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Afghanistan: Für das Überleben hunderter Menschen gesorgt (Reisebericht)

Bericht vom 18.02.2008


Eine mühsame Fahrt in die Berge. Fast stecken wir fest.


Wäsche waschen im Eiswasser – nicht weniger mühsam.


Schlittern auf dem Eis – eine der wenigen Freuden für die Kinder.


Esel sind hier die wichtigsten Transportmittel.


Manche Kinder sind so arm, daß sie selbst im Schnee barfuss laufen müssen.


Dankbar schleppen die Familien ihre Hilfsgüter nach Hause.

Jede Woche stand es Anfang 2008 in den Schlagzeilen: tausende Menschen erlitten im härtesten aller Winter in Afghanistan den Kältetod. Die Not der Menschen dort drängte uns, im Februar 2008 einen zusätzlichen Hilfstransport loszuschicken. Unser Einsatzleiter schrieb folgende Zeilen:

Am 8. Februar 2008 breche ich nach Afghanistan auf, um unsere Hilfsgüter auszuteilen und unser Waisenheim zu versorgen. Die Vorbereitungen sind endlich abgeschlossen, und mir gehen viele Gedanken durch den Kopf. Ich will herausfinden, wie die Menschen dort trotz Eiseskälte und nur notdürftig bekleidet überleben können. Ich möchte feststellen, wie wir ihnen am besten helfen können. Und ich wünsche mir, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihnen aufbauen zu können.

Wir werden nicht mit leeren Händen kommen. 1.750 Essenspakete und Decken liegen bereit und sollen wenigstens einen Teil der Nöte lindern. Jedes Packet enthält Mehl, Reis, Bohnen, Öl, Tee, Zucker, Salz und reicht aus, sechs Menschen acht Wochen lang zu ernähren.

In Kabul, der afghanischen Hauptstadt, gelandet, bemerke ich sofort die extrem angespannte Atmosphäre in der Stadt. Am Flughafen bekommen alle ankommenden Passagiere schusssichere Westen und Helme ausgehändigt. Fahrzeuge mit bewaffneten Männern eskortieren uns bis zum Hotel. Am Tag zuvor waren in Kabul 100 Menschen bei einem Selbstmordattentat umgekommen.

Hier in Kabul treffe ich mich mit meinem Team von einheimischen Mitarbeitern. Wir brauchen zwei Tage, um den Hilfstransport gründlich vorzubereiten. Kein Tag vergeht während dieser Vorbreitungen, ohne dass es in Kabul zu gewaltsamen Ausschreitungen kommt. Als ich das Hotel schließlich verlasse, um in die Bergregionen aufzubrechen, sind die Menschen fieberhaft damit beschäftigt, schützende Sandwälle um das Hotel herum zu errichten.

Die Reiseroute steht fest. Sie ist gefahrvoll und ich rechne beständig damit, dass katastrophale Schneefälle oder Überfälle und Angriffe auf unseren Hilfstransport alle Pläne umstürzen können. Wir wissen, dass unsere Unternehmung lebensgefährlich sein kann, aber wir denken an die vielen verhungernden und erfrierenden Kinder dort und können nicht anders, als uns auf den Weg zu machen.

In dem härtesten Winter Afghanistans seit 30 Jahren fahren wir mit mehreren Geländewagen aus Kabul heraus in Richtung Gebirge. Nur langsam kommt unser Hilfstransport auf den verschlammten, verschneiten Wegen vorwärts. Wir können das massive Gebirge schon in der Ferne vor uns sehen. Und doch erscheint es uns fast unerreichbar, wenn wir uns durch überschwemmte Schlaglöcher und unter ständiger Beobachtung feindlicher Gesichter einen Weg bahnen müssen, wo oft keiner mehr zu sehen ist.

Es ist eine mühsame Fahrt in die zwei völlig abgelegenen Bergdörfer Nangahar und Bamiyan, die bisher keinerlei Hilfe erhalten haben. Einmal bleiben wir fast im Schlamm stecken. Unser Fahrer bewegt den Geländewagen Zentimeter für Zentimeter aus dem zähen Schlamm. Wieder auf festerem Boden, atmen wir erleichtert auf. Die Fahrt kann weiter gehen.

Immer wieder sehen wir Gewehrmündungen auf uns gerichtet. Ich erstarre innerlich, doch kein Schuss fällt. Männer schreien uns an und drohen sogar, uns gefangen zu nehmen – doch niemand rührt uns an. Wie durch ein Wunder erreichen wir das erste Bergdorf.

