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Afghanistan: Politiker lächeln auf Wahlplakaten – die Bevölkerung sieht schwarz

Meldung vom 14.03.2014

In Afghanistan tobt der Wahlkampf um die Präsidentschaft, aber die Bevölkerung sieht schwarz. Am 5. April ist der große Tag der Abstimmung. Der Termin rückt unaufhaltsam näher und dementsprechend nimmt der allgemeine Druck zu und die Drohungen der Taliban werden lauter. Die extremistischen Islamisten haben mit Attentaten auf Wähler, Wahllokale und Wahlhelfer gedroht. In Kabul ist der Wahlkampf trotzdem voll im Gange.

Wer auf den Straßen der afghanischen Hauptstadt unterwegs ist, bekommt unweigerlich mit, dass Wahlkampfstimmung herrscht. An jeder Ecke – mal klein und unaufdringlich, mal riesig – werben Plakate für die Präsidentschaftskandidaten. Es sind autoritäre Gesichter, meist Bartträger mit traditioneller afghanischer Kleidung oder westlich aussehende Pioniere mit Schlips und Krawatte. Die meisten von ihnen sind Warlords, die in den 90er Jahren aufstiegen. Zumeist sind es Kriegsverbrecher, auf deren Konto der Tod zahlreicher Zivilisten geht. Diese Machthaber werden stets von ihren eigenen, immer gewaltbereiten Milizen eskortiert. Als die NATO-Truppen 2001 ins Land eindrangen, schloss man ein Bündnis im Kampf gegen die Taliban mit ihnen. Seitdem bekleiden die Kriegsfürsten hohe Regierungsposten und schaffen Gelder beiseite. Für die Wahlpropaganda und unzählige Plakate haben sie ausreichend Finanzen, während der Großteil der Bevölkerung Hunger leidet.

Die Wahlpropaganda will nicht recht überspringen auf die Afghanen. Die meisten sind skeptisch und sehen schwarz für die Zukunft. Die Bevölkerung sehnt sich nach wirtschaftlichem Fortschritt und vor allem Frieden. Dass diese Dinge jedoch wirklich kommen werden, daran glaubt kaum einer. Vor allem der Frieden ist überhaupt nicht in Sicht. Die Sicherheitssituation hat sich in letzten Monaten verschlimmert. Die Angriffe der Aufständischen machen auch vor jenen Hauptstadtvierteln nicht mehr Halt, die als sicher galten. Soldaten überwachen vor allem Gegenden, in denen sich viele Ausländer und reiche Afghanen bewegen. Vor allem die elitäre Bevölkerung Kabuls ist in Sorge über die zunehmende Gewalt. Der einfache „Kabuli“, der Schuhe putzt oder Obst verkauft, lebt tagtäglich mit der Todesgefahr.

Auf Kabuls staubigen Straßen wimmelt es von solchen „einfachen“ Menschen. Tagein, tagaus verrichten sie ihre Arbeiten. „Irgendwie muss es ja weitergehen“, lautet der Wahlspruch der meisten von ihnen. Mit dieser Einstellung haben sie die letzten dreißig Jahre überlebt. Der Großteil der Bevölkerung hat keine hohe Meinung von der Politik, die existenziellen Sorgen sind riesig, der Kampf, die eigene Familie zu ernähren, ist vorherrschend. Nichtsdestoweniger scheinen die Afghanen einer Nostalgie für große politische Gestalten der Vergangenheit nachzuhängen. Die Macher des letzten, ja sogar des vorletzten Jahrhunderts, sind immer noch allgegenwärtig. An zahlreichen Autofensterscheiben kann man die Porträts afghanischer Könige, Politiker und anderer historischer Persönlichkeiten erkennen.

Besonders populär scheint Mohammad Nadschibullah Ahmadzai, kurz Nadschib, zu sein, der letzte von den Sowjets installierte Präsident des Landes. 1996 wurde er von den Taliban exekutiert. Nadschib war ein charismatischer Mann, dessen rhetorische Fähigkeiten die der meisten anderen Politiker Afghanistans übertrafen. Er proklamierte stets Einigkeit unter den verschiedenen Volksgruppen und erging sich in seiner Vision von einer friedlichen Zukunft. Vor seiner Präsidentschaft war er aber alles andere als ein Friedenstäubchen. Als Chef des Geheimdiensts KHAD erwies er sich als persönlicher Folterknecht von Hunderten von Gefangenen. Mehrere tausend Afghanen wurden von den Geheimdienstschergen getötet – die genaue Zahl wird wohl nie bekannt werden. Dass Nadschib dafür verantwortlich war, wird von zahlreichen Afghanen bis heute verdrängt.

Auf keinen Fall sollte man einem seiner immer noch zahlreich vorhandenen Anhänger diese Wahrheit ins Gesicht sagen. In solch einem Fall muss man mit Ohrfeigen rechnen. Historische Fakten zählen hier nicht. Jeder hat seine vermeintlichen Helden, die er bis aufs Blut verteidigt, sei es Nadschib oder irgendeiner von den zahlreichen Kriegsfürsten.

Die Einzigen, die unter allen Afghanen geschlossen auf Ablehnung stoßen, sind Präsident Hamid Karzai und die Taliban. Ersterer setzt in letzter Zeit alles daran, seinen Namen für zukünftige Geschichtsbücher reinzuwaschen, indem er ohne Unterlass die US-Besatzung beschimpft und sich weigert, das Sicherheitsabkommen mit den US-Amerikanern zu unterschreiben. Diese Strategie hatte bis jetzt Erfolg. Obwohl man im Weißen Haus in Washington ungehalten ist, wird allem Anschein nach erst Karzais Nachfolger den Vertrag signieren. Das Abkommen wird nach Worten des afghanischen Publizisten Ahmad Waheed Mozhdah Afghanistan praktisch zu einer „US-Kolonie“ machen. „Karzais Nachfolger wird den Vertrag unterschreiben. Der Krieg wird wie gewohnt weitergehen. An einer friedlichen Lösung ist man nicht interessiert“, behauptet Mozhdah.

Als Beobachter der Vorgänge in Afghanistan hat man wenig Hoffnung für die Zukunft. Der einfache Afghane, der über das weltpolitische Geschehen kaum Bescheid weiß, ist überzeugt, dass „ohnehin in Washington bestimmt wird, wer in Kabul regiert“. Auf die Frage, warum so viele Afghanen Kriegsverbrecher auf einen Sockel heben, hört man nicht selten Antworten wie „Afghanen vergessen schnell“ oder „Hier regiert nun mal der Mann mit der Kalaschnikow, wir sind doch nicht in Europa.“




Quelle: „Neues Deutschland“, www.neues-deutschland.de

Schlagwörter: Afghanistan, Wahl, Wahlkampf, Wahlpropaganda, Politiker, Taliban, Warlords, Sicherheitslage, Kabul, Anschläge, Attentate, Sicherheitsabkommen, Hamid Karzai, Washington, Nachfolger, Pessimismus, Kandidaten, Wähler, Wahllokale, Wahlhelfer