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Leben ohne Waffe: Kriegsmüde Rebellen kehren nach Ruanda zurück

Meldung vom 11.03.2009

Seit 15 Jahren kämpfte die Hutu-Miliz, die FDLR, im Ostkongo. Viele Krieger sind nun ausgelaugt und müde. Sie ergreifen die Flucht und riskieren dabei ihr Leben. Viele nehmen das Angebot an, auszusteigen und in ihre Heimat nach Ruanda zurückzukehren. Die einzige Bedingung: die Waffen abgeben und den Kampf beilegen. Das neue Entwaffnungsprogramm der Weltbank und der Regierung Ruandas zeigt erste Erfolge.

Erschöpft sitzt Bahati Nsinganumwe auf dem Boden eines Zeltlagers der UN in Goma, im Ostkongo. Das T-Shirt ist völlig zerfetzt. Nur die Camouflage-Mütze ist noch ein Indiz dafür, dass der 34-Jährige ein Kämpfer war. Er kämpfte in Kongos grausamster Rebellenmiliz – der FDLR. Bis gestern. Dann zog er seine Uniform aus, übergab seine Waffe der UN. Er sei müde, gab er zu. „Ich habe im Radio gehört, dass die UNO sich um mich kümmern wird. Das hat mich sehr glücklich gemacht. Meine Kammeraden im Dschungel wollen auch aufgeben. Sie warten, sie sind müde. Doch wenn sie erwischt werden, dann werden sie getötet.“

15 Jahre hat der 34-Jährige im kongolesischen Dschungel gelebt. Nsinganumwe ist Hutu. Nach dem Genozid an der Tutsi-Minderheit 1994 ist er wie viele geflohen – aus Furcht vor der Rache der Tutsi-Befreiungsarmee. In den überfüllten Flüchtlingslagern im Ostkongo gab ihm ein Offizier ein Gewehr. Seitdem war Nsinganumwe Kämpfer in der Miliz.

Die Rebellen beziehen Geld aus dem Schmuggel mit Gold, Coltan und Diamanten. „Wir arbeiten für den Kommandeur: Wir rauben, wir stehlen, wir töten für ihn. Doch wenn wir gehen, dann verliert der Kommandant sein Einkommen. Deswegen erlaubt er uns nicht, nach Hause zu gehen.“ Für Reue sieht Nsinganumwe keinen Grund, er habe ja nur seinen Job getan. Zuletzt übte er seinen Dienst an einer der Straßensperren aus: Steuern eintreiben. Die Kalaschnikow stellte dabei sein Arbeitsgerät dar.

Doch das gehört jetzt der Vergangenheit an. Nsinganumwe wiegt sein Baby auf dem Arm. Seine 24-jährige Frau sitzt an seiner Seite. Das Baby hat Fieber. Deswegen hat der junge Vater entschieden, nach Ruanda zu gehen. Wie Nsinganumwe so haben in den vergangenen Wochen 350 Rebellen kapituliert. Ein Grund dafür war die gemeinsame Militäroffensive, die die kongolesische und ruandische Armee gestartet haben. Viele Kämpfer standen vor der Frage: Im Dschungel sterben oder ein Leben in Frieden?

Das Entwaffnungsprogramm der Weltbank bietet den müden Kriegern endlich einen Ausstieg, erklärt der Entwaffnungs-Experte Harald Hinkel. „Wir haben es hier nicht mit tausenden fanatischen Kämpfern zu tun, die für ihre Sache sterben wollen. Wir haben es mit jungen Männern zu tun, die überleben wollen und ein normales Leben führen möchten. Das Schlüsselproblem sind die Extremisten der Führung im Ausland, in Europa, auch in Deutschland. Das sind zwar nur ein paar Dutzend, aber die sind uneinsichtig und bereit, tausende ihrer Leute für ihre Sache zu opfern.“

Ein Bus bringt die Schar müder Krieger über die Grenze nach Ruanda. Zwischen den Männern herrscht angespanntes Schweigen. Die Ex-Kämpfer fühlen sich unsicher. Doch einen Vorteil haben sie schon zu spüren bekommen: Nsinganumwe sieht mit seinem frischen Hemd und den neuen Hosen wie ausgewechselt aus. „Das ist mein Heimatland Ruanda. Ich bin sehr glücklich!“ Vor einer Reihe Wellblechhäusern hält der Bus. Das ist das Schulungszentrum der Entwaffnungs- und Reintegrations-Kommission. Hier dürfen die Ex-Rebellen lernen, wie ein normales Leben funktioniert. Wie erhält man einen Kredit bei einer Bank? Wie hoch sind die Kosten für eine Krankenversicherung? Wie geht man in Ruanda zur Wahl? Im Geschichtsunterricht will der Lehrer wissen, was das Wort Genozid bedeutet.

Was eine Versicherung oder Bank ist, das scheint für ihn schwer nachvollziehbar. Nsinganumwe hat noch Einiges vor sich, bis er sich zurechtfinden wird. Die Weltbank gibt den Ex-Rebellen ein Startkapital von 100 Dollar. Das will Nsinganumwe in ein Stück Land, Ziegen und Hühnern anlegen. Die größte Herausforderung aber scheint vorerst eine andere zu sein, wie er zugibt. Dies ist der erste Tag seit 15 Jahren, an dem er keine Kalaschnikow mehr in der Hand hält. Er wirkt verletzlich und unsicher. Er hat nichts mehr, woran er sich festhalten kann. Ein Leben in Frieden, das sei vorerst gar nicht vorstellbar, sagt er.




Quelle:  „Deutsche Welle“, dw-world.de