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Nicaragua: Begräbnis von Ernesto Cardenal wird zum Politikum

Meldung vom 13.03.2020

In Nicaragua ist die katholische Kirche zur Zielscheibe der Regierung geworden. Da sie unbequem ist und sich um Verständigung zwischen Regierung und den seit Monaten auf die Straße ziehenden Demonstranten bemüht. Beim Gedenkgottesdienst für den verstorbenen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal kam es nun zu einem weiteren Eklat. Präsident Daniel Ortega entsendet seine Banden und Unruhestifter in die Kathedrale, um den Gottesdienst zu stören und die Anwesenden einzuschüchtern.

Nuntius Waldemar Stanislaw Sommertag bemüht sich, die Anhänger des sandinistischen Machthabers Daniel Ortega zu beschwichtigen. Umgeben von Fotografen und Kameraleuten in der überfüllten Kathedrale der nicaraguanischen Hauptstadt Managua redet er mit den ganz in rot und schwarz gekleideten Sandinisten. Sie hatten zuvor mit Sprechchören versucht, den Ablauf des Gottesdienstes zu stören.

„Viva Daniel“ oder „Wir wollen den Frieden“ skandierten die Anhänger von Präsident Ortega, der gemeinsam mit seiner Frau und Vizepräsidentin Rosario Murillo eine dreitägige Staatstrauer im Gedenken an Ernesto Cardenal anberaumt hatte.

Der Befreiungstheologe, Marxist, Priester und Schriftsteller war am Sonntag (01.03.2020) im Alter von 95 Jahren verstorben. Sein Sarg war in der Kathedrale von Managua aufgebahrt. Einen Ortega-Anhänger, der zuvor lautstarke Protestrufe ausgestoßen hatte, bat Sommertag um Ruhe: „Freund, es ist ein Gottesdienst.“

Nicht einmal am Sarg Cardenals, einem der Mistreiter der sandinistischen Revolution von 1979, der in den letzten Jahren immer mehr in Opposition zum Ortega-Clan gegangen ist, kam die Zwietracht des Landes zur Ruhe. Die Sandinisten in rot-schwarzer Kleidung waren schon Stunden zuvor mit Bussen antransportiert worden, um die Bänke in Beschlag zu nehmen und damit die Fernsehkameras auf sich zu ziehen. Die bürgerliche Opposition hingegen erschien in blau-weiß zur Trauerfeier.

Der Bischof von Matagalpa, Rolando Alvarez, der die Messe lesen sollte, konnte seine Stimme gegen die Sprechchöre der Ortega-Anhänger nicht durchsetzen. Als er davon sprach, einen Weg zu bahnen, damit die Bürger in Frieden, in Würde, in Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und Demokratie leben können, schrien die Ortega-Anhänger lautstark dagegen an. Einer von ihnen schimpfte in die Fernsehkameras, der Schriftsteller Cardenal sei zwar wegen seiner kulturellen Verdienste populär, aber er sei eben auch ein Verräter, berichtet das regierungskritische Portal Confidencial.

Cardenals Assistentin, Luz Marina Acosta, war angesichts der Situation fassungslos. Sie wirft der Regierung vor, gezielt Unruhestifter geschickt zu haben. „Das ist nicht korrekt gegenüber einem Mann der Größe von Ernesto. Wir wissen, wer sie geschickt hat.“ Als der Sarg nach draußen getragen wurde, so berichten regierungskritische Portale, wurden Cardenals Vertraute geschubst und beleidigt. Ein Reporter des regierungsnahen Portals El 19 Digital soll die Schriftstellerin Gioconda Belli als Verräterin verunglimpft haben. In der Berichterstattung dieses Portals wurden ausschließlich Bilder trauernder Sandinisten übertragen. Draußen fanden derweil offenbar heftige Übergriffe auf regierungskritische Journalisten statt. Mindestens drei Pressevertreter wurden tätlich angegriffen und ausgeraubt.

Das Oppositionsbündnis Allianza Civica kritisierte noch am Abend die Vorfälle: „In Nicaragua ist nichts normal. Die Bürger haben kein Recht, ihre Toten zu beerdigen, die Reporter können nicht berichten.“ Managuas Ex-Weihbischof Silvio Baez, vom Papst ins sichere Exil geschickt, gab am Abend via Twitter bekannt, er sei wütend über das, was in der Kathedrale vor sich gegangen sei. „Totale Respektlosigkeit. Einmal mehr zeigen die Banden des Diktators ihren Fanatismus und ihre Gewalt. Meine Solidarität mit den angegriffenen Personen und Journalisten. Genug von dieser Irrationalität.“

Als einer der bekanntesten Vertreter der Befreiungstheologie hat Ernesto Cardenal unter anderem am Sturz des rechten Diktators Anastasio Somoza in Nicaragua mitgewirkt, nach der Revolution 1979 wurde er zum Kulturminister der sandinistischen Regierung ernannt. Später nahm Cardenal Abstand von den Sandinisten und entwickelte sich zum scharfen Kritiker des linksgerichteten Präsidenten Ortega. Wegen seines politischen Engagements untersagte ihm Papst Johannes Paul II. 1985 die Ausübung des priesterlichen Dienstes. Im Februar 2019 wurde dies durch Papst Franziskus wieder rückgängig gemacht. Ernesto Cardenal starb am vergangenen Sonntag im Alter von 95 Jahren.





Quelle: „Blickpunkt Lateinamerika“, www.blickpunkt-lateinamerika.de

Schlagwörter: Nicaragua, Ernesto Cardenal, Begräbnis, Kathedrale, Sandinisten, Opposition, Unruhen, Sprechchöre, katholische Kirche, Daniel Ortega