Soweit das Auge sieht, erstreckt sich eine steinerne, mondähnliche Landschaft vor uns. Kein Baum und kein Strauch grünen hier. Nur die weißgeschneiten Bergmassen im Hintergrund dienen in dieser monotonen Landschaft als Abwechslung fürs Auge – eine überwältigende aber auch einschüchternde Kulisse. Dort liegt das Bergdörfchen, das wir gerade erreichen. Für die Menschen hier gibt es kein Entrinnen aus ihrer Armut, das ist klar.

Die eisige Kälte in diesen Höhen lässt sogar schnell fließende Gebirgsbäche festfrieren. Ein gleich bleibend stahlblauer Himmel unterstreicht noch die Unbarmherzigkeit der harten Witterungs- und Lebensbedingungen. Es ist schwer vorstellbar, dass irgendetwas in diesem Land fruchtbar gemacht werden könnte.

Wir kommen nicht weit. Mehrere ältere, beeindruckend aussehende Männer nähern sich uns und stellen sich uns in den Weg. Die zerfurchten Gesichter, die deutlich die Spuren der extremen Witterung und der vielen Entbehrungen tragen, schauen uns misstrauisch an. Geduldig erklären wir den Dorfvorstehern, warum wir hier sind.

Dann suchen wir uns eine zentrale Stelle und beginnen, Lebensmittel-Pakete und Decken an die Dorfbewohner zu verteilen. Jeder, der ein Packet erhält, kann seine Freude kaum verbergen. Ein Strahlen erhellt plötzlich die leidgeprüften Gesichter. Mühsam schleppt jeder einzelne die kostbare Last auf dem Rücken zu seiner Behausung, die manchmal nur einer Ruine gleicht. Wir sind betroffen und dankbar darüber, dass wir helfen können.

Auf der langen Fahrt zu einem zweiten Bergdorf leuchtet hier und dort ein rotes Kopftuch als einziger Farbfleck in der monotonen Landschaft auf. Kleine Mädchen sind mit Eseln zum Wasserholen unterwegs. Manche von ihnen tragen nur Sandalen ohne Socken. Manche von ihnen noch nicht einmal das. Sie laufen barfuss über das Eis und den Schnee. Mir erscheint es unbegreiflich, wie sie das aushalten können.

Esel sind das einzige Transportmittel hier in den Bergregionen. Mittelalterliche Verhältnisse herrschen in diesen Dörfern. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser. Als Behausung dienen mühsam aufgeschichtete Steinhaufen oder Lehmhäuser.

Manche Menschen leben in Höhlen. Viele Flüchtlinge sind in notdürftig zusammengehaltenen Zelten untergekommen und das bei bis zu minus 20 Grad! Aus einem Zelt schaut mich eine junge Familie an. Die Mutter hat ein kleines Kind auf dem Arm. Die Augen der Frau sind von tiefem Leid geprägt. Auf gefrorenen Eisflächen schlittern Kinder in Gummistiefeln um die Wette, – vielleicht die einzige Freude, die sie haben.

Ein paar Tage bleiben wir in den Dörfern und leben mit den Einheimischen. Wir lernen sie kennen. Wir dürfen sehen, wie ihre Gemeinschaft sie durch die Not trägt, wie sie Brot backen und mit welch einfachen Mitteln sie überleben können. In den wenigen Tagen spüre ich, dass das Vertrauen der Menschen zu uns gewachsen ist.

Schließlich brechen wir wieder auf und gelangen auf dem Rückweg zu unserem letzten Ziel: ein Waisenhaus in einer Stadt Afghanistans. Wir finden dort eine Insel der Geborgenheit für die Kinder vor. Inmitten des Elends gibt es dort Sauberkeit, Nahrung, Liebe, Annahme und saubere Betten. Gardinen und Teppiche mit fröhlichen Farben sorgen für eine kinderfreundliche Umgebung. Ich bin begeistert. Zusammen mit den Betreuern und den Kindern bereiten wir eine Mahlzeit vor, die allen ausreicht. Auf dem Boden sitzend, gibt es Salate, Gemüse und einheimische Gerichte. Es ist ein großer Trost zu sehen, wie die Kinder in diesem Lebensraum und unter dieser Behandlung aufblühen.

Dankbar kehren wir von unserer Reise zurück. Das wunderbare Wissen, für das Überleben hunderter Menschen gesorgt zu haben, ist ein großer Lohn für all die Mühen der vergangenen Tage. Doch der andere Eindruck ist ebenso stark: Es sind noch so viele, die auch auf unsere Hilfe warten. Es ist klar: Wir müssen wiederkommen – und zwar schon bald.