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Nicaragua: Sie kämpften Seite an Seite – doch jetzt hat Ortega seine einstigen Mitstreiter gegen sich

Meldung vom 11.12.2017

In Nicaragua werden oppositionelle Kräfte systematisch unterdrückt. Früher kämpfte Dora María Téllez Seite an Seite mit dem heutigen Präsidenten Daniel Ortega gegen die Somoza-Diktatur. Inzwischen hat sich die ehemalige Guerilla-Kämpferin zu einer erbitterten Kritikerin ihm gegenüber entwickelt.

Manche Menschen sterben, bevor sie physisch tot sind. Für Dora María Téllez ist Daniel Ortega lebendig tot. Der frühere Guerilla-Kommandant und nunmehrige Präsident Nicaraguas stritt in den 1970er-Jahren gemeinsam mit Téllez für die Revolution gegen den rechten Diktator Anastasio Somoza. Doch inzwischen hat er die damalige linke Ideologie weit hinter sich gelassen, sagt Téllez heute. Das Festhalten an der Macht steht bei ihm völlig im Vordergrund.

Die Haare ergraut, das Hemd noch immer straff in die Hose gesteckt, bezeichnet die heute 62-jährige Téllez in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua den Präsidenten als „die größte Enttäuschung“ ihrer Generation. Als junge Medizinstudentin hatte sie sich Ende der 1970er-Jahre für die Revolution stark gemacht. Die Rebellen hießen Sandinisten. Ihre große Vorbildfigur war Augusto Sandino, der in den 1920er- und 1930er-Jahren gegen die US-Besatzung vorging.

„Wir mussten zu den Waffen greifen, weil die Generation unserer Eltern geschwiegen hat“, erklärt sie zu ihrer Entscheidung. Mit 22 Jahren schließlich wurde Téllez unter ihrem Decknamen „Comandante Dos“ bekannt: Gemeinsam mit 23 Frauen und Männern drang sie im August 1978 in den Nationalpalast ein und nahm etwa 2.000 Menschen als Geiseln. Sie kündigten an, die rund 65 Angehörigen des Somoza-Regimes einen nach dem anderen zu erschießen, wenn verhaftete Mitstreiter nicht auf freien Fuß gesetzt und ihnen zehn Millionen US-Dollar ausgehändigt würden. Drei Tage später ließ man die Kämpfer laufen. Sie flohen mit einer Million US-Dollar aus dem Land Richtung Panama. Téllez hatte das Regime stark unter Druck gesetzt und ihm seine erste öffentliche Demütigung zugefügt.

1979 kam sie nach Nicaragua zurück. Téllez hatte das Kommando über Einheiten im Kampf an der Südfront und schließlich in Zentral- und Nordnicaragua übernommen, wo sie auch mit Ortega gemeinsam kämpfte. Nach dem Sieg der Revolution am 19. Juli 1979 wurde ihr unter Ortega als Präsidenten das Amt der Gesundheitsministerin zuteil. Sie wurde schließlich von den Vereinten Nationen für ihre Gesundheitskampagne geehrt. In den 1990er-Jahren jedoch führte ein Konflikt zu einem völligen Bruch. Téllez wurde plötzlich zum Staatsfeind erklärt. „Mein Telefon wird überwacht, die Polizei folgt mir überall außerhalb Managuas hin, und ich bekomme keinen Job mehr im Land“, berichtet die 62-Jährige von den Auswirkungen ihrer öffentlichen Kritik an Ortega.

Und doch will sie sich nicht einen Maulkorb aufsetzen lassen und vergleicht den Präsidenten mit dem Ex-Diktator Somoza: „Es gibt wieder eine Familie, die Macht und Kapital anhäuft“, kritisiert Téllez. Korruption, Unterdrückung der Meinungsfreiheit und Straffreiheit für Regimeangehörige – gegen all das sei sie in der Revolution eigentlich vorgegangen, sagt sie. Jetzt sind alle Themen wieder da: „Das Schlimmste ist, dass wir den Himmel bereits erreicht hatten und wieder hinausgeflogen sind.“

Um sich gegen Ortega politisch zur Wehr zu setzen, rief sie 1995 gemeinsam mit Mitstreitern die MRS, die Sandinistische Erneuerungsbewegung, ins Leben. Als Opposition zur Regierung konnte die Partei bis 2008 existieren – dann ließ Ortega ihr vom Obersten Gericht den legalen Status entziehen. Eine Woche vor der Entscheidung widersetzte sich Téllez mit einem Hungerstreik gegen die „Diktatur“, musste aber schließlich nach zwölf Tagen damit aufhören. Ärzte hatten ihr erklärt, dass sie sonst irreparable Schäden davontragen könnte.

Dass „Comandante Dos“ wieder zu den Waffen greift, lehnt Téllez ab: „Es darf keinen Krieg mehr geben. Wir haben damals einen hohen Preis bezahlt“, erklärt sie. Für sie müssen freie Wahlen wieder durch demokratische Vorgehensweisen ermöglicht werden: „Sonst lernt das Land wieder nicht aus seinen Fehlern.“

Téllez ist sich sicher, dass die Bevölkerung die Alleinherrschaft Ortegas immer kritischer sehen wird. Als Indikator dafür verweist sie etwa auf die geringe Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen 2016. Laut der obersten Wahlbehörde warfen 66 Prozent der Wahlberechtigten ihren Stimmzettel in die Urne. Die Opposition nennt diese Zahl unrealistisch – mehr als 70 Prozent hätten sich enthalten.

Obwohl bei den vergangenen Wahlen – wie auch bei den kommunalen Wahlen Anfang November – internationale Wahlbeobachter im Land sind, erkennt Téllez den Wahlbetrug bereits im Vorfeld. Nur von Ortega zugelassene Kandidaten dürften ins Rennen gehen. De facto bestehe keine Wahlfreiheit: „Kein offizielles Amt ist im Moment legitimiert“, betont sie.

Doch sie hat Hoffnung: „Ortegas Regime funktioniert wie im 20. Jahrhundert“, meint Téllez. „Doch nun ist das Zeitalter des Internets. Die Leute vernetzen sich.“ Somozas Kontrolle der Presse und der öffentlichen Meinung habe so gut greifen können, weil das Land völlig abgeschottet war. Doch nun könnten die Nicaraguaner alle nötigen Informationen über soziale Medien beziehen.




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Der Standard“, derStandard.at

Schlagwörter: Nicaragua, Daniel Ortega, Diktatur, Opposition, Dora Maria Téllez, Demokratie, Alleinherrschaft, Unterdrückung, Wahlen, Korruption, Familien-Diktatur, Vetternwirtschaft, Sandinisten, Revolution