistischen Regierung in Khartum geschlossen. Das Friedensabkommen beinhaltete eine schrittweise Abnabelung des Südens vom Norden und gipfelte in einem für Januar 2011 vorgesehenen Referendum. Dabei sollte die südsudanesische Bevölkerung darüber entscheiden, ob der Südsudan ein eigener unabhängiger Staat werden sollte.

Was niemand vorhersehen konnte: Der Fund reicher Ölvorkommen im Grenzgebiet zwischen beiden Landesteilen verschärfte den Konflikt.

Der Weg zur Unabhängigkeit des Südens war lang und steinig. Der sudanesische Präsident Omar al-Baschir setzte viele, oft grausame Mittel ein, um die Teilung des Landes zu verhindern. Gegen Omar al-Baschir erließ der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag 2009 schließlich einen Haftbefehl wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bisher konnte al-Baschir einer Auslieferung an Den Haag entgehen.

 
Im Januar 2011 war das Ziel erreicht: Knapp 99 Prozent der Südsudanesen haben für die Unabhängigkeit des Südsudans gestimmt. Die Regierung in Khartum hat das Ergebnis des Referendums offiziell anerkannt. Damit wurde der 193. Staat geboren.

Doch es gehörte mehr zum Aufbau eines stabilen Staates als die Unabhängigkeits-erklärung. Alles in diesem jungen Land war zu Beginn noch in Bewegung. Die Besitzverhältnisse von Land und Viehweiden waren und sind noch nicht geklärt. Von Norden nach Süden zogen Flüchtlinge, die schreckliche Massaker erlebt haben und sich im Süden ein neues Zuhause wünschten. Man konnte den Prozess eine „kleine Völkerwanderung“ nennen. Das alles waren und sind Menschen, die nichts zu essen haben. Der Südsudan hat bis heute keine Kapazität, diese Menschen aufzufangen.

 
Wirtschaftlich und infrastrukturell befindet sich das Land noch in einem Steinzeitzustand. Handel, Landwirtschaft und Straßen sind nicht erschlossen oder völlig heruntergekommen. Es gibt viele Probleme zu lösen.

Ungeklärt ist der genaue Grenzverlauf zwischen den beiden Ländern. Strittig ist vor allem die Zuordnung der ölreichen Region Abyei zu einem der beiden Staaten. In den Grenzregionen Süd-Kordofan und Abyei wird immer noch zwischen der dort lebenden Bevölkerung, die sich dem Süden zugehörig fühlt, und der Armee des Nordsudans gekämpft. Die Unstimmigkeiten hatten sich zeitweise fast zu einem territorialen Krieg ausgeweitet. Die nordsudanesische Luftwaffe flog Bombenangriffe auf Dörfer im Grenzgebiet. Hunderttausende Flüchtlinge, Verletzte und Tote waren die Folge.

Weitaus schlimmer aber war der Bürgerkrieg, der am 15. Dezember 2013 ausbrach. Auslöser war die Entlassung des Vizepräsidenten Riek Machar, die der Präsident Salva Kiir veranlasst hat. Ab dem Zeitpunkt gab es gewaltsame Kämpfe zwischen Anhängern beider politischer Lager. Diese weiteten sich zu ethnischen Unruhen aus, da die Beteiligten verschiedenen Stämmen angehören. Schreckliche Massaker waren die Folge, bei denen Angehörige der Dinka über Menschen des Volksstamms der Nuer herfielen und umgekehrt.

 
Es ging aber auch um politische Macht und Ressourcen. Die Regierung bezichtigte Machar eines Putschversuchs, was dieser dementierte. Die UN und die Afrikanische Union rangen mit den beiden Streithähnen um ein Friedensabkommen und Maßnahmen zur Bildung einer Einheitsregierung. Im April 2016 wurde tatsächlich ein Friedensabkommen geschlossen, Riek Machar wieder als Vizepräsident eingesetzt und eine Einheitsregierung gebildet. Aber das Bündnis hielt nur kurz. Erneute Kämpfe in Juba zwischen den beiden Konflikt- parteien zwangen Machar zur Flucht. Seitdem herrschte wieder Bürgerkrieg.

Im September 2018 wurde erneut ein Friedensabkommen abgeschlossen, und Machar kehrte nach Juba zurück. Es wurde ein Programm erarbeitet, wie sich beide Parteien die Macht teilen können. Man war skeptisch, ob der Frieden diesmal hält. In einzelnen Gebieten wurde trotzdem weitergekämpft, die Konfliktparteien kümmerten sich nicht darum, was in Juba beschlossen wurde oder nicht. Die Regierung hatte das Land nicht unter Kontrolle.

Im Juni 2020 gab es eine bemüht positive Meldung: Nach monatelangen Verhandlungen hatten Kiir und sein Vize Machar sich darüber verständigt, wie sie die Macht über die Regionen des Landes aufteilen können. In der erzielten Vereinbarung wurde nach Angaben von Präsidialamtsminister Nhial Deng Nhial festgelegt, dass Salva Kiir über sechs Bundesstaaten regieren soll. Dazu zählten der ölreiche Staat Unity sowie Central Equatoria, in dem die Hauptstadt Juba liegt.

