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Äthiopien: Religiöse Manuskriptkunst gegen iPads

Meldung vom 15.05.2014

In Äthiopien gibt es noch ein uralte Tradition: Die Herstellung von handgefertigten Manuskripten. Zumeist haben sie religiösen Inhalt und ihre Produktion ist sehr aufwendig. Die Kunden für solche Manuskripte bestehen zumeist aus Kirchen. Misganew Andeurgay nimmt seinen Federhalter zur Hand, taucht die Spitze in ein Glas mit scharlachroter Tinte und schreibt das amharische Wort für „Gott“ auf eine Pergamentseite. Er gehört zu einer Berufssparte von Äthiopiern, die mit Ehrfurcht und Hingabe die heiligen Schriften für die Nachwelt vervielfältigen und damit zugleich die alte Manuskriptkunst nicht absterben lassen.

„Das ist eine schwierige Arbeit, doch ich mag sie“, versichert der 50-Jährige, der sein Handwerk seit 21 Jahren ausübt und andere darin ausbildet. Stundenlang sitzt auf dem Boden, um die amharische Kalligraphie aufs Papier zu bringen – ein für Beine und Knie schmerzhafter Prozess.

Misganew hat seine Familie in Gondar im Norden Äthiopiens zurückgelassen, um sich ins 700 Kilometer entfernte Debre Libanos, 100 Kilometer nördlich von Addis Abeba, auf den Weg zu machen. Hier sind die Tierhäute, die er für sein Pergamentpapier benötigt, preiswerter, und auch der Erlös, den er für seine Bücher erhält, ist besser. Doch das Überleben der traditionellen Manuskriptkunst ist unsicher. Und auch die damit verbundenen Fertigkeiten wie die Kunst der Kalligraphie und der Illustration sowie die Buchbinderei drohen, auszusterben.

Äthiopien ist zwar ein wirtschaftlich sich stark entwickelndes Land, das seit 2004 ein durchschnittliches Wachstum von zehn Prozent präsentiert. Dieser Trend wird aller Voraussicht nach weitergehen und sich auf ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich acht Prozent einpendeln. Doch nicht alle Bürger ziehen Nutzen aus dem wirtschaftlichen Aufwind.

Die traditionellen Schreiber zählen zu diesen Unglücklichen, die wenig vom Aufschwung der Wirtschaft mitbekommen. Sie sind die Leidtragenden einer sich vergrößernden Lederindustrie, die immer mehr exportiert. Im Jahr 2011 brachte der Export von Leder und Ledererzeugnissen 2,8 Milliarden US-Dollar ein. Bis 2020 könnte er um weitere vier Milliarden Dollar nach oben schnellen, wie das äthiopische Industrieministerium angibt. Doch dieser an sich positive Trend hat die Preise für die Tierhäute, dem Rohstoff der Schreiber, enorm verteuert.

Die Herstellung von Manuskripten aus Pergament wird zunehmend zu einer kostspieligen Angelegenheit, die darüber hinaus extrem viel Zeit verschlingt. In beiden Aspekten sieht der Äthiopienexperte John Mellors, der das ostafrikanische Land seit 1995 regelmäßig bereist, die Ursache für den Niedergang der lokalen Pergamentproduktion. „Ein weiteres Problem besteht darin, dass es für die Schreiber zunehmend schwierig wird, Mäzene zu finden, die die Bücher für sich oder für Kirchen einkaufen“, ergänzt er. „Viele Städter wissen zudem gar nicht, dass es noch Pergamentpapier gibt und kommen deshalb gar nicht auf die Idee, die Herstellung eines solchen Buches in Auftrag zu geben.“

Misganew sitzt etwa zwölf Stunden am Tag über den Handschriften. Langsam kratzt seine Feder über das Pergament und hinterlässt neben den Schriftzeichen schwache Abdrücke. Bis zum Ende eines jeden Monats kann er ein Buch aus mindestens 32 Seiten zusammenstellen, das er für etwa 3.000 Birr (114 Euro) veräußert – wenn es einen Interessenten gibt. „Im Durchschnitt verdienen die Schreiber jedoch inzwischen so wenig, dass die Bereitschaft junger Leute, das Handwerk zu erlernen, sinkt“, erzählt Mellors.

Nachforschungen haben ergeben, dass der Ursprung der Pergamentherstellung, wie sie heute in Äthiopien anzutreffen ist, auf christliche Mönche zurückzuführen ist, die sich im vierten Jahrhundert über das Rote Meer begaben und ihre Bibeln mitnahmen. „Die darin enthaltenen Texte wurden von den Schreibern auf Pergament übertragen. Die schon damals angewandten Techniken haben sich seither nur wenig verändert“, betont Mellors.

In Äthiopien werden die Pergamente nach einem Verfahren hergestellt, das in Europa zuletzt vor 1.000 Jahren üblich war, wie Richard Pankhurst, ein anerkannter Experte äthiopischer Manuskriptillustrationen erklärt. „Dass Äthiopien diese Tradition bis in unser Zeitalter aufrechterhält, macht es so einzigartig.“ Doch stellt sich die Frage, wie lang die Schreiber sich damit noch am Leben halten können. „Die zugrunde liegende und gut dokumentierte Methode zur Herstellung der Pergamentmanuskripte sollte aber unbedingt fortbestehen“, wünscht sich Mellors.

Der britische Lederhersteller Pittards, der seit 100 Jahren seine Tierhäute aus Äthiopien einführen lässt, hat versprochen, dem Land etwas an Leder zurückzugeben. Damit will er das Land darin unterstützen, die alte Tradition der Manuskriptherstellung aufrecht zu erhalten und die damit verbundenen Fertigkeiten zu schützen. Doch damit ist das Weiterbestehen des traditionsreichen Handwerks bei weitem noch nicht gesichert.

„Wir wollen nicht am Ende nur noch mit iPads dastehen“, unterstreicht Hasen Said, Chefkurator des ethnologischen Museums in Addis Abeba. „Wir sollten dem alten Handwerk der Manuskriptproduktion einen besonderen Stellenwert im modernen Leben einräumen. Neue Technologien und alte Formen können in einem historisch reichen Land wie Äthiopien, das sich aber auch immer mehr zu einem globalisierten Land entwickelt, durchaus koexistieren.“ Das mittelalterliche Kloster in Debre Libanos, das die letzte Schule für Kalligraphen unterhält, gibt Anlass zur Hoffnung, dass die traditionelle Herstellung der Pergamentmanuskripte nicht aussterben wird.

Wie die Gesellschaft der Freunde des Instituts für äthiopische Studien meldet, gibt es in Äthiopien leider viel zu wenig Lagerraum, um die reichen Kulturgüter angemessen zu verwahren. Dies hat dazu geführt, dass unzählige Artefakte im Verlauf der Jahrhunderte gestohlen und illegal außer Landes gebracht wurden. Ein Mönch im Kloster Debre Libanos machte diesbezüglich auf den Diebstahl hunderter Manuskripte durch die britische Armee nach der Makdela-Expedition im Jahre 1868 aufmerksam. Sie wurden nie zurückgegeben.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: afrika.info

Schlagwörter: Äthiopien, Manuskripte, Manuskriptkunst, Handschriften, Kalligraphie, Illustration, Buchbinderei, Leder, Pergament, Tierhäute, Tradition, Kloster, Wirtschaft, Export, Buch, Kirche, religiöse Manuskripte, Mäzen, Debre Libanos, Gondar, Fortschritt, Aussterben, iPads, Bibel