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Sudan/Südsudan: Abyei – ein Niemandsland im Stillstand

Meldung vom 08.11.2013

Chris Bak hat sich vor einigen Wochen nach Abyei zurückgewagt. Die Situation, die er dort vorfand, übertraf seine schlimmsten Erwartungen. Seine Heimatstadt in der gleichnamigen Region, die sowohl der Sudan als auch der Südsudan ihr Eigen nennen wollen, ist nicht wiederzuerkennen. „Wo man geht und steht, überall Schmutz“, klagt er, der in einer verlassenen Schule untergekommen ist.

Das Friedensabkommen von 2005 hat zwar das Ende des jahrzehntelangen sudanesischen Bürgerkriegs hervorgebracht und den Weg für einen unabhängigen Staat Südsudan geebnet. Doch die Zugehörigkeit der erdölreichen und landwirtschaftlich produktiven Region Abyei konnte auch nach langen zähen Verhandlungen nicht festgelegt werden.

Das Klassenzimmer, in dem Bak nun wohnt, hat kein Dach. „Regnet es, haben wir ein Problem“, gibt der Heimkehrer zu, der sich den Raum mit einem Freund teilt, der unter Malaria leidet. Die Suche nach einem Arzt war bisher vergeblich gewesen. „Wir sehen uns mit so vielen Problemen konfrontiert“, betont er. „Wir müssen Abyei endlich voranbringen.“

Fünf Jahre lang war der 25-Jährige nicht mehr in seiner Heimatstadt. Er kam zurück, um bei einem geplanten Referendum über die Zukunft von Abyei mit abzustimmen. Die Afrikanische Union (AU) hatte den Volksentscheid für Ende Oktober geplant, doch der Sudan hat mit seiner Ablehnung jegliche Entwicklung in diese Richtung blockiert.

Die Regierung in Khartum akzeptierte das Referendum nicht mit der Begründung, dass Mitglieder der pro-sudanesischen Gemeinschaft der Misseriya nicht an der Abstimmung teilnahmen. Die Hirten boykottierten das Referendum. Bisher hat die AU aufgrund des beharrlichen sudanesischen Widerstands noch keinen alternativen Termin für das Votum anberaumt.

Doch haben die Unstimmigkeiten den Eifer der Mehrheitsbevölkerung der Dinka Ngok, am 29. Oktober ein inoffizielles Referendum durchzuführen, nicht stoppen können. Ein Zusammenschluss traditioneller Führer, das sogenannte Hohe Komitee für ein Referendum in Abyei, hatte nach eigenen Angaben im letzten Monat die Anreise von 100.000 ehemaligen Einwohnern der Region geplant, damit diese ihr Kreuzchen machen konnten. Berichten zufolge sprachen sich 99,9 Prozent der Wähler für den Anschluss an den Südsudan aus.

Doch die AU hat den Alleingang als Risiko für den Frieden in der Region kritisiert, und die Regierung im Südsudan hatte bereits vor dem Referendum bekannt gegeben, dass das Ergebnis in ihren Augen nicht gültig sei. Nach Ansicht von Alfred Lokuji, Professor für Frieden und ländliche Entwicklung an der Universität von Juba, wird der Volksentscheid deshalb ohne Wirkung verhallen. Allerdings müsse man ihm einen hohen Symbolwert zuerkennen, da er die Entschlossenheit der Dinka Ngok dokumentiere, eine Lösung des regionalen Problems anzustreben.

Der sudanesische Präsident Omar al-Bashir war Ende Oktober 2013 in die südsudanesische Hauptstadt Juba geflogen, um dort mit seinem Amtskollegen Salva Kiir zu verhandeln. Nach dem Gipfeltreffen versprachen die beiden Staatsoberhäupter, mit ihren Plänen weiterzugehen, Abyei unter eine gemeinsame Verwaltung mit einer gemeinsamen Polizeieinheit zu stellen. Einen genauen Zeitplan stellten sie jedoch nicht vor.

Die Dinka Ngok haben diese Pläne ihrerseits stark bemängelt. Denn sie können sich den Luxus nicht leisten, im Stillstand zu verharren, bis Juba, Khartum und die internationale Gemeinschaft endlich eine dauerhafte Lösung für Abyei finden.

2008 war die Region ein Schlachtfeld verschiedener Milizen, die von der sudanesischen Regierung unterstützt werden, und südsudanesischen Kräften. Human Rights Watch beziffert die Zahl der Zivilisten, die vor den Kämpfen die Flucht ergriffen, auf 60.000. Das war der Moment, als auch Bak mit seiner Familie die Flucht ins vier Stunden Autofahrt entfernte südsudanesische Aweil ergriff.

2011 brachen kurz vor der Abspaltung des Südens vom Sudan erneut heftige Auseinandersetzungen aus. Überall in der Region sind noch die Trümmer von Häusern zu sehen, die damals zerstört wurden. Ein umgestürzter rotweißer Mobiltelefonmast liegt erschlagen quer über Bäumen und Ruinen und wurde nie weggeräumt.

Mit der Rückkehr von tausenden Menschen nimmt der Druck auf die Dinka Ngok-Führung zu, endlich etwas in der Region aufzubauen. „Wenn man sich hier umsieht, springt die viele Arbeit ins Auge, die auf uns zukommt“, sagt der Ingenieur Michael Acuil Deng, der lange Zeit in Juba lebte. „Wir müssen endlich loslegen.“

Doch Entwicklung in einem Niemandsland ist eine problematische Angelegenheit. Deng Agos Lowal gehört zu den Standfesten, die trotz der Kämpfe in Abyei ausgeharrt haben. Es ist Mitglied der lokalen Kommission für soziale Wohlfahrt, die sich darum bemüht, die Bevölkerung mit dem Grundlegendsten auszustatten. Doch ohne Unterstützung aus Juba oder Khartum besteht kaum eine Aussicht, der Not Abhilfe zu schaffen, sagt er. „Die Kinder und die alten Menschen sterben uns weg. Es gibt keine medizinische Grundversorgung.“

Zwar ist in der Region eine UN-Friedenstruppe im Einsatz, doch die ungewisse Zukunft vor Ort hat Hilfsorganisationen abgeschreckt, in der Region Entwicklungshilfe zu leisten. Das einzige, was übrig bleibe, sei abzuwarten, bis sich das Schicksal von Abyei entscheide, meint Lowal.

Der oberste Führer der Dinka Ngok, Bulabek Deng Kuol, wünscht sich, mit dem Alleingang seiner Gemeinschaft zumindest die regionale und internationale Gemeinschaft auf das Elend der Region aufmerksam gemacht zu haben. „Wir sind bereit, unsere gesamte Kraft in den Wiederaufbau zu investieren“, erklärt er. „Und wir hoffen auf die Ankunft von Hilfsorganisationen, damit es für die Bevölkerung hier leichter wird.“

Gebende Hände
führt trotz des hohen Sicherheitsrisikos treu und regelmäßig Hilfslieferungen in den Südsudan durch, um versprengten Flüchtlingen, die nichts haben, außer das, was sie auf dem Leibe tragen, mit dem Notwendigsten zu versorgen.


Weiterführende Informationen

 Südsudan: 24.04.2013: Situationsbericht




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: afrika.info

Schlagwörter: Südsudan, Abyei, Sudan, Friedensabkommen, Bürgerkrieg, unabhängig, Erdöl, Verhandlungen, Afrikanische Union, AU, Volksentscheid, Referendum, Misseriya, Wähler, Anschluss