Das Lager von Vizepräsident Riek Machar sollte demnach in drei Bundesstaaten das Sagen haben. Dazu zählte der Bundesstaat Upper Nile, in welchem die größte Ölproduktion des Landes lokalisiert ist. Ein dritter Unterzeichner des Friedensabkommens, die Südsudanesische Oppositionsallianz (SSOA), sollte dem Bundesstaat Jonglei vorstehen. Die neue Übereinkunft verleihe dem Friedensabkommen von 2018 „neue Schwungkraft“, meinten Beobachter. Auch eine neue Regierung wurde gebildet.

Doch Stammeskämpfe ließen das Land weiter ausbluten. Und nicht nur das – eine UN-Kommission hatte derweil massive Korruption in Regierungskreisen aufgedeckt. Die politischen Eliten plünderten nach UN-Untersuchungen ihr eigenes Land aus und trügen dadurch Mitschuld daran, dass die Bevölkerung verarmt. Seit 2018 hätten sie mehr als 73 Millionen US-Dollar in ihre eigenen Taschen fließen lassen, hieß es in einem Bericht vom 23.09.2021. Das Land wurde zehn Jahre lang von innen geplündert. Das betrifft Gelder, die von internationaler Seite her für den Friedensprozess geflossen sind, wie auch die Einkünfte aus dem Ölgeschäft – Korruption ist allgegenwärtig und inzwischen für jedermann sichtbar. Gelder werden aus politischen Gründen veruntreut und an weit verzweigte Interessengruppierungen verteilt.

Experten sind sich sicher: Die Ursachen für die ethnischen Unruhen und die krebsgeschwürartige Korruption werden solange bleiben, bis ein drastischer Einschnitt geschieht und die beiden Führungspersonen im Staat, Kiir und Machar, gezwungen werden, abzutreten. Die Gesellschaft im Südsudan ist durch ein Stammessystem geprägt. Aber erst der Präsident und sein Vize haben Öl in das Feuer der Rivalitäten gegossen – in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß wurden Spannungen geschürt und großzügig Waffen an die verschiedenen Gruppierungen ausgeteilt. Diese Gruppen wurden so in politische Machtkämpfe eingebunden und manipuliert, Krawalle und Unruhen schaukelten und schaukeln sich so immer wieder hoch.  Die Tradition, Rechnungen über Familienfehden zu begleichen, tut ihr Übriges, dass viele Regionen nicht zur Ruhe kommen. Eine Änderung dieser festgefahrenen Systeme wird bewusst ausgesessen: Neuwahlen wurden von 2022 auf 2023 – jetzt sogar auf 2024 verschoben.

Währenddessen ist das Land in den wirtschaftlichen Ruin geschlittert. 2021 wurde gemeldet, dass derweil 8,2 Millionen Menschen in Not sind – also etwa drei Viertel der Bevölkerung. Diese drei Viertel werden zumeist von internationalen Hilfsorganisationen versorgt. Diese kämpfen daher mit einer humanitären Katastrophe, die noch lange anhalten wird.

Ein Bericht der UN zum Südsudan listete furchtbare Gräueltaten und Menschenrechts- verbrechen auf. Truppen der Regierungsarmee hatten laut UN Kinder und Menschen mit Behinderungen lebendig verbrannt.

 
Die Soldaten fielen in Gruppen über Frauen und Mädchen her und vergewaltigten sie, Zivilisten wurden gezielt umgebracht. Aber auch die oppositionellen Rebellen begingen bestialische Verbrechen: Sie ermordeten laut UN-Menschenrechtskommissariat „Hunderte Menschen, die in Kirchen, Moscheen und Krankenhäusern“ Schutz gesucht hatten. Zudem gehörte auch die gezielte Vernichtung der Lebensgrund- lage zum Kriegshandwerk von Regierungs- und Oppositionskräften. In der Stadt Malakal, der Hauptstadt des Bundesstaats Upper Nile, wurden fast 10.000 Häuser und damit ein Viertel der Stadt vollständig verbrannt, was der UN zufolge auf Satellitenaufnahmen zu erkennen ist. Auch der Leiter der Hilfsaktionen von Gebende Hände im Südsudan hat die verbrannten Häuser von Malakal mit eigenen Augen gesehen und die Zerstörung fotografisch dokumentiert.

In ganz Südsudan gibt es noch hunderttausende verstreute Binnenflüchtlinge. Über die Hälfte der Bevölkerung ist nach Angaben von Hilfsorganisationen von einer aktuellen Hungerkrise betroffen. Mehr als sechs Millionen Menschen in dem nordafrikanischen Land haben nicht genügend Nahrungsmittel. Die Versorgung der Hungernden und Schutzsuchenden ist dringlicher denn